Full text: Hessenland (39.1927)

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1805 ober 1806, sondern erst 1819 zu Kassel gestorben. 
Er war an der Rettung des kurfürstlichen Schatzes 
stark beteiligt. Am 12. März 1807 kam er in Beglei 
tung des bekannten Kapitäns Mensing nach Rendsburg 
und überbrachte dem Kurfürsten verschiedene vor den 
Franzosen in Sicherheit gebrachte Pretiosen. Er blieb 
auch weiterhin in enger Verbindung mit dem geflohenen 
Fürsten, wurde infolgedessen von der westfälischen Re 
gierung überwacht und im Herbst 1808 auch eine Zeit 
lang in Haft genommen. Nach dem Dörnbergischen 
Aufstand brachten ihn die Franzosen mit anderen Ver 
dächtigen nach Mainz. Trotzdem war ihm der Kurfürst 
nicht wohlgesinnt, Werl er (mit Recht oder mit Unrecht?) 
glaubte, das; L. bei der Rettung der Wertsachen nicht 
uneigennützig gehandelt habe. Besonders mißtrauisch 
machte den Fürsten der Umstand, daß L. im Sommer 
Adolf Lins f. 
Aus der Reihe der älteren hessischen Küttstler ist 
nun auch am 26. März Adolf Lins abberufen 
worden. Ihm war es wenigstens ebenso wie Wilh. 
Ritter, der im vorigen Jahre starb, vergönnt, 
das biblische Alter zu erreichen, während die Freunde 
Otto Ubbelohde, Heinrich Otto, Wilhelm Thielmann 
und Friedrich Fennel im besten Mannesalter aus 
frohem Schaffen durch den Tod herausgerissen 
wurden. 
Adolf Lins war am 21. Oktober 1856 in 
Kassel als Sproß einer alten hessischen Familie 
geboren, und schon frühzeitig (etwa 1873) Schü 
ler der Kasseler Kunstakademie geworden, die sich 
damals, sehr notdürftig untergebracht, im ehema 
ligen landgräflichen Marstallgebäude in der Fried 
richstraße (späteren Hölkeschen Haus) befand. Als 
Lehrer für Malerei und Zeichnung wirkten an der 
Akademie der stellvertretende Direktor, Professor 
Müller, und die Professoren Bromeis, Stiegel und 
Jhlee, von denen Lins, sowie seine späteren Kas 
seler Studienfreunde, der 1917 verstorbene Theodor 
Matthei, der noch bei allen Kasselanern in frischer 
Erinnerung lebt, und der etwas jüngere Ernst 
Zimmermann, der schon 1898 in Kassel starb, gar 
viel zu erzählen wußten. Nachdem Lins bei der 
Ausschmückung der neuen Gemäldegalerie mit figür 
lichen Wandmalereien mit tätig gewesen war, sie 
delte er gegen Ende der 70 er Jahre mit Freund 
Zimmermann ttach Düsseldorf über, wo er bis zu 
seinem Lebensende seinen Wohnsitz behielt. 
Wie alle Hessen hing er aber treu an der 
Heimat, die er mit Ausnahme der letzten Lebens 
jahre alljährlich zu Studienzwecken auffuchte. Wil 
lingshausen, das durch Meister Knaus einen großen 
Ruf erhalten hatte, sah ihn schon als Schüler der 
Kasseler Akademie 1875 zum ersten Male und dann 
Jahrzehnte lang fast alljährlich, so daß es wohl 
kaum einen Maler gibt, der in diesem Malerdorf 
volkstümlicher gewesen wäre als Adolf Lins, der 
es zudem auch aufs beste verstand, in stets humor 
voller Weise mit Alt und Jung zu verkehren. 
Kam der Lins mit dem Sommer ins Land, so 
liefen die Kinder die Gassen entlang und riefen 
1811 einer Einladung nach Franzensbad (um Rechen 
schaft abzulegen d6 ses iniquites et des sommes per^ues) 
nicht Folge leistete uno statt dessen nach Berlin zum 
Fürsten Witgenstein ging, mit dem der Kurfürst da 
mals schlecht stand. Nach der Restauration wurde L. 
noch einmal zu einer diplomatischen Sendung betraut, 
als es sich im August 1814 darum handelte, die 
sächsische Exekution von Hessen abzuwenden; er fiel 
aber oann völlig in Ungnade und starb verarmt ohne 
Anstellung und Pension am 8. Oktober 1819 zu Kassel. 
Daß er kurz vorher an einem Komplott gegen den 
Kurfürsten teilgenommen und nach dessen Entdeckung 
Selbstmord begangen habe, wie der geschwätzige preu 
ßische Gesandte von Hänlein (angeblich nach einer Mit 
teilung Kurf. Wilhelms II.) später nach Berlin be 
richtete, klingt nicht sehr glaubwürdig. Ph. Losch. 
Von Karl Vanher, Marburg. 
es in alle Häuser hinein, „der Lins ist da, der Lins 
ist da!" Er kannte und nannte auch alle Kinder, 
ältere Mädchen und junge Frauen mit dem Vor 
namen und ließ keine vorbeigehen, ohne ihr ein 
paar muntere Worte zuzurufen. Die Kinder waren 
ja neben den Gänsen hauptsächlich die Gegenstände 
seiner Willingshäuser Bilder, unter denen wohl 
das Bild „Lieder ohne Worte" — hinter einer 
Reihe schnatternder Gänse zieht singend eine Schar 
Kinder her — durch vielfache Nachbildungen am 
bekanntesten geworden ist. Die Kinderbilder ent 
standen meist auf Gastwirt Haase's Hof inmitten 
der Schar fröhlich lärmender Kinder, gackernder 
Hühner, schnatternder Gänse, quakender Enten und 
grunzender Schweine, was alles dem Maler, der 
mit der langen Pfeife auf seinem Feldstuhl vor 
der Feldstaffelei mit dem Bilde saß, gerade die 
rechte Umgebung für sein Schaffen war. Der nächste 
Hauptwerkplatz war am prachtvoll malerischen alten 
„Gänsesteg" im Antrefftal, wo am Wasser täglich 
die große Gänfezusammenkunft des Torfes war. 
Dort war lebensfrohes und ohrenbetäubendes Ge 
schrei der mit geräuschvollem Flügelschlag in der 
im Sonnenglanz glitzernden Antreff badenden Gänse, 
dort auch das schönste Stück Landschaft mit dem 
Blick an dem baumumsäumten in vielfachen Win 
dungen nach dem Schwalmtal hineilenden Bach 
entlang nach den fernen Bergen des Knüll und 
mit dem stolzen Buchenwald, der die jenseits des 
Baches steil aufsteigenden Wiesen krönt. In dieser 
Umgebung schuf Lins das morgentaufrische leuch 
tende große Gänsebild, das auf der Pariser 
Weltausstellung 1900 mit einer goldenen Medaille 
ausgezeichnet wurde. 
Es entstanden in Willingshausen aber auch eine 
große Anzahl von Landschaften und anderen Tier 
bildern und nicht zu vergessen die schmückenden 
Malereien für alle möglichen festlichen Veran 
staltungen der Maler oder der Grünröcke, mit denen 
die Maler und Lins insbesondere durch den Wil 
lingshäuser Oberförster Hücker in Freundschaft ver 
bunden waren. Mit fabelhafter Fixigkeit und Sicher 
heit malte er aus dem Handgelenk solche lustigen
	        

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