Full text: Hessenland (40.1928)

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nige Monate darauf, am 26. Februar 1879, er 
warb er gleichfalls in Marburg die philo 
sophische Doktorwürde und war danach in den 
nächsten Jahren neben seinem Unterricht als 
Mitarbeiter in der geologischen Landesunter 
suchung von Professor Eredner tätig. 
Bereits am 1. Januar 1878 wurde Wein- 
meister als Oberlehrer an der Thomasschule 
angestellt und hat dort ununterbrochen über 
43 Jahre bis zu seinem Uebertritt in den 
Ruhestand (Ostern 1921) gewirkt, davon über 
ein Menschenalter unter dem Rektorate des 
Geheimrats Iungmann, des gefeierten und von 
Lehrern wie Schülern in gleicher Weise verehr 
ten langjährigen Rektors der Thomana. Fast 
ausschließlich war er in dieser Zeit mit Unter 
richt in den Oberklassen betraut und hat es 
durch die ihm eigene klare und anschauliche Art 
des Unterrichts verstanden, die größte Zahl sei 
ner Schüler mit wirklichem Interesse für seine 
Unterrichtsfächer Mathematik und Physik, die 
er seit 1881 allein noch vertrat, zu erfüllen. 
Den Verwaltungsausgaben der Schule trat er 
nicht erst näher, als er 1917 zum Konrektor er 
nannt wurde; bereits in den letzten Jahrzehn 
ten seiner Lehrtätigkeit wurde er von seinem 
Rektor gern dazu herangezogen, da er für solche 
Tätigkeit in besonderem Maße geeignet war, 
und von ihm lange Zeit fast allein mit der Ver 
waltung der Witwenkassen der Schule betraut. 
Um dieser Eignung willen berief ihn auch das 
Ministerium in den Jahren 1910—1914 zur 
Leitung von Reifeprüfungen an Leipziger 
Realschulen. 1896 wurde er zum Professor er 
nannt, 1912 zum Studienrat, 1920 zum Ober- 
studienrat, 1916 wurde er mit dem Albrechts 
orden und 1918 mit dem Preußischen Kriegs 
verdienstkreuz ausgezeichnet. 
Rach seinem Ausscheiden aus dem Schul 
dienst war dem schaffensfrohen Manne aber 
kein wirklicher Ruhestand beschieden. Ende des 
Jahres 1921 wurde ihm von der Sächsischen 
Akademie der'Wissenschaften die Leitung des 
Poggendorff-Bureaus übertragen, wodurch er 
vor mannigfache neue Aufgaben gestellt ward. 
Im Auftrag der Akademie gab er im Sommer 
1926 nach jahrelangen Vorbereitungen den 
umfänglichen 5. Band des Poggendorffschen 
biographisch-literarischen Handwörterbuchs der 
exakten Wissenschaften heraus und hatte die 
Genugtuung, für diese Fachgebiete durch den 
Weltkrieg gelöste internationale wissenschaft 
liche Beziehungen durch seine Arbeit wieder 
anknüpfen zu helfen. Bis zu seinem Tode wid 
mete er dieser bedeutsamen Aufgabe weiterhin 
seine volle Kraft und war noch in den letzten 
Wochen seines Lebens mit den vorbereitenden 
Sammelarbeiten für die Herausgabe des 
6. Bandes beschäftigt. 
In seinen Wissenschaften ist Weinmeister im 
Gegensatz zu seinem Bruder Philipp als For 
scher mit eigenen Arbeiten nicht hervorgetre 
ten. Er besaß aber die hohe Gabe, die Ergeb 
nisse der Forschung auf mathematisch-physikali 
schem Gebiete seinen Schülern in klarer, fes 
selnder und allgemein verständlicher Form 
darzubieten und hat über den Kreis seiner 
Thomasschüler hinaus dank dieser Gabe eine 
Reihe von Jahrzehnten für den großen Stutt 
garter Unionverlag durch viele Hunderte von 
Aufsätzen zur Physik, Ehemie und Technik im 
„Guten Kameraden", im „Kränzchen" und im 
„Reuen Universum" als Jugendschriftsteller 
mit großem Erfolg gewirkt. Dazu war ihm ein 
ungewöhnliches Maß von Handfertigkeit eigen, 
und so konnte er im physikalischen Kabinett der 
Thomasschule, das seit 1904 unter seiner Lei 
tung stand, an der Drehbank, am Schraubstock 
und an der Hobelbank es mit manchem Hand 
werker wohl aufnehmen. Mit seiner Neigung 
für die Mathematik und die Naturwissenschaf 
ten verband Weinmeister, dem Einseitigkeit 
stets fremd gewesen ist, in hohem Maße schön 
geistige Interessen. Er war nicht nur ein fein 
sinniger Kenner der klassischen Literatur und 
Musik, sondern er hat auch durch eigene Ge 
dichte, die er zumeist in klassischer Form darbot, 
durch launige Tafellieder und tiefdurchdachte 
Rätsel, gelegentlich auch durch eigene Ver 
tonungen, in der Familie und im Kreise der 
Freunde und Amtsgenossen viel zur Verschöne 
rung festlicher Stunden beigetragen. — Un 
widerstehlich zog es ihn, dem die Natur ein fei 
nes, musikalisches Gehör verliehen hatte, von 
Jugend auf zu den Schönheiten der Musik. 
Schon als Primaner wirkte er, der gern die 
Violine und die Bratsche spielte, bei vielen 
musikalischen Veranstaltungen in Marburg 
mit. Später spielte er auch Flöte und Oboö 
und leitete eine Zeit lang an der Thomasschule, 
an der die Musik seit Johann Sebastian Bach 
stets eine besondere Rolle gespielt hat, ein 
Schülerorchester. Leider zwang ihn ein ner 
vöses Ohrleiden, sich schon früh von eigener 
musikalischer Betätigung zurückzuhalten und 
sich darauf zu beschränken, die Thomanermotet 
ten und die Gewandhauskonzerte anzuhören, 
zu deren regelmäßigen Besuchern er lange 
Jahre gehörte. Mit tiefer Liebe war er für 
das Bildungsideal erfüllt, das das humani 
stische Gymnasium verkörperte, und hat sich 
während seines ganzen Lebens aus innerster
	        

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