Full text: Hessenland (39.1927)

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lerische Veranstaltungen größeren Stils, lvie Theater 
und Symphoniekonzerte, geplant. — Sonntag, den 
31. Juli: 11 Uhr zweiter Festakt in der Festhalle 
(Festrede und Ehrenpromotionen), nachmittags Festzug 
und Volksfest auf dem Schloßberg, 9 Uhr abends Fest- 
kommers. Tie Festfolge steht zwar noch nicht in allen 
Einzelheiten fest, jedoch wird sich an der Wahl der Tage 
nichts mehr ändern. Wahrscheinlich werden noch einige 
Ergänzungen (wissenschaftliche Vorträge von Dozenten, 
Zusammenkünfte der Damen usw.) vorgesehen. — 
Gießen: Das deutsche Kulturamt in Estland lud den 
ordentlichen Professor für Volkswirtschaftslehre Dr. Fried 
rich Lenz ein, im April eine Reihe von Vortrügen 
in Dorpat und Reval zu halten. — Dr. Arthur Som - 
m e r erhielt die venia legendi für das Fach der Wirt 
schaftswissenschaft. — Die medizinische Fakultät erneuerte 
dein Sanitätsrat Dr. Otto Buch hold in Darmstadt 
anläßlich seines goldenen Doktorjubiläums das Diplom. 
— D a r m st adt: Rektor und Senat der technischen 
Hochschule verliehen dem Geh. Reg.-Rat Prof. a. D. 
Dr. phil. Dr. jur. h. c. Richard A n s ch ü tz in Tarm- 
stadt in Anerkennung seiner erfolgreichen Tätigkeit als 
akademischer Lehrer und Forscher zugleich in besonderer 
Würdigung seiner Verdienste um die Geschichte der 
Chemie die Würde eines Tr.-Jng. h. c. — M ü n ch e n: 
Tr.-Jng. Klemens Schöpf aus Fulda, Assistent am 
Chemischen Laboratorium, habilitierte sich für das Fach 
der organischen Chemie mit einer Vorlesung über die 
Chemie der Hormone. 
Personal ch r o n i k. Der zum Regierungspräsi 
denten in Kassel ernannte bisherige Berliner Polizei 
präsident Dr. Ferdinand Friedensburg wurde 1886 
als Sohn des Geh. Regierungsrates und Senatspräsi 
denten Prof. Dr. Friedensburg geboren, studierte in 
Marburg und Berlin, bestand 1911 die Bergassessor 
prüfung, wurde 1921 Landrat des Kreises Rosenberg 
in Westpreußen und 1925 als Vizepräsident in das Ber 
liner Polizeipräsidium berufen. — Ernst Legal, der 
bisherige Intendant des Landestheaters in Tarmstadr, 
wurde zum, Intendant des Staatstheaters in Kassel er 
nannt. — Am 18. März beging Geheimer Baurat Prof. 
Dr. Albrecht Haupt in Hannover seinen 75. Geburts 
tag. Zu Büdingen geboren, studierte er in Gießen 
Architektur, war dann als Architekt in Karlsruhe, Bü 
dingen und seit 1878 in Hannover tätig, wo er sich 1880 
an der technischen Hochschule als Privatdozent sür deutsche 
Renaissance habilitierte, 1893 zum Professor und 1915 
zum ord. Honorarprofessor ernannt wurde. Als aus 
übender Architekt hat er eine große Zahl von Neu 
bauten ausgeführt; besonders widmete er sich der Her 
stellung alter Bauten, u. a. der Kirche zu Fischbeck, des 
Schlosses Schaumburg und des Leibnizhauses zu .Han 
nover. Er gilt als einer der besten Kenner der Renais 
sance in Deutschland, der auch die meisten seiner zahl 
reichen Werke gelten. Anläßlich seines 75. Geburtstages 
verlieh ihm die technische Hochschule zu Hannover die 
Würde eines Tr.-Jng. ehrenhalber. 
Todesfälle. Am 20. Februar verschied zu Kassel 
im 77 Lebensjahr der Seifenfabrikant Friedrich R e u l. 
In der väterlichen Fabrik in der Ziegengasse groß ge 
worden, hat er diese im Laus der Jahre zu großer 
Blüte gebracht. Daneben beseelte ihn ein starkes und 
seines Kunstempfinden, dem er auch praktisch durch 
Unterstützung der heimischen Künstler Ausdruck gab. 
So schuf er in seinem Heim eine kleine, aber erlesene 
Galerie. Kennzeichnend für sein geistiges Streben ist 
es, daß ihn nicht nur mit den früheren Künstlern unserer 
einstigen Hofbühne, sondern auch mit Martin Greif, 
mit Otto Ernst, Maximilian Harden und Bismarcks 
Leibarzt Schwenningcr enge Freundschaft verband. Reul, 
der am Krieg 1870/71 als Artillerist teilnahm, wußte 
sich als eifriger Turner und Wanderer bis in sein 
hohes Alter frisch zu erhalten. Eine kernige und selbst 
eigene Persönlichkeit ist mit ihm dahingegangen. — Am 
21. Februar entschlief 80-jährig der in Marburg im 
Ruhestand lebende Generalleutnant a. D. und Ehren- 
Toktor der Universität Marburg Bernhard R a t h g e n. 
Einer niederdeutschen Familie entstammend und 1817 
in Kopenhagen geboren, machte er den Feldzug 1866 
mit, wurde Ende des Jahres Artillerieleutnant in Kassel, 
nahm dann am Krieg 1870/71 und am Weltkrieg teil 
und siedelte 1918 von Straßburg nach Marburg über. 
Rathgen war ein bedeutender Forscher auf dem Gebiete 
der artilleristischen Wissenschaft. Sein Hauptwerk, 
„Geschichte der Pulverwaffe", die er als deutsche Er 
findung nachweist, wiro demnächst erscheinen. Daneben 
schrieb er u. a. die Biographie des Schöpfers der preu 
ßischen Fußartillerie, des Generals v. Müller, und ein 
Werk über die „Faule Grete", das Riesengeschütz des 
Kurfürsten von Brandenburg. — In Hersfeld starb am 
21. Februar im Alter von 63' Jahren Sanitätsrat Dr. 
Hermann Hillebrecht. Zu New-Uork 1861 geboren, 
kam er 5 jährig nach Deutschland, besuchte die Schule 
in Rinteln, war nach vollendetem Studium Chefarzt 
beim Norddeutschen Lloyd, praktizierte lange Zeit in 
Rodenberg, war seit 1901 Badearzt in Hersfelo und 
nahm als solcher an der Entwicklung des Lullusbades 
großen Anteil. — Am 7. März erlag zu Melsungen 
der Pfarrer des renitenten Kirchspieles Melsungen-Schem 
mern Rudolf S ch l u n ck in seinem 56. Lebensjahr 
einem schweren Leiden. In Kassel am 7. Juni 1871 
als Sohn des Kaufmanns Rudolf Schlunck geboren, 
studierte er Theologie, um sich dann nach innerster 
Überzeugung dem Dienst der renitenten Kirche zu widmen. 
Während des Weltkrieges, in dem er als Landsturmmann 
mit an die Dünafront gezogen war, um als Offizier 
mit dem E. 51.1 zurückzukehren, hatte er den Grund zu 
einem Herzleiden gelegt, das er in diesem Jahre durch 
einen längeren Aufenthalt auf den Höhen der Schweiz 
zu kurieren suchte. Ungeheilt in die Heimat zurückge 
kehrt, starb er schon wenige Tage später. Tie Bestre 
bungen, denen er diente, gingen weit über den engen 
Kreis der renitenten Bewegung, zu deren rührigsten 
Führern er gehörte, hinaus. Nachdem ihn die inter 
nationale Organisation von Faith und Order in den 
Fortsetzungsausschuß für die Stockholmer Weltkonferenz 
gewählt hatte, war er für die Lausanner Tagung als 
Redner für Deutschland bestimmt. Auch die, die seinem 
Streben fern standen, ehrten und schätzten in diesem 
unerschrockenen und grundehrlichen Kämpfer den treff 
lichen, opferfreudigen Menschen, über dessen Leben der 
Satz Tertullians stand, den er seinem Werke über 
„die 13 renitenten Pfarrer" (Marburg, Elwert, 1923) 
voransetzte: „Eine andere Fahne als die der Freiheit 
haben wir nicht, und für diese wissen wir zu sterben". 
— Am 13. März verstarb zu Kassel der Schriftsteller 
Richard Wagner (Homo) im 58. Lebensjahr am 
Herzschlag. Am 22. November 1868 zu Odenhausen 
bei Gießen als Sohn eines Gutspächters geboren, ver 
brachte er seine Jugend in Lauterbach und wandte sich 
nach der in Büdingen bestandenen Reifeprüfung dem 
höheren Postdienst zu. Nachdem er in Kassel und Hanau 
als Oberpostpraktikant tätig gewesen war, erfolgte 1903 
wegen seines Übertritts zur Sozialdemokratie seine Dienst 
entlassung. Er war hierauf in Leipzig und Braunschweig 
als Redakteur tätig und dann als Schriftsteller in 
Kassel. Wagner, der u. a. verschiedene philosophische 
Schriften veröffentlichte, schrieb Gedichte, Dramen und
	        

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