Full text: Hessenland (40.1928)

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des Pfannstiels Matern als „der alte Prior" 
bezeichnet. 
Der Prior hatte, wie das sckwn die Stif 
tungsurkunde vorsah, einen Mitkonvents 
bruder als Gehilfen, von denen uns bis 1510 
mehrere genannt und als „Bruder" oder 
„Kaplan" bezeichnet werden. Wohl infolge 
stärkeren Besuches des Wallfahrtsortes stellte 
sich damals die Notwendigkeit heraus, einen 
weiteren Kaplan anzustellen. Man hatte bei 
dem Rechenschaftsbericht 1510 beschlossen, 
Komtur, Prior und die Vertreter des Landes 
herrn sollten einen geeigneten frommen Mann 
ausfindig machen. Graf Ludwig glaubte nun 
einen gefunden zu haben, der auch dem Prior 
genehm sei. Auf die Mitteilung davon er 
widert aber der Komtur, er könne sich mit dem 
Vorschlag nicht einverstanden erklären. Die 
Statuten seines Ordens bestimmten, nur den 
in den Orden aufzunehmen, den er vorher ken 
nen gelernt und erprobt habe. Das sei aber 
nicht geschehen. Er werde aber in Kürze einen 
frommen, wohlgelehrten Mann dorthin schik- 
ken, über den er von Ordens wegen Macht 
habe zu strafen und ihn abzusetzen. Es ist dar 
nach anzunehmen — weitere Nachrichten feh 
len —, daß der Komtur seinen Günstling hier 
untergebracht hat. Es scheint so, als ob bei der 
Besetzung des Priorats der Graf, bei der Kap 
lansstelle der Komtur ausschlaggebend gewesen 
sei. Man ahnt das Intriguenspiel am Weil- 
burger Hofe, das sich zwischen den Walpurgis 
stiftlern in Weilburg und den Wiesenfeldern 
— hie Benediktiner, hie Johanniter — um die 
einträglichen Pfründen abspann. 
Jährlich erschien der Komtur persönlich im 
Pfannstiel, um nach dem Rechten zu sehen, 
selten kam ein Vertreter. Meist wählte er da 
zu die Zeit um die Kirmes, die am Sonntag 
Kantate gefeiert wurde. In dieser Zeit war 
der Pfannstiel ein vielbesuchter Wallfahrts 
ort. Er traf zu Pferd oder zu Wagen ein, von 
drei bis vier Begleitern umgeben, und blieb 
bis zu einer Woche. In dieser Zeit wurde die 
Rechnung abgehört und Vereinbarungen über 
das nächste Jahr getroffen. Für seine Mühe 
erhielt er jährlich dem Fundationsbrief gemäß 
10 Gulden. Mitunter kam der Komtur aber 
auch zu anderen Zeiten hierher, so 1498 auf 
Michaelis, als er das Ordenskapitel in Speier 
besucht hatte. Daß neben diesen Geschäften 
auch andere hier abgeschlossen wurden, zeigt 
folgende kleine Episode: In dem Opferstock 
sammelte sich Geld aus aller Herren Länder, 
gutes und schlechtes. Das mußte, um verrech 
net werden zu können, erst gewechselt werden. 
Der Komtur bot 6 Gulden dafür. Man ließ es 
ihm aber nicht und löste schließlich 9 Gulden. 
Der Komtur hätte also mit wenigstens 50 Pro 
zent Verdienst ein recht gutes Geschäft ge 
macht. 
Von Komturen werden uns namentlich 
außer dem 1482 bereits erwähnten Gottfried 
noch genannt: Johann Rossener (1500. 1509 
bis 1511) und Kaspar Löber (Lower, Leber, 
1517. 1519), der 1528 nach der Reformation 
als Vogt von Wiesenfeld bezeichnet wird. 1504 
und 1505 begegnet uns als Bevollmächtigter 
des Komturs Johann Sweczer, 1512 wird des 
Komturs Kapellan, Herr Wigand, 1518 der 
Iohanniterbruder, Herr Konrad Haen, er- 
wäbnt. 
Im Jahre 1524 treffen wir in Weilburg auf 
die ersten Anzeichen der Reformation, die 
Ende 1526 ernstlich durchgeführt wird. Die 
Spenden der Frommen, die Züge der Wall 
fahrer lassen nach, hörten bald ganz auf, ja die 
Gülten und Gefälle gingen nur schwer ein. 
So hatte man 1525 nur 5 Gulden, 1526 über 
haupt nichts mehr nach Wiesenfeld geschickt. 
Das Wenige, was einkam, reichte wohl kaum 
zum Lebensunterhalt der Priester. Mit der 
Inventarisation des geistlichen Besitzes in 
Hessen hängt dann wohl auch das Schreiben 
des Wiesenfelder Vogtes (1528) zusammen, 
der sich an den Landgrafen mit der Bitte wen 
det, die seit 1525 rüständigen Iahrgelder von 
den Baumeistern des Nassauer Grafen im 
Pfannstiel einzufordern. Am 11. Februar 
willfahrt auch Philipp der Bitte, ohne daß wir 
über den Ausgang etwas erfahren. Unzweifel 
haft ist die Sache im Sande verlaufen, zumal 
auch keine innere Berechtigung für die Forder 
ung mehr vorlag. Die Zeiten waren andere 
geworden. Die Territorialherrn suchten alle 
fremde Gewalten, die Rechte in ihrem Terri 
torium besaßen, besonders aber geistliche, zu 
verdrängen. Hier zeigte sich der naussauische 
Graf als gelehriger Schüler Philipps des 
Großmütigen. Die Wiesenfelder Johanniter 
wurden abgefunden, ihr Besitz eingezogen, im 
Pfannstiel wurde später eine evangelische 
Pfarrei errichtet. Damit hörten die Beziehun 
gen des Pfannstiels zu Hessen naturgemäß auf.
	        

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