Full text: Hessenland (39.1927)

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Aufenthalt in Paris mit gutem Erfolge auch der 
romanischen Philologie zugewandt. Er sprach gut 
französisch und verfaßte eine große Anzahl fran 
zösischer Schulbücher. Auf allen kurhessischen Gym 
nasien war seine „Französische Vorschule" im Ge 
brauche, die den Tertianer rasch und geschickt in 
die französische Formenlehre und Syntax einführte. 
Dr. Collmann hielt gute Ordnung und stramme 
Zucht. 
Dr. Karl Ritter lehrte Naturwissenschaften 
und besonders Geographie. Er hatte ein Lehrbuch 
der Geographie verfaßt, von dem er zu sagen 
pflegte: „mein Büchlein hat mich manchen Schoppen 
Ol gekostet". Er war in den unteren und mittleren 
Klassen wegen seiner Strenge gefürchtet, in Prima 
war er umgänglich und freundlich. Mit einer ge 
wissen Pedanterie prägte er bestimmte Dinge immer 
mit denselben Worten und Fragen so lange ein, 
bis sie im Gedächtnis der Schüler festsaßen. So 
ist wohl allen seinen Schülern Herkunft, Form 
und Definition des Wortes „Horizont" imvergeß 
lich geblieben. So habe ich die Produkte der ver 
schiedenen Länder, die Einteilung der Alpen, oer 
Gesteine, der Vögel usw. bis heute treu behalten. 
Zeichenunterricht wurde damals im Gymnasium 
nicht erteilt. Dr. Ritter aber hat uns durch die 
Anfertigung geographischer Skizzen, namentlich der 
deutschen Flüsse, etwas Zeichnen gelehrt. Bei der 
Geographie Frankreichs wußte er anschaulich von 
französischer Ländergier, Raub- und Plünderungs 
sucht zu erzählen, auch von den französischen At 
lanten, in denen Frankreichs Grenzen mit blauer 
Farbe richtig und klar angegeben, aber in dem 
selben Blau, ein wenig matter, bis zum Rhein 
vorgeschoben seien, um den Knaben zu zeigen: 
soweit müßt ihr Frankreichs Grenzen ausdehnen; 
dann ereiferte er sich: Die dummen Kerle! Sie 
sollten doch wissen, daß Volks- und Landesgrenzen 
mit der Sprachgrenze über den Kamm der Gebirge 
laufen. Dr. Ritter war bei seinen Schülern eine 
unbedingt anerkannte Autorität. Die Versicherung: 
„das ist wahr, der alte Ritter hat's gesagt" ent 
sprach dem avrög e(pa der Pythagoräer. 
(Schluß folgt.) 
Aus der Geschichte einer Kasseler Aubrücke. 
(Schluß.) 
Letzterem Ersuchen entsprach dann die Polizei- 
Kommission, nachdem sie die Hauptstaatskasse benach 
richtigt hatte, daß der Freispruch lediglich aus den 
oben angegebenen formalen Gründen erfolgt sei, 
durch folgende Bekanntmachung im „Wochenblatt": 
„Mit Beziehung auf das unterm 6. August 1828 
erlassene Verbot und in Übereinstimmung mit Kur 
fürstlicher Residenz-Polizei-Kommission, wird hier 
mit anderen Personen, als dem Pachter der herr 
schaftlichen Fähre aus der Fulda, das Überfahren 
über diesen Fluß, soweit derselbe die Karlsaue be 
grenzt, gegen eine Vergütung, mag solche gefordert 
oder ungefordert gegeben werden, bei einer Strafe 
von 5 Talern untersagt. Cassel, am 2. December 
1843. Kurfürstliche Residenz-Polizei-Direktion. Ro- 
bert"?6 Hartdegen erklärte sich nun bereit, 60Tlr. 
Pacht, wie bisher, auch für die folgende Pacht 
periode zu zahlen. 
Unterdessen hatte bereits am 17. Juni 1843 
die Hauptstaatskasse, wie ihr aufgegeben war, dem 
Finanzministerium angezeigt, daß am 1. Januar 
1844 eine Neuverpachtung der Fähre eintreten müsse, 
und um Genehmigung des Pachtvertrags in der 
bisherigen Fassung gebeten. Sie erhielt keine Ant 
wort. Sie erinnerte am 30. August und am 20. Ok 
tober 1843. Endlich am 7. November 1843' erhielt 
sie die Ermächtigung, mit Hartdegen zu verhandeln 
und, falls er die Fähre zum bisherigen Preise nicht 
übernehmen wolle, sie öffentlich auszuschreiben. Auf 
die Anzeige, daß Hartdegen zur Übernahme bereit 
sei, erfolgte dann am 28. Dezember 1843 die Ge- 
26 Der Regierungsrat und vortragende Rat im Mini 
sterium des Innern Karl Wilhelm Robert verwaltete 
auftragsweise die unbesetzte Stelle des Polizeidirektors. 
Von Zolldirekwr i. R. A. Woringer. 
nehmigung zum Vertragsabschluß, auf Grund eines 
höchsten Reskriptes des Kurprinzen vom 19. dess. 
Mts. In Befolgung dieses Reskripts wurde die 
Hauptstaatskasse ferner angewiesen, „der Kurprinz- 
lichen Hofkasse als Entschädigung für die Benutzung 
des einen Bestandteil der Karlsaue und der Oran 
gerie nicht ausmachenden Hof-Eigentums, um zu 
der Fähre zu gelangen, während der Tauer des 
Pachtvertrags jährlich den Betrag von 30 Talern 
zahlen und an dem Pachtgelde absetzen zu lassen". 
Auf sein Gesuch vom 14. Juni 1843 um Erlaß des 
Pachtgeldes für das 1. Halbjahr 1843 erhielt Hart 
degen dann am 29. Mai 1844, also nach 111/2 
Monat, eine abschlägige Antwort! 
Tie Verlängerung des Vertrags für die Pacht- 
periode 1847 bis Ende 1849 erfolgte ohne Schwierig 
keit, es wurde aber frühere Kündigung vorbehalten 
für den Fall, daß wieder eine Schiffbrücke an der 
Überfahrtsstelle ausgestellt werden sollte; diese Auf 
stellung unterblieb aber. So verblieb es auch in den 
folgenden Jahren bis 1856. Da trat ein Ereignis 
ein, das zum völligen Ruin des Hartdegen führen 
sollte. 
Auf Befehl des Kurfürstenwar am 2. uni) 
3. September 1856 die mittlere, über die kleine 
Fulda führende sog. Naturbrücke abgebrochen wor 
den, angeblich wegen Baufälligkeit, die aber ent 
weder gar nicht oder doch nur in so geringem Maße 
vorhanden war, daß eine Ausbesserung leicht mög 
lich gewesen wäre. Damit war der Zugang zur 
Fähre gesperrt. Das machte sich sofort im Fährbe- 
27 Ter Kurprinz und Mitregent Friedrich Wilhelm 
war 1847 seinem verstorbenen Vater, Kurfürst Wil 
helm II., in der Regierung gefolgt.
	        

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