Full text: Hessenland (40.1928)

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vielleicht einwenden, daß Lingg von Linggen- 
feld sich seinem obersten Kriegsherrn Napo 
leon gegenüber einer größeren Gefahr aus 
setzte als der Ritter Simon von Hanne, der 
bei der Ansage der Fehde lediglich einer alten 
ritterlichen Gepflogenheit folgte. Doch ist die 
Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß 
Napoleon die letzte Entscheidung über das 
Schicksal der Stadt Hersfeld mit bewußter 
Absicht in die Hand eines Deutschen legte, 
um die letzte Verantwortung von sich und 
dem französischen Volke abzuwälzen, vielleicht 
auch, weil er von ihm eine mildere Hand 
habung des Befehls erhoffen durfte. Was 
aber aus Hersfeld ohne die Fehdeansage des 
Ritters Simon von Hanne geworden wäre, ist 
nicht auszudenken. 
Hier war alles sorgfältig vorbereitet, um 
einen Erfolg der mit dem Abt Berthold von 
Völkershausen verbündeten Ritter zu verbür 
gen. Wenn ein vom Abt veranstaltetes Gast 
mahl die Bürger zum Widerstand unfähig 
gemacht haben würde, wollte man über die 
wehrlose Stadt herfallen. Wenn auch nicht 
völliges Verderben, sondern nur Züchtigung 
und Demütigung der ihm verhaßten Stadt in 
der Absicht des Abtes gelegen haben mag, so 
würde doch ohne Zweifel die aufgehende 
Sonne des 29. April 1378 nur rauchende 
Trümmerhaufen von Hersfeld beschienen ha 
ben, und die Vitalisnacht würde einem Blut 
bad gleich der berüchtigten Bartholomäus 
nacht vom 24. August 1572 nichts nachgegeben 
haben, weil die erbitterten Ritter ihrem Mut 
und ihrem Rachedurst keine Grenzen zu setzen 
vermocht haben würden. Aber die Vorsehung 
hatte es anders bestimmt und in dem Ritter 
Simon von Haune die Ueberzeugung geweckt, 
daß nicht feiger Hinterhalt, sondern nur of 
fener, ehrlicher Angriff mit der Ritterehre 
vereinbar sei, und daß er seiner Ehre und sei 
ner Dankbarkeit für genossene Freundschaft 
in den Mauern der Stadtch es schuldig sei, dem 
Angriff eine offene Freundschaftskündigung 
vorausgehen zu lassen. In diesem Tone ist 
das Schreiben gehalten, das er am letzten 
Tage vor dem nächtlichen Ueberfall als ehe 
maliger Bürger von Hersfeld an die gesamte 
Bürgerschaft ergehen ließ: „Wisset Ihr von 
Hersfeld, daß ich Simon von Hanne Ritter 
euer und der eueren Freund seyn will, mit 
allen meinen Helfern und Bundesgenossen 
9 Er besaß, wie viele andere Ritter, einen Burg- 
sitz in der Stadt. 
und will euch nicht allein nach dem Gut 
stehen, sondern nach Leib, Ehr und Gut, und 
will das diese Nacht thun, darnach habt euch 
zu richten. Datum unter meinem Insiegel 
auf St. Vitalis Abend A. D. 1378." 
Neuerdings will man den Fehdebrief des 
Ritters Simon von Haune ins Reich der Sage 
verweisen.') Man führt gegen ihn an,- daß 
Fehdebriefe drei Tage vorher in den Händen 
der Gegner sein mußten, während dieser erst 
am Abend der Vitalisnacht geschrieben sein 
soll, ferner, daß unter den 15 namentlich auf 
geführten Rittern, die auf Anzeige der Stadt 
Hersfeld durch Kaiser Karl im Juni 1378 in 
die Acht erklärt wurden, sich auch Simon von 
Haune befand?') Die von Neuhaus ange- 
fübrten Bedenken, daß Simon von Haune 
durch den Fehdebrief sich selbst das Geschäft 
verdorben haben würde und daß ein kleines 
Ritterheer nach solcher Warnung nicht mehr 
daran denken konnte, die wohlbefestigte volk 
reiche Stadt einzunehmen, lassen sich durch die 
oben angeführten sittlichen Beweggründe, 
nicht gegen die Ritterehre zu kämpfen, leicht 
zerstreuen. Wie groß das Ritterheer gewesen 
sein mag, ist nicht bekannt, aber allzu klein 
kann es nicht gewesen sein. Auffallender ist 
die Tatsache, daß verschiedene Lesarten des 
Fehdebriefs vorhanden sind. Rach der Wie 
dergabe von Piderit*) heißt es: „und will euch 
nicht allein nach Gut, sondern auch nach 
Ehr, Leib und L e b e n stehen, ehe es 
Morgen wird. Darnach habt ihr euch zu 
richten. Datum unter meine Insiegel, a m 
St. Vitalistage im Jahre 1378." Lan 
dauf dagegen hat folgende Fassung: und 
will euch nicht allein nach dem Gute stehen, 
sondern nach Leib, Ehr und Gut, und 
will das diese Nacht thun, darnach 
habt Euch zu richten. Datum unter m e i - 
n e m Insiegel auf St. Vitalisabend 
A. D. 1378". Nachforschungen nach dem Ori 
ginal des Fehdebriefes im Marburger Staats 
archiv und Hersfelder Stadtarchiv verliefen 
ergebnislos. In einem Repertorium über 
9 Vgl. Wilhelm Neuhaus: „Raubritterstücklein 
aus unserer Gegend". Hersfelder Zeitung vom 
16. Februar 1937, Nr. 39, 1. Beilage. 
I Vgl. die Urkunde bei Demme, Chronik von 
Hersfeld, Bd. I, S. 148. 
9 Denkwürdigkeiten von Hersfeld (Hersfeld 
1829), S. 110. 
9 Die hessischen Ritterburgen Bd. I, S. 93.
	        

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