Full text: Hessenland (40.1928)

151 
der dankbare Romandichter einen frommen 
Wunsch erfüllen, welchen ein undankbarer 
Könia. allen Nachrichten zufolge, damals un 
berücksichtigt ließ. 
Valentin strich allein in all dem Glanz und 
Gewirr umher. Es wurde ihm wohl zuwei 
len das Herz schwer, wenn er liebende Pärlein 
Arm in Arm, Mütter mit den sorglich einge 
hüllten Kindern an der Hand, lustige und 
weinfrohe Kameraden in heitern Gruppen 
neben sich dahintreiben sah und dabei an seine 
arme Schwester, an sich gemahnt wurde, zwei 
verlorene Tropfen in diesem großen Meer, die 
niemand suchte, niemand erkannte, niemand 
fand. Dann und wann flog oder schlich, je 
nach dem Willen der Insassen oder dem Ge 
dränge in der Gasse, ein Wagen an ihm vor 
über, voll geputzter Frauen und galanter Her 
ren, ein pelzverbrämter Kutscher auf dem 
Bocke, ein reichgalonierter Bedienter hinten 
auf; französische Ausrufe und Witzworte 
streiften sein Ohr, manches Mal, wenigstens 
schien es ihm so, ein wohlgefälliger Blick aus 
dunklen Augen seine Gestalt. Alles Licht, 
alles Leben jener Welt, die er so früh geahnt, 
so brennend ersehnt hatte, schlug in naher 
Wirklichkeit über ihm zusammen; aber er 
konnte des gesuchten Elementes noch nicht 
Herr werden, es warf ihn zu Boden, statt auf 
hoher, glänzender Woge ihn zu tragen. „Ich 
kriege dich unter", stand auf der verbissenen 
Lippe des jungen, einsamen Fremdlings zu 
lesen, „du wirst mir dienen, wirst mich tränken 
und erfrischen, schäumender Ozean, oder — 
ich will versinken in dir!" 
Gegen Mitternacht erst lenkte er die 
Schritte nach Haus. Qualmend waren die 
meisten Lichter bereits erloschen, nur auf dem 
Martinsturme, dessen Umrisse groß, breit und 
feurig aus ihrer Höhe durch das Dunkel 
schienen, flimmerten sie noch über die er 
müdete Stadt. Je mehr der späte Wanderer 
ihren unteren Regionen sich näherte, desto 
stiller und dunkler ward es auf seinem Wege. 
Zwei Männer gingen, ohne sein zu achten, 
hinter ihm drein; er hörte unwillkürlich auf 
ihr Gespräch. 
— Hast du, so etwa lautete es, nicht eine 
Menge alter Bekannten heute auf der Gaffe 
getroffen? — 
„Wie das?" 
— Run, ich meine die Transparente, die 
unsere sparsamen Landsleute mit einer kleinen 
Veränderung aus dem Kurfürstentum ins 
Königreich übertrugen? — 
„Da gewannen sie freilich noch: aus einem 
W lasten sich eine Menge j in Brillanten 
schnitzen." 
— Und die Symbole, welche die Annahme 
des Kurfürstentitels verherrlickten, dienen 
gleich gut für die Königswürde, nicht wahr? — 
„Laß uns nachrechnen: vom Februar 1803 
bis Dezember 1807, da sind ja die Farben der 
Gemälde kaum nachgedunkelt." 
— Pah, es ist die alte Geschichte! Wie 
sagt doch der fette Dänenprinz: Des Vaters 
Leickenkuchen zu der Mutter Hochzeitsfest! 
Bloße Sparsamkeit, guter Horatio. — 
Valentin blieb stehen, um die Männer an 
sich vorübergehen zu lassen; sie stutzten, da sie 
seiner ansichtig wurden, und der eine griff 
unter den Mantel, wie nach einer verborgenen 
Waffe. Sie murmelten etwas unter sich und 
schienen unschlüssig, was zu tun sei? Valentin 
trat auf sie zu und sagte mit festem Tone: 
— Kein Spion, meine Herren, aber ein 
Warner! — 
„Also ein Freund?" 
— Die Nacht ist keines Menschen Freund. — 
„Wollen Sie mit uns gehen, bis es Tag 
geworden ist?" 
— Es fragt sich, wo Ihr Tag anbricht und 
wann? — 
„Wagen Sie den Versuch, ihm entgegenzu 
gehen?" 
— Wer nichts zu verlieren hat, hat nicht zu 
wagen, nur zu gewinnen. — 
„Wir gehen zusammen." 
— Vielleicht. — 
Alle drei verschwanden in der Nacht. 
Faschings-Dienstag?) 
Questo sicuro e gaudioso regno 
Frequente in gente antica ed in novella, 
Viso ed amore avea tutto ad un segno. 
Dante, Paradiso. 
G e grüßet se id mir, eb Xe Her rn, 
Gegrüßt ihr, schöne Damen! 
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! 
Wer kennet ihre Namen? 
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit 
Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Feit, 
Sich staunend zu ergötzen. 
G o e t h e. 
Lebhafter und lustiger hat die Stadt Kassel 
in allen ihren zahlreichen Wandlungen alter 
und neuer Form keine Zeit gekannt, als den 
Karneval des Jahres 1809. Mit der zweiten 
Woche desselben nahmen, auf jeden Donners 
tag fallend, die öffentlichen Masken- und Ko 
stümbälle ihren Anfang, auf denen auch der 
Hof mit glänzendem Gefolge zu erscheinen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.