Full text: Hessenland (39.1927)

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leren und südlichen Kreise Gießen und im Nord 
zipfel des Kreises Büdingen. 
Das Hauptfeld seiner Tätigkeit, die im Fressen 
der maienzarten Blätter besteht, verlegt der Mai 
käfer naturgemäß in die Bäume. Nach diesem 
Lieblings aufenthalt wird er vielfach genannt: Zu 
dem schon angeführten „Baumkleber" und „Weiden 
kleber" gesellt sich im südlichen Wörterbuchgebieb 
verstreut der „Lindenkleber", der „Kirschenkleber" 
neben dem „Kirschentier" und schließlich der „Laub 
vogel" (südlich von Lauterbach). 
Noch weiter südlich hat weder die „Klebrigkeit" 
noch die Freßgier unseres Braunrockes den größten 
Eindruck gemacht, sondern fein vernehmliches und 
vergnügtes Summen, das wohl der Ausdruck von 
Zufriedenheit der Maienkäferseele mit dem Maien 
dasein ist: „Schnurrenkäser" heißt er im südlichsten 
Kreis Gelnhausen, nahe der Grenze unseres Wörter 
buchgebiets. 
Höchst auffällig ist sein Erscheinen im Mai, denl 
er nicht nur seinen schriftsprachlichen Namen ver 
dankt. „Maikäfer, Maigaul, Maihammel, Maiklette, 
Maikalb, Maikleber, Maitier, Maivogel, Maiwiebel" 
u. a. sind Beweise dafür, daß auch dem Mundart 
sprecher die phänomenale Pünktlichkeit des Früh 
lingsboten aufgefallen ist, — und der Name „Mai 
aas", das uns aus dem Dillkreis belegt ist, charak 
terisiert noch dazu zur Genüge die Sympathien, die 
man dort dem schädlichen Fresser entgegenbringt. 
Natürlich ist seine Zugehörigkeit zur Gattung 
der Käfer für die Prägung seiner mundartlichen 
Namen häufig ausschlaggebend. „Maikäfer (mund 
artlich meist zu -käwwer gewandelt) steht neben 
den anderen Ableitungen Maikäfert, -käset 
oder - käbel (-kabel) und - k ä f e r z. Die letzt 
genannte Form „Käferz(e)" (mundartlich K ä w - 
werz, Kiwerz u. ähnl.) ist der meistgebräuchliche 
Name des Maikäfers im Westerwald. Die Herkunft 
der merkwürdigen Endung - z (e), die hier an das 
Wort Käfer antritt, ist noch nicht ganz geklärt. 
Mag nun aber die eine oder die andere Erklärung 
— sie hier zu erörtern würde zu weit führen — 
zutreffen, Tatsache ist, daß der ursprüngliche Sinn 
dieses Suffixes, wie er dem Mundartbetrachter 
schwer zu fassen, auch dem Mundartsprecher ent 
glitten ist. Das Bedürfnis der Mundart, solche 
erstarrte Sprachformen zu beleben, indem man sie 
an bekannte Worte der Mundart anlehnt, setzt hier 
ein: Eine klangliche Ähnlichkeit der zweiten, unver 
ständlich gewordenen Silbe mit dem „Watz" (d. i. 
der Eber) führte zu der Bildung „Kehwatz". An 
der Dialektgrenze nun, wo Kehwatz an das Ge 
biet grenzt, das „Maikäfer" spricht (sie ist am 
Johannes. 
Er soll nicht vergessen werden. Schon um seines 
Namens willen ist er einer jeden ihm gewidmeten 
Erinnerung wert. Denn das Mißverhältnis zwischen 
diesem Namen und dem Wesen, das er bezeichnete, 
Unterlauf der Lahn), gehen beide Namen eine 
Mischung ein: „Maikäfer" ft- „Kehwatz" ergibt 
die Grenzform „Maiwatz" (Bad Ems; Fachbach 
bei Ems). So erklärt es sich, wie der braunge 
flügelte Maienbote plötzlich als ein „Watz" erscheint! 
In anderen Gegenden aber ist er gar zu einem 
Kalb geworden. „Maienkalb" heißt er in Ober 
neurode (Kreis Hersfeld), „Wisenkalb" in Bosserode 
(Kreis Rotenburg). Wie ist diese Metamorphose 
möglich? Der Mundartkenner sagt sofort, daß das 
nichts Außergewöhnliches sei, der Marienkäfer habe 
ein ähnliches Schicksal. Tatsächlich wird der kleine, 
siebenpunktierte Käfer unter vielen anderen mit den 
Namen „Muhkälbchen, Sommerkälbchen, Sonnen 
kälbchen, Gotteskälbchen, Herrgottskälbchen" geziert. 
Daneben aber hört man Formen wie M u h k ä b - 
chen und für unseren Maikäfer vielfach Mai- 
käbel (-käwel, - gewel, - kabel usw.). Dieses 
-käbel ist nichts anderes als -käfer, nur mit 
der Ableitungssilbe -el statt - er, eine Erscheinung, 
die die Mundart häufig kennt. Käbel nun wird 
durch Käfer, das ja durch die Schriftsprache ge 
stützt wird, fast überall verdrängt und hält sich oft 
nur noch in Zusammensetzungen, wie eben unsere 
Beispiele zeigen. Bald wird vergessen, daß Käbel 
eigentlich dasselbe ist wie Käfer, es wird nicht 
mehr verstanden und nun umgedeutet. Die klang 
liche Ähnlichkeit mit einem anderen Wort gibt den 
Ausschlag bei der Anlehnung: -kabel läßt sich 
an -kalb, -käbel an - k ä l b ch e n anlehnen, und 
da, wo b zwischen Vokalen ausfällt, also wo man 
t r i e e n für trieben, d. i. streike n', - k a l 
für -kabel sagt, wird dieses -kal, oder hessisch 
-gal, an „Gaul" angelehnt, so daß auch oas 
mehrfach belegte ,,Maigaul" seine Erklärung findet. 
Wo nun aber ein Tierchen wie der Maikäfer sprach 
lich mir Watz, Gaul und Kälbchen zusammenge 
worfen wird, öa ist es kein Rätsel mehr, wenn er 
nun auch als „Hammel" auftritt (MaiHammel 
in Hersfeld, und ebendort auch Hammel für 
„Maikäfer" allein). Hier ist derselbe Spieltried 
der Mundartsprecher — vielfach in diesem Falle 
der Kinder — am Werke, der auch aus dem Herr 
gottskälbchen ein Herrgottslämmchen und ein Herr 
gottsschäfchen macht. 
Die Konkurrenz, die auf diese Weise der Mai 
käfer dem Gaul, dem Kalb und dem Watz macht, 
wird natürlich nur ermöglicht durch die Unmöglich 
keit einer praktischen Konkurrenz. Aber auch dies 
lindernde Moment eingeschaltet, sind doch unsere 
Maikäfernamen neue Beweise dafür, daß die Ent 
wicklung der Sprache nicht nach bestimmten Gesetzen 
vor sich geht, sondern oft in grotesken Sprüngen 
vorwärts oder seitwärts eilt. 
Erzählung von Will Scheller. 
gehörte zu den auffälligsten Eigenschaften eines so 
kurzen, aber abenteuerlichen Daseins, wie es dem 
Johannes beschieden gewesen ist. Und mit um so 
zureichenderem Grunde, als er diesen Namen gerade
	        

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