Full text: Hessenland (40.1928)

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ter dem durchschneidenden Kiele schäumend zu 
sammenschlug und unwiderstehlich zum Por 
tal des Schlosses hindrängte. Da half kein 
Steuern und kein Zwängen, kein Ordnen und 
Verbieten mehr; alles durch und überein 
ander! 
An der Schloßtreppe standen seit neun Uhr 
morgens, mit bloßen Nacken und Armen, jene 
gewissen unausweichlichen weißgekleideten 
Jungfrauen, — stehende Figuren in solchen 
Gemälden, in jeder Schule dieselben vom An 
fang der absoluten Monarchie bis zum Ende 
der relativen Republik, — rührende Allego 
rien der städtischen Unschuld mit knieschlot 
ternder Angst und herzklopfender Langeweile, 
je nach der Jahreszeit in heilsamem Schweiß 
oder gelindem Zähneklappern befangen, Blu 
men streuend, die in zitternden Händen längst 
verwelkt sind, und Gedichte stotternd, die kein 
Mensch versteht, es sei denn der zornig von 
fern stehende Verfasser. Ein günstiges Un 
gefähr trug in die Nähe dieser schönen Fulda 
kinder, unmittelbar an die Säulen am Ein 
gang des Schlosses, unsern Valentin. Zwar 
sah er weder den König, noch die Königin, 
welche von Rosen und Versen verfolgt, lang 
sam die breite Staatstreppe hinangestiegen, 
dafür hatte er aber, — es gibt noch Ahnungen 
in der Welt, — das ersehnte Abenteuer, ge 
sehen zu werden. Einer von den Generälen 
aus des Königs Gefolge, der länger, als un 
umgänglich nötig gewesen, unter den Weiß 
gekleideten sich umschaute und erging, streifte 
zufällig mit einem Blicke den Waghals, wel 
cher so weit vorgedrungen war. Valentin 
fing hastig den Blick auf und grüßte tief, je 
doch mit der Miene eines guten, alten Be 
kannten. Der General, es war richtig Morio, 
nahte und rief hinüber: „Viens, tiens, voilà 
eneore mon quicke!" — Oui, mon général, 
klang es keck zurück, le voilà, partout et tou 
jours à vos ordres. — Der General trat um 
einen Schritt näher, durch das erstaunt zu 
rückweichende Volk und musterte das blaffe 
stumme Mädcken an Valentins Hand. „O'est 
doue votre soeur?" fragte er. — O'est eile. 
— „Pas mal; à revoir, mon ami." Jenes 
murmelnd, dieses laut hinzusetzend, eilte der 
General zurück und verschwand im Gefolge 
des Königs. Alle Zeugen dieses kurzen Auf 
tritts, die mit maßlosem Erstaunen gehört 
hatten, wie ein französischer General den vor 
lauten Burschen seinen Freund geheißen und 
sogar mit ihm parliert hatte, machten dem nun 
überglücklich davoneilenden Helden und seiner 
Begleiterin willig Raum; selbst auf Mephisto 
fiel ein Teil dieser Ehre zurück, ungebeten 
schlüpfte er unter den Füßen der Menge 
durch, seinem Herrscherpaare nach, in die be 
reits wohlbekannte Straße zum „Goldenen 
Fäßchen". 
Glücklich wie ein König, setzte sich Valentin 
zu seinen Salzkartoffeln nieder. Glücklicher 
vielleicht, als der König, welcher um einige 
Stunden später, um vier Uhr, an der wohl 
besetzten Host und Galatafel den Ehrenplatz 
einnahm. Wir kennen die entzündliche Ein 
bildungskraft unseres jungen Freundes ge 
nug, um zu wissen, daß ein unbedeutender 
Funke sie zu hochlodernden Freudenfeuern 
hinriß. Die flüchtige Begegnung mit General 
Morio gestaltete sich für sie zu einem festen 
Punkte, woran die schönsten, goldensten Fäden 
seiner Zukunft aufs neue mit der Schnellig 
keit und Zähigkeit der emsigen Spinne ange 
heftet wurden. Nicht so Marie. Sie hielt 
sich noch stiller, als ihre gewöhnliche Art war. 
Hatte der Raubvogelblick, welchen der Fran 
zose auf das Mädchen heftete, sie scheu ge 
macht? Die unschuldige Taube deutete oder 
bemerkte diesen Blick nicht einmal, welcher 
über die eckigen herben Züge und Formen 
des Kindes mit einem ahnenden Vergnügen 
an ihrer einstigen Entwickelung hinglitt. Das 
„Pas mal" verstand sie nicht, auch wenn sie 
es gehört hätte, und Valentin hörte es nicht. 
Aber es war, wie der Bruder auch wahrnahm, 
seit dem kleinen Abenteuer, das ihn so zu 
frieden stellte, ein dunkler Schatten über die 
Stimmnug Mariens gezogen. Vergebens 
drang er mit Fragen und Forschungen in sie; 
erst als er heftig wurde, sie der Launenhaftig 
keit, der Teilnahmlosigkeit an seiner Freude 
beschuldigte, erst da brach sie in Tränen aus 
und sagte gebrochen: 
„Was hilft es auch, daß ich es Dir mitteile? 
Du verstehst es nicht, Du glaubst es nicht." 
— Geht's da hinaus, Marie? Also wieder 
um eine von Deinen Visionen, die Dich quält, 
ein Rückfall in Deine alte Kinderkrankheit? 
Pfui, Marie!" — 
Das Mädchen schüttelte schwer mit dem 
Kopfe; beide Hände hatte sie vor das blasse, 
leidende Gesicht geschlagen, und durch die 
Finger quollen einzelne heiße Tropfen. Va 
lentin erschrak, als er mit sanfter Gewalt ihre 
Hände an sich zu ziehen versuchte: aus dem 
feuchten Blick der Schwester schlug ihm wie 
derum jener unheimliche Seherglanz entgegen, 
der in früher Zeit so oft sie und ihn verfolgt 
hatte. Der Stern des sonst so klaren, milden 
Auges schien, größer geworden als gewöhnlich,
	        

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