Full text: Hessenland (39.1927)

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wollte. Er war oft unruhig, redete viel mit sich 
selbst, Pfiff die Menschen böse an und spielte gern 
Verstecken. Aber er lies nicht fort und fraß mit 
Appetit. Die zunehmende Unfreundlichkeit seines 
Verhaltens siel bei dem von ihm gewohnten Be 
nehmen nicht besonders aus. Erst viel später wurde 
daran herumgedeutelt, als nur mehr das Rätsel 
seines Endes zur Diskussion staub. Einstweilen 
dachte niemand an die Möglichkeit seines Todes. 
Denn Johannes hatte sich ein unbestrittenes Le- 
bensrecht im Effektivbestand der deutschen Armee 
erworben. 
Dieses Recht schloß allerdings die Pflicht zur 
Wanderschaft in sich, und wie verdrießlich es auch 
war, Johannes mußte sich aufs neue einem Orts 
wechsel unterwerfen. Und da war nicht alles gleich 
so in Ordnung, wie er es wohl gewünscht hatte. 
Bis die Quartierverhältnisse geregelt waren, ver 
gingen einige Tage. Das gefiel aber Johannes 
gar nicht. Er trieb Opposition; ärgerte die Men 
schen, indem er in einen Wüschesack sich verkroch 
und brummig und verstockt an einem Hemd herum- 
kaure, bis es in Fetzen zerfiel. Durch solche Machen 
schaften zwang er zu Gegenmaßregelu. Um ihm 
aber nicht allzunahe zu treten, wurde er in einem 
leeren Papierkorb einquartiert, der ihm zwar die 
Gelegenheit zu bösartigen Ausflügen unterband, 
zugleich aber doch Lust und Licht genug ließ, nur 
sein Leben nicht aller Reize zu entblößen. Diese 
Haft sollte ja auch nur so lange dauern, bis ihm 
eine würdigere Behausung geschaffen werden konnte. 
Johannes aber bewährte sich nun als ein Fana 
tiker von heroischer Konsequenz. Er ging in seiner 
Empörung über die Welt, er ging in seiner Oppo 
sition gegen die Menschheit bis zur Selbstvernich- 
Aus der Dichtung „Jesus" 
Im Schatten Zions lag ein tiefes Tal, 
Mit Felsen angefüllt und Finsternissen, 
Gleich einer Ackerfurche lang und schmal 
Im dürren Leib der Erde aufgerissen; 
Tie Schlucht des Greuels war das Tal genannt, 
Seit Judas Sippe dort in schlimmen Tagen 
Ihr eigen Fleisch und Blut dem Baal verbrannt 
Und Jahves Opfer aus dem Sinn geschlagen: 
Tort war es auch, wo des Chaldäers Macht 
Tie Söhne Zions traf mit grimmen Streichen, 
Wo er im Sturme einer Schreckensnacht 
Tie Tiefen ausgefüllt mit ihren Leichen . . . 
Im kalten Grau des Morgens lag das Tal, 
Als aus dem Tore zwei Gesellen schritten, - 
Wo sich ein Häuflein Pappeln, struppig kahl, 
Um ihren Platz am Felsenhange stritten; 
Ta stieß der eine sacht den andern an: 
„Im Greueltale muß das Blut gerinnen! 
Schau, dort um Aste hängt ein toter Mann!" — 
Und kräftig schreitend eckten sie von hinnen! 
Schon hatte sich umblitzt vom Morgentau 
Der Tempel Zions aus der Nacht gerettet, 
Indes der Römerfestung Quaderbau 
Noch immer lag im Dunkel eingebettet; 
tuug. Er legte sich hin und starb. Er war auf 
einmal tot. Lag eines Morgens auf dem Boden 
des Papierkorbs ttnd regte sich nicht mehr. 
Natürlich wurden Versuche zur Wiederbelebung 
gemacht. Sie blieben ohne Erfolg. Sogar das un 
fehlbare Mittel des Fuchses, den zusammengerolltett 
Igel buchstäblich aus der Fasson zu bringen, ver 
sagte. Johannes wollte nicht mehr leben. Es paßte 
ihnr einfach nicht mehr, imnier wieder wo attders 
hin gebracht zu werden ohite Rücksicht daraus, ob 
ihm das behagen würde oder nicht. Er war es 
leid. Er hatte genug. Und so machte er Schluß. 
Die Aussicht auf eine weitere Fortsetzung diesev 
Lebensweise schien ihm scheußlicher als der Tod. 
Und so lag er da im Garten der Ferme, zwischen 
Obstbüschen, glanzlosen Auges, die dünnen Beine 
kraftlos hingestreckt, die Stacheln friedlich angelegt 
wie nie im Leben, und hatte es hinter sich. Er 
wurde begraben. Ein paar Spatenstiche genügten 
zwar, den kärglichen Rest seines Vorhandenseins 
auszulöschen. Aber so ganz umsonst hatte er doch 
nicht gelebt, der Unsanfte mit dem sanften Namen. 
Oft noch wurde seiner gedacht im Kreise derer, die 
mit ihm gelebt und ihn überlebt hatten. War er 
nicht ein seltsamer Kauz gewesen, der Johannes, 
ein Kerl mit eigenem, undurchschaubarem Wollen? 
Nur wer ein Geheimnis in sich trägt, ist wesenhaft. 
In den Augen eines Menschen schimmert es auf, 
wenn er Mensch im tiefsten Sinne ist, wie in den 
Augen eines Tieres, wenn es Tier im tiefsten 
Sinne ist. Nicht alle Menschen sind Menschen, 
nicht alle Tiere sind Tiere. Johannes war ein Tier 
ohne Furcht und Tadel. Er soll nicht vergessen 
werden. 
Von Fritz Gölner. 
Bor seiner Pforte stand ein Legionär, 
Schier unbeweglich, wie ans Erz gegossen — 
Ta hob den Kopf er plötzlich — eine Schar 
Im Grau der Gasse kam dahergcflossen; 
Ein Haufe Pharisäer zog voran; 
Dahinter ein Gemisch aus allem Volke; 
Inmitten aber schritt ein bleicher Mann — 
Das Ganze schwer wie eine Wetterwolke! 
Am Römerhause staute sich die Flut: 
Unreines witterte die Judennase! 
Doch drang auch so zum Landvogt ihre Wut; 
Schon trat er aus den Söller au der Straße; 
„Was soll's, ihr Juden?", rief er messerscharf 
Und ohne seinen Unmut zu verhehlen; 
Noch sprach er, als ihm schon entgegenwarf 
Die Menge ihren Wunsch aus hundert Kehlen. 
Tann aber trat ein Priester aus der Schar 
Und huldigte dem Vogt mit tiefem Neigen: 
„Verzeih, Pilatus, wenn zu heftig war 
Ter Eifer, den wir strebten, dir zu zeigen: 
Ten Menschen dort — die ringgeschmückte Hand 
Nach Jesus ließ er rasch hinüberschnellen — 
Des Nachts am Ölberg unsre Wache band, 
Ihn stracks vor deinen Richterstuhl zu stellen; 
Seit Jahren schon mit seiner Jüngerbrut
	        

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