Full text: Hessenland (39.1927)

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Der Schneiderkarl als Landsturmmann. Von G. 3$er. 
Als an jenem unvergeßlichen Angnsttage 1914 
der Ortsdiener des Hinterländer Dorfes O. mit 
der Schelle durch die Gassen eilte und verkündete: 
„Mobilmachung befohlen!" saß der Schneiderkarl 
mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Werk 
tisch, horchte ein Weile durchs halbgeöffnete Fenster 
hin und fuhr in seiner Beschäftigung ruhig fort. 
Eben befestigte er den letzten Knopf an die nagel 
neue Kirmeshose seines Nachbarsohnes Jörg. Wer 
ihm dabei hätte zuschauen dürfen, der konnte einen 
Begriff davon bekommen, was gründliche Hand- 
werksarbeit heißt. Sodann erhob er sich und hielt 
das nunmehr vollendete Kleidungsstück mit ausge 
streckten Armen vor sich hin, um es einer letzten 
Musterung zu unterziehen. Das war eine Hose, 
wie sie im Buche steht. Tie Paßte wie angegossen — 
darauf konnte der Meister mit gutem Gewissen einen 
Eid schwören. Nicht zu lang, daß sie sich in Har- 
monikafalten aus die Stiefel legte, noch zu kurz, 
wie man sie jetzt bei den geputzten Herrchen sieht 
und glauben muß, ihr Träger habe, als er am 
Morgen mit beiden Beinen hineinfuhr, zu spät 
gebremst. Überhaupt kümmerte sich der Schneider- 
karl blitzwenig um die jeweilige Mode und noch 
weniger um das, was die Leute sagten. Er lebte 
am liebsten für sich und war, ohne menschenscheu 
zu sein, kein Freund vom vielen Reden. 
Mittlerweile bildeten sich draußen aufgeregte 
Gruppen. Während viele der dienstpflichtigen Män 
ner und Burschen voll vaterländischer Begeiste 
rung einen günstigen Ausgang des Krieges voraus 
sagten, hatte blasser Schrecken den Gesichtern einiger 
seinen sichtbaren Stempel ausgedrückt. Wieder 
andere standen in Gedanken versunken und über 
legten, ob das Vaterland nicht auch Männer brauche, 
die als unabkömmlich im Lande bleiben müßten, 
damit zu Hause nicht alles drunter und drüber ginge. 
Etliche fanden Magen, Lunge, Herz und Leber 
nicht ganz in Ordnung und ein kreisärztliches Attest 
in Anbetracht der ungesunden Zeitverhältnisse als 
durchaus wünschenswert. 
„Karl, nun hör' doch endlich auf mit dem, hummen 
Gestichel!" Mit diesen Worten kamen jetzt einige 
Männer zur Stube hereingepoltert, die gleich dem 
Schneiderkarl dem „gedienten" Landsturm ange 
hörten und sich in wenigen Tagen stellen mußten. 
„Mach Schluß!" riefen sie, „das hat doch alles 
jetzt keinen Wert mehr!" 
„Wert hin, Wert her," brummte Karl, „was ich 
noch fertig machen kann, wird gemacht, und damit 
basta!" — 
Eine Woche später hatte er die Elle mit dem 
Gewehr vertauscht und mußte samt seinen Kame 
raden, obgleich sie doch seiner Zeit als wohlaus-- 
gebildete Kriegsleute entlassen worden waren, wie 
der von vorne ansangen wie ein junger Rekrut. 
Einzelmarsch, Wendungen, Griffe, Grüße üben und 
was dergleichen nützliche Beschäftigungen noch mehr 
sind aus dem Kasernenhofe. 
Seltsam genug sahen die Landstürmer aus. Fast 
alle trugen noch, den Bürgerrock, in dem sie von 
daheim weggegangen waren, und darüber hatten 
sie das Koppel mit dem Seitengewehr geschnallt. 
Als einziges Uniformstück saß auf ihren teilweise 
schon stark angegrauten Köpfen die Feldmütze, auch 
„Krätzchen" genannt, die auch dem aufgewecktesten 
Gesicht den Ausdruck blöder Stumpfheit zu ver 
leihen geeignet war. Nur der Herr Hauptmann 
war vollständig eingekleidet und thronte aus einem 
Schimmel, der sich während seiner langjährigen 
Dienste auf einem hessischen Bauernguts diese hohe 
Ehre niemals hatte träumen lassen. Ein schneidiger 
Herr, der Hauptmann! Offenbar hatte er sich's 
zum Ziel gesetzt, die Kerls, von denen nicht wenige 
bereits Großvaterfrenden erlebt hatten, ordentlich 
auf den Schwung zu bringen. Wenn sein Mund 
zuweilen von weniger lieblichen Reden überfloß, 
daß manchem die Röte des Unwillens in die bär 
tigen Wangen schoß, hatte der Schneiderkarl nur ein 
kaum merkliches Lächeln übrig. Er dachte sich sein 
Teil, und über den Liebesdienst, den er in der 
Stille seines Herzens von dem Hauptmann begehrte, 
wollen wir schweigen. 
Schon langten die ersten gefangenen Franzosen 
in: Bahnhof an. Karl hatte gerade dort Wachdienst 
und mußte aufpassen, daß sich Müßiggänger und 
törichte Jungfrauen nicht herzudrängten und die 
Parlewus den Zug nicht eigenmächtig verließen. 
Gelassen schritt er den Bahnsteig auf und ab, als 
sein Blick auf zwei Franzosen fiel, die sich in ihren 
blauen Mänteln und knallroten Hchen an die Wa 
gentür gestellt hatten. 
„Mußt doch einmal sehen," sagte er zu sich, 
„was die für Zeugs anhaben." Hinzutretend prüfte 
er mit Kennermiene das Gewebe nebst dessen Zu 
sammensetzung und Verarbeitung. „Nicht schlecht", 
murmelte er vor sich hin und ging nunmehr dazu 
über, die Knöpfe auf ihre Befestigung hin zu unter 
suchen. 
Sei es, daß die Franzmänner der Meinung 
waren, als Kriegsgefangene jeglicher militärischen 
Besichtigung überhoben zu sein und sich durch das 
Gebaren des Feindes in ihrer Ehre verletzt fühl 
ten, oder war es die Angst vor dem ausgepflanzten 
Seitengewehr des Landstürmers — genug, sie ga 
ben ihre Unzufriedenheit auf eine Art kund, die 
auch dem Sprachunkundigen ohne weiteres ein 
leuchten mußte. 
Ter Schneiderkarl in dem Bewußtsein, nichts 
Arges im Schilde geführt zu haben, trat entrüstet 
zurück, schob das Priemchen mit der Zunge von der 
linken auf die rechte Seite, maß die zweie mit einem 
verächtlichen Blick, spuckte kräftig ans und sagte 
weiter nichts als: „Ihr Blässe!" Nun muß man 
wissen: der „Bläß" ist in Karls Heimatdorf wie 
in der ganzen Gegend ein beliebtes Schimpfwort
	        

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