Full text: Hessenland (40.1928)

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Die Sickingische Fehde. 
Von dem monumentalen Werk, in dem 
vr. E. E. Becker die Geschichte des Geschlechts 
der Riedesel Freiherrn zu Eisen 
bach behandelt,*) liegt nunmehr der dritte 
stattliche Band vor. Mehr denn sieben Jahr 
hunderte hindurch reden in zahlreichen Archi 
ven geborgene Urkunden von den tapferen 
Kriegsleuten, klugen Staatsmännern und vor 
nehmen Landedelmännern dieses Geschlechts, 
das noch heute im Hessenland, wo des Stam 
mes Wurzel gewesen, blüht. Während der erste 
Band des Werkes, dessen Bildschmuck säst 
durchweg auf künstlerische Kräfte in der eige 
nen Familie zurückgeht, bis zum Jahre 1500 
reicht und der zweite den gesamten urkund 
lichen Stoff aus der Zeit 1200—1500 bringt, 
gibt der dritte Band, gestützt auf etwa 5500 
Urkunden, ein Bild vom Sein und Werden 
des Geschlechts und seiner einzelnen Glieder im 
16. Jahrhundert, zugleich aber auch ein far 
benreiches Bild der staatlichen und kulturellen 
Zustände, in denen sich die hessische und ein gut 
Teil der deutschen Geschichte widerspiegelt. Wie 
über manche Geschehnisse in der hessischen Ge 
schichte, so erfahren wir auch über die Sickin 
gische Fehde, über die hier aus dem viertenTeil 
des ersten Abschnitts des dritten Bandes ein 
kurzer Auszug gegeben wird, allerlei Neues. 
Bekanntlich wollte der durch seine bisherigen 
Erfolge zu großer Macht gelangte Ritter 
Franz von Sickingen 1518 an dem jugendlichen 
Landgrafen Philipp von Hessen billige Lor 
beeren erwerben, zumal mit der eben erfolgten 
Mündigkeitserklärung Philipps die hessischen 
Wirren keineswegs ihr Ende erreicht hatten. 
Zwischen Sickingen und dem an der Spitze 
des hessischen Adels stehenden Erbmarschall 
Hermann Riedesel (1481 bis 
1529) bestanden alte Beziehungen. So 
hatte Sickingen dreimal von Hermann 
Riedesel 80, 90 und 100 gerüstete Pferde zu 
seinen Fehden zugeschickt erhalten. Dann war 
*) Die Rie.d >eseI zu Eis enba ch. Geschichte 
des Geschiechts der Riedesel Freiherrn zu Eisen'b-ach, 
Erbmarschälle zu Hetzen. Im Aufträge der Gamt- 
familie versaßt von Dr. Eduard E d w i n B e ck e r, 
Band I. Dom ersten Auftreten des Namens dis zum 
Tod Hermanns III. Riedesel 1500. (1933.) Bd. II. 
Riedesel isches Urkundenbuch 1200—1500. (1924.) 
Bd. III. Dom Tode Hermanns III. Riedlesel bis zum 
Tode Konrads II. 1693 (1927). Verlag N. G. El- 
mert, Marburg. 
die Freundschaft erkaltet. Sicher befand sich 
auch Hermann Riedesel 1517 im Gefolge Phi 
lipps, als dieser dem Kaiser gegen Sickingen 
zu Hilfe zog. Nachdem Sickingen mit dem Kai 
ser Frieden geschlossen hatte, kündigte er 1518, 
u. a. unter Hinweis auf die Vorenthaltung ge 
wisser, von ihm beanspruchten Gefälle Hessen 
Fehde an, in die auch die Riedesel verflochten 
wurden. Hermanns Sohn Johann Riedesel war 
1515 von der Landgräfin Anna zum Amtmann 
der Pfandschaft Gernsheim a. Rh. ernannt 
worden. Als solcher hatte er Verwaltungs- und 
militärische Ausgaben. In den Kämpfen Sik- 
kingens war das Amt Gernsheim durch seine 
Lage überaus wichtig. So hatte Riedesel dar 
auf zu achten, daß die Fergen an der Fähre zu 
Gernsheim keine Anhänger Sickingens über 
den Fluß fahren ließen. Sickingen suchte zu 
nächst über seine Forderungen an die Land- 
gräfin Anna und die verordneten Räte zu ver 
handeln und lud zu diesem Zweck Hermann 
Riedesel auf die Ebernburg ein. Hermann 
schlug einen anderen Ort der Zusammenkunft 
vor, Sickingen lehnte ab, und so scheint es zu 
keiner Zusammenkunft gekommen zu sein. Am 
8. September 1518 schickte Franz seinen Fehde 
brief an den Landgrafen. Sofort traf man 
die nötigen Vorbereitungen. Vor allem mußte 
Sickingen, der sich anschickte, in die Obergraf 
schaft Catzenelnbogen einzufallen und mit 
2000 Pferden und 12 000 Mann anrückte, am 
Uebergang über den Rhein gehindert werden, 
über den er bereits mit dem Mainzer Dom 
kapitel verhandelt hatte. Hermann Riedesel 
ließ sorgfältig die Ueberfahrten von Worms bis 
Mainz bewachen. In Gernsheim, wohin er 
mit Eitel von Löwenftein, Philipp Meyfenbug, 
Wilhelm von Dörnberg und allen verfügbaren 
Reisigen gezogen war, erfuhr er, daß Sickin 
gen bereits oberhalb Worms mit etlichen Tau 
send zu Fuß und zu Pferd über den Rhein 
gekommen war. Schon war Lampertheim be 
setzt, um dort den Uebergang der weiteren 
Sickingischen Truppen zu ermöglichen. Ried 
esel bat noch in der Nacht den Landgrafen in 
einem dringenden Schreiben um Geschütz und 
Leute zum Schutze Gernsheims, durch dessen 
Eroberung Sickingen den Rhein und die Ueber- 
fahrt habe. In Gernsheim war die Stim 
mung der Ritterschaft bereits mutlos gewor 
den. So gab Hermann Riedesel Gernsheim 
preis und öffnete damit der feindlichen Ueber- 
macht den Weg nach Darmstadt. Er und die
	        

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