Full text: Hessenland (39.1927)

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sondere Entwicklungsstufe beginnt mit dem Eintritt in 
den Dienst der Fürsten. Unter Philipp dem Großmütigen 
beginnt die erste Organisation des Hoforchesters, unter 
Karl und Friedrich II. gewinnt in der Kasseler Kapelle 
das Virtuosentum Eingang. Die Militärmusiker wurden 
durch Landgraf Karl organisiert. Seit dem 13. Jahr 
hundert haben auch die kleineren hessischen Städte an 
sässige Musikanten, deren Führung meist der Türmer 
hat. Zum Schluß ließ der Vortragende durch ein Orche 
ster alle Tänze aus dem Archiv der Treysaer Stadt 
musikanten vorführen. (Bericht Kass. Post 19. Jan.) — 
Am 28. Januar sprach an einem vom Marburger 
Verein veranstalteten Vortragsabend Kreisschulrat 
D i t h m a r-Eschwege über „h essischen V o l k s w i tz 
und hessischen V o l k s ch a r a k t e r". Redner 
zeigte vor allem, wie die hessischen Ortseigentümlich- 
kciten und dörflichen Sitten im Volkswitz zum Ausdruck 
gelangen. Auch die Spitznamen zahlreicher Ortschaften 
wurden behandelt. Ter unterhaltende Abend bot ein 
interessantes Bild des hessischen Volkscharakters und 
der Sitten und Gebräuche in Hessen. (Bericht: Oberhess. 
Zeitg. 29. Jan.) — Am Unterhaltungsabend des Kas 
seler Vereins am 7. Februar sprach Or. Hallo über 
die Kasseler B a u m e i st e r f a m i l i e Wolfs. Grün 
der des Kasseler Zweiges ist Johann Wolfs aus der 
Schweiz, den Landgraf Karl als Seidenraupenzüchter 
und Seidenbauer nach Kassel berief. Er starb um 1730. 
Sem Sohn Johann war Steinmetz und später Stadt 
baumeister, er ist der Schöpfer des Tannenwäldchens. 
Einer seiner vier Söhne, Johann, war gleichfalls Stadt 
baumeister und starb 1801. Dessen Bruder Heinrich 
Abraham, der Gehilfe Jussows beim Wilhelmshöher 
Schloßbau, war Hofwerkmeister. Der dritte Bruder 
Johann Konrad leistete sein Wertvollstes in den Stück 
arbeiten des Kasseler und Wilhelmshöher Schlosses. 
Der Sohn Heinrich Abrahams, der Akademieprofessor 
Johann Heinrich, war der Schwiegersohn Louis Spohrs 
und Vater des Dichters Louis Wolfs, der als letzter 
der Familie 1922 starb. Ergänzungen zu diesen wert 
vollen Ausführungen gaben Bankherr Fiorino, Privat 
mann Wentzell und Zolldirektor Woringer. Volkswirt 
Bruno Jacob zeigte und erläuterte den Lageplan 
eines Militärlagers auf dem Hartfelde. (Bericht: Kass. 
Post 9. Febr.) 
Im G e l u h ä u s e r Geschichtsverein fand 
am 7. Februar eine Versammlung statt. Rektor 
K a u f m a n n sprach über das „I s e n b u r g i s ch e 
Bataillon von 1806 — 1 8 14". Die drei 
Denkmünzen mit Originalbändern wurden herum 
gereicht. Anschließend sprach er über „O f s e n b a ch 
als M ü n z st ä t t e". Herr Eber Hardt zeigte 
die von ihm für die Stadt, bzw. den Geschichts- 
Verein von einem kürzlich hier gemachten Münzfund 
angekauften Stücke, die zwar von geringem numisma 
tischen Wert, für die Ortsgeschichte doch von Bedeutung 
sind. Es handelt sich um Stücke von Franz II., Karl 
Theodor von Bayern und der Pfalz, sonne um Stücke 
von Maria Theresia, im ganzen 17 Stück von 1765 
bis 1809. Alte Schmuckstücke erregten lebhaftes Inter 
esse und regten zur lebhaften Besprechung an. Der 
Artikel im „Hessenland" von Prof. Z i m m e r m a n n - 
Hanau über den Ursprung des Ortsnamens Gelnhausen 
wurde bekannt gegeben. 
Biologische Vereinigung für Hessen 
(M a r b u r g). Entsprechend dem Plan, ganz .Hessen 
in das Arbeitsgebiet der „Biologischen Vereinigung für 
Hessen" (beide Hessen, Nassau und Nachbargebiete) ein 
zubeziehen, haben wir mit dem Friedberger Vogellieb- 
Haber- und Vogelschutzverein die Vereinbarung getroffen, 
daß sich dieser Verein der B. V. f. £>. als „Ortsgruppe 
Friedberg" anschließt. Dadurch haben wir neben einer 
Ortsgruppe im Reg.-Bez. Kassel (Marburg) und einer 
in Reg.-Bez. Wiesbaden (Biedenkopf) nun auch eine 
solche im Freistaat Hessen, der hoffentlich weitere fol 
gen werden. Durch unsere Arbeit sollen ältere Vereine 
nicht ausgeschaltet werden, im Gegenteil wollen wir 
deren Wirken ergänzen, gegebenenfalls sie fördern und 
anregen und gemeinsame Ergebnisse bearbeiten und der 
Wissenschaft und dem Naturschutz dienstbar machen. Durch 
die Veröffentlichung der „Vogelfauna von Hessen", 
unsere phänologischen, z. T. im „Hessenland" erschie 
nenen Berichte, die „Vogelkundlichen Ferienkurse in 
Hessen" und anderes ist dies bereits geschehen. Alle 
diese Gebiete werden jetzt weiter ausgebaut. Um dafür 
neue Mitarbeiter zu werben, veranstaltete die B. V. f. H. 
am 19. Januar in der Marburger Oberrealschule einen 
Lichtbildervortrag von W. S u n k e l über „Zugvögel 
und Vogelzug", der sehr gut besucht war; unter den 
Zuhörern waren die Schüler von Oberrealschule und 
Realgymnasium besonders stark vertreten, und ihnen 
dankte der Redner bei dieser Gelegenheit gern für die 
eifrige und treue Hilfe, die sie ihm bei seinen vielen 
Beobachtungsgängen und der oft recht mühevollen „Be 
ringung" von Vögeln in den letzten Jahren geleistet 
hatten. Dabei wurden auch die bisher in Marburg und 
überhaupt in Hessen mit der „Beringung" erzielten Er 
gebnisse der Vogelzug - Forschung erwähnt und durch 
Kartenskizzen veranschaulicht. Die Zugvögel wurden z. 
T. in farbigen Abbildungen, z. T. in photographischen 
Naturaufnahmen gezeigt. Auch der Vogelschutz wurde 
erwähnt und der geglückten Ansiedlung mehrerer Nachti 
gallen in Marburg gedacht, wobei die Stadt-Gartenver- 
waltung großes Verständnis zeigte. Der Vortrag, be 
sonders das Lob der bisherigen jungen Mitarbeiter und 
der Appell an die Marburger Jugend hatte den schönen 
Erfolg, daß sich die jugendliche Mitarbeitergarde durch 
neue eifrige Helfer in erfreulicher Weise verstärkte; 
dies berechtigt zu der Hoffnung, daß die B. V. f. H. 
die Ziele, die sie sich für 1927 gesteckt hat, erreicht. 
Natürlich ist uns jede weitere Mitarbeit und sonstige 
(auch materielle) Unterstützung sehr willkommen, um 
unsere Arbeit durchzuführen. Werbezwecken und dem 
Ziel, Naturverständnis und Naturschutz zu verbreiten, 
sollen auch mehrere Vorträge dienen, die für Corbach, 
Friedberg u. a. Orte geplant sind. Dasselbe gilt für 
die vogelkundlichen Ferienkurse, deren nächster Ostern 
1927 am Rhein, auf dem hessischen Vogeldorado „Küh- 
kopf" bei Erfelden stattfinden soll; der Kurs ist vor allem 
für die Jugend gedacht, doch kann jeder Naturfreund 
sich melden; einfache, billige Lebensweise (Anmeldung 
möglichst mit kurzem Lebenslauf bald an den Unter 
zeichneten zu empfehlen, da nur eine beschränkte Zahl 
Teilnehmer zugelassen wird). Die Kosten (ohne Reise) 
betragen täglich etwa 1.— bis 2.— RM. Zur Ergän 
zung des in der urwüchsigsten Natur Gesehenen ist ein 
ein- bis zweitägiger Studienaufenthalt im Frankfurter 
Zoologischen Garten vorgesehen, der uns in jeder Weise 
unterstützt. — Ich wiederhole an dieser Stelle unsere 
Bitte, uns für die geplante Ausstellung Bilder, Photo 
graphien, Modelle aus dem Gebiet der heimischen Natur 
und Landschaft leihweise zu überlassen (besonders Natur 
denkmäler, charakteristische Landschaften, Darstellungen 
zu dem Thema „Naturschutz und Unterricht"); vor allem 
soll die hessische Jugend durch ihre Mitarbeit ein Zeug 
nis ablegen von ihrer Einstellung zur Natur und 
Heimat. Jeder trage an seinem Teile dazu bei, daß 
die Ausstellung, die auf dem Kasseler „Deutschen Natur-
	        

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