Full text: Hessenland (39.1927)

Tie des Duprs war, als Malherbe kam, um sie zu 
sehen, schon verkauft. 
Nun gelang es Bapst, z>vei der Konkurrenzbüsten 
zn ermitteln, die eine, jetzt zu Chantilly, ans dem 
Besitz der Condss (Duc d'Aumale), in deren Hän 
den sie mindestens seit 1740 nachweisbar war 
(S. 294), die andere bei einem Privatmann Des- 
mottes, jetzt im Musee Carnavalet in Paris. Bapst 
schrieb die erstere dem Duprs, die zweite dem Bour 
din zu und schloß die Möglichkeit, Grenobles Biiste 
wiederzufinden, durch die scheinbar bündige Über 
legung ans, daß diese doch in den Bestattungs 
feierlichkeiten zu St. Denis zugrunde gegangen sein 
müßte. 
Indes fand Paul Vitry eine dritte Büste — in 
Kassel, und veröffentlichte sie in der Gazette 1898. 
(Man findet jetzt alle drei Büsten gut abgebildet 
in Schlossers Abhandlung beisammen; ein kurzes 
Resume gibt Michels Ilistoire äs l’Art V 2 von 
1913.) Sie stieß, zumal bei der von Vitry in Be 
tracht gezogenen Kasseler Tradition über den alten 
Besitzstand, die Bapstsche Aufstellung, daß über 
haupt nur zwei Büsten da sein dürften, und daß 
Grenobles Werk vergeblich gesucht würde, um; im 
Gegenteil schien sie mit ihrem zwar billigen und 
ersatzmäßigen, aber historisch getreuen Kleidungs 
und Ordensschmuck der Grenobleschen Zeremonial- 
esfigie am nächsten zu kommen, näher als der 
Condssche Kopf auf dem spät zugefügten Brust 
abschnitt 6 oder die Desmottesche Büste mit ihrem 
unpassenden Brustharnisch. Indessen gibt auch die 
Kasseler Büste bei weitem nicht das fürstliche Ornat, 
in dem uns Briots Stich (bei Schlosser S. 195) 
die aufgebahrte Leiche zeigt, sondern nur ein fürst 
liches Alltagsgewand mit Ordenskette und Stern, 
und ohne Kopfbedeckung. 
Allein es wäre voreilig, daraus den Schluß zu 
ziehen, daß die gerade auf diese Weise aus 
staffierte Kasseler Büste nun das Exemplar Gre 
nobles wäre, das so lang vermißt wurde. Denn 
Vitry hat im selben Jähr, in denc er die Kasseler 
Büste veröffentlichte, auch Akten gefunden, in denen 
gerade Bourdin, dem man bisher die Desmottesche 
Büste zuschrieb, über sein „pourtraiet st effigie“ 
mit einem Schausteller prozessiert, der dieser mit 
Stoff drapierten und mit falschem Gold aufgeputzten 
Wachsfigur einen Finger abgebrochen hatte (Prozeß 
zu Samtes 1611, veröffentlicht in Gbronchus des 
arts 1898, 290 ff). Bourdin weigerte sich damals, 
vom Schausteller das beschädigte pourtraiet — ge 
rade nur so wird die Figur an der Stelle bezeichnet, 
wv ihre Hände erwähnt werden, die man am 
Portrait nicht vermuten würde — zurückzunehmen. 
Was aus ihm wurde, berichten die Akten nicht 
mehr. Da aber Bechefer, der Wachsfigurenführer, 
sich seeretairs des prines Conty nennt, wäre es 
nicht ganz unmöglich, anzunehmen, er habe seine 
Figur, auf Büste gestutzt und so der 5^andbeschädi- 
6 Die Büste, nach Schlosser Empire, ist aus Terra 
kotta. Ein schöner Stich dieses Henri IV., von Gilbert, 
in Gaz. d. beaux arts 1881, Tome 28, hinter S. 326. 
gung radikal überhoben, dem Prinzen Conds ab 
getreten. Daß sich die Büste zu Chantilly seit 1740 
im Hause Conds nachweisen läßt und daß sie keinen 
ursprünglichen Büstenabschnitt mehr austveist, fände 
dann eine ungezwungene Erklärung. 
Jedoch, solange sich die Schicksale der drei be 
kannten Büsten nicht lückenlos von 1610 bis in 
ihre jetzigen Aufenthaltsorte verfolgen lassen, bleibt, 
wie schon Vitry sagte, ihre Zuweisung an den einen 
oder anderen Meister ungewiß. Stilkriterien sind 
auf diese aus Absormungen herausgeholten Arbeiten 
nur bedingt anwendbar; und die Vermutung Vitrys, 
daß die Dreizahl der literarisch bezeugten und der 
tatsächlich erhaltenen Büsten überhaupt keinen zwin 
genden Schluß darauf zulasse, daß nie mehr als 
drei vorhanden gewesen seien, darf bei dem schau 
stellerischen Betrieb, den uns Bourdins Prozeß 
erschließt, nicht außer Acht gelassen werden. 
Ließe sich auch nur exmitteln, >vie Hessen in 
den Besitz seines Exemplars gekommen ist, so wäre 
schon viel gewonnen. Wilhelm VI. hat es 1647 
nicht mitgebracht, sein Tagebuch würde es sonst be 
richten. Und auch die 1610 nach des Königs Ermor 
dung zwischen Kassel und Paris ausgetauschten Kor 
respondenzen erwähnen es mit keinem Wort. In 
den weitausgreifenden Denkwürdigkeiten des Her 
zogs von Sully (in Zürich 1783 in 7 Bänden 
deutsch) wird Hessen kaum zweimal erwähnt, Moritzs 
Besuch von 1602 sogar im Gegensatz zu dem der 
Brandenburger und Schweizer schweigend übergan 
gen. Dabei hatte die unter Schminckes Kollektaneen 
erhaltene DsUneatio Itinsris doch unterm 10. Sep 
tember 1602 verzeichnet, daß der König selbst bei 
feierlichem Hochamt in Notre Dame das Bündnis 
mit der antikatholischen Union erneuert und 42 Ge 
sandte zur Festtafel geladen hätte, Hessen gewiß 
einbegriffen! 
Aber an Möglichkeiten zum Erwerb der in ihrer 
Ausstattung sehr geringwertigen, modellhasten Büste 
hat es nicht gefehlt. Befand sich doch Moritzens älte 
ster Sohn, denc einst Heinrich das Kleinod übersandt 
hatte, 1610 gerade auf der Reise zum französischen 
König in Sedan, als ihn die Nachricht von Ravail- 
lacs Bluttat erreichte. Und wenige Jahre später, 
1615, war er in Paris selbst, um dem eben mündig er 
klärten König Ludwig XIII., der ihn auf dem 
Staatsbett liegend empfing, die Glückwünsche Hes 
sens zur Übernahme der Regierung zu überbringen. 
Es dauert geraume Zeit, bis wir wieder von 
Einkäufen eines hessischen Fürsten in Paris hören. 
Weder Wilhelm VII., der 1670 in Paris war, noch 
die Prinzen Karl und Wilhelm, die sich 1698 ein 
halbes Jahr lang dort aushielten, scheinen regeres 
Interesse an Kunstwerken genommen zu haben, 
trotzdem sie dank ihrer Tante Liselotte von der Pfalz, 
nicht nur beim Prinzen Conds in Chantilly, son 
dern auch in Versailles selbst beim König eingeführt 
wurden (Knetsch, Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz 
S. 29—33). Und als Prinz Georg 1716 nach Paris 
kam, war die Büste sicher schon in Kassel. Fried 
rich II. kaufte, wie die Tradition sagt, in Paris die
	        

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