Full text: Hessenland (40.1928)

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die Bürger von Hersfeld nicht mehr so umfas- 
sende Abwehrmaßnahmen hätten treffen kön 
nen. Auch muß der Einbruch in die Wohnung 
des Dekans schon am Nachmittag stattgefun 
den haben, weil die sieben Verschworenen 
schon am Abend hingerichtet wurden. 
Ein dunkler Punkt in der ruhmvollen Ab 
wehr der Hersfelder Bürgerschaft ist aller 
dings vorhanden. Nachdem der Angriff sieg 
reich abgeschlagen war, drang die blindwüten 
de Menge in das Stift ein und schlug hier in 
fanatischem Haß alles kurz und klein. Unersetz 
liche Werte wurden hier vernichtet, und der 
wackere Ratsherr Hermann Brückenmül 
ler, der diese Wirkung eines modernen Bol 
schewismus zweifellos nicht gewollt hatte, 
blieb diesem Treiben gegenüber machtlos. 
„Die Geister, die ich rief, sie werde ich nicht 
los". 
Trotzdem bilden die Geschehnisse der Vita 
lisnacht ein Ruhmesblatt in der Geschichte 
von Hersfeld und führen uns in das Helden 
zeitalter der Bürgerschaft zurück, in eine harte 
Zeit des Kampfes und der Selbstbehauptung 
Schildkröten in Hessen? 
Es gibt Tiere in der heimischen Fauna, deren 
Beobachtung auch den aufmerksamsten 
Naturfreunden durch Jahrhunderte entgangen 
ist, sodaß ihr Vorhandensein unbekannt blieb 
und geradezu geleugnet werden konnte. Zu 
ihnen gehört die europäische Sumpf- oder 
Teichschildkröte, Emys orbicularis 
(oder lutaria). Es ist amüsant, die verschiede 
nen Auflagen etwa von Brehms Tierleben da 
raufhin zu durchmustern, wie sich die Kenntnis 
von der heutigen Ausbreitung des schweig 
samen und im Sumpfgelände nicht leicht auf 
fallenden Geschöpfes, das zudem wohl vorwie 
gend ein Nachttier ist, allmählich erweitert hat. 
Durch beständig erfolgende Nachträge ist die 
Darstellung bei Brehm allmählich etwas wider 
spruchsvoll geworden, denn anfangs Hieß es 
nur, daß man das Tier in der Mark Branden 
burg und neuerdings auch in Mecklenburg ge 
troffen habe, jetzt erfahren wir, daß es einer 
seits im Stromgebiet der Weichsel, Oder und 
Elbe (hier freilich mit Sicherheit nur auf dem 
rechten Ufer) in vielen Zuflüssen und kleinen 
Bächen beobachtet sei, andererseits aber auch 
wieder im Gebiet der Maas und auf den Hoch 
ebenen der Schweiz vorkomme. Die letztange 
führte Tatsache scheint, wenn ich recht sehe, erst 
durch die kleine Schrift von Hermann Fischer- 
gegen kirchliche Willkür und Anmaßung. Die 
Vitalisnacht des Jahres 1378 fand die Bür 
ger von Hersfeld Schulter an Schulter und 
in völliger Einigkeit in Notwehrstellung auf 
den Stadtmauern gegen einen gemeinsamen 
überheblichen Feind und im Kampf gegen ihre 
bedrohten und geflissentlich in den Staub ge 
tretenen städtischen Rechte. Wir wüßten 
nichts aus der zwölfhundertjährigen wechsel 
vollen Geschichte der Stadt — selbst die Er 
eignisse während der französischen Besatzung 
der Stadt in den Jahren 1806 und 1807 ver 
blassen davor — dem an die Seite zu stellen. 
Deshalb ist es eine selbstverständliche Eh 
renpflicht des Hersfelder Geschichtsvereins, 
daß er die 550. Wiederkehr dieses Tages durch 
eine dem Andenken der Nacht des heiligen 
Vitalis gewidmete Feier an dem Denkmal 
begeht, das die bedeutungsvolle Inschrift 
trägt: 
„Vespera Vitalis Crux 
sacra plena malis" 
d. h. „am Vitalisabend war das heilige 
Kreuz reich an Leiden". 
Von Prof. Edward Schröder. 
Sigwart über die Sumpfschildkröte (Frankfurt 
a. M. 1893) ans Licht gebracht zu sein: noch 
Fr. v. Tschudi in seinem „Tierleben der Alpen 
welt" (mir liegt die neunte Auflage von 1872 
vor) hat die Bodenständigkeit der Schildkröte 
für seine Heimat bestimmt abgeleugnet. 
Heute unterliegt es wohl keinem Zweifel 
mehr, daß die Schildkröte einstmals über ganz 
Mitteleuropa bis nach dem südlichen Skan 
dinavien hin verbreitet gewesen ist, und neue 
Feststellungen liegen durchaus nicht außer dem 
Bereich der Möglichkeit, da das Tier sich, wie 
angedeutet, der Beobachtung sehr leicht ent 
zieht, nirgends in größeren Mengen auftritt 
und so weder einen wirtschaftlichen Wert be 
sitzt noch sichtbaren Schaden stiftet — obwohl es 
ein Feinschmecker ist, der zarte Fischkost beson 
ders liebt. 
Es ist nun nicht meine Absicht, und noch 
weniger meine Hoffnung, durch diese Zeilen die 
Auffindung der Schildkröte in unserer hessi 
schen Heimat zu erreichen, und ich vermag auch 
keinerlei direkte Zeugnisse für das Vorhanden 
sein und die Wertung des eigenartigen Lurches 
in den vergangenen Jahrhunderten aufzu 
tischen: das ist aussichtslos, nachdem die unver 
gleichliche Belesenheit Georg Landaus in
	        

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