Full text: Hessenland (39.1927)

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Rede gehalten, die Sektpfropfen geknallt, die Gläser 
geklungen und die Gaste glückwünschend dem Paare 
die Hände geschüttelt hatten, fühlte sich Rahel plötz 
lich, ganz plötzlich, von einer großen, einer unsag 
baren Traurigkeit überkommen — woher — wes 
halb — ? Sie wußte es nicht. Doch wie ein körper 
lächer Schmerz durchzuckte sie blitzgleich die Er 
kenntnis: Nie, niemals wirst du ihm angehören! 
Tränen füllten ihre schönen dunklen Augen, sie 
sank auf ihren bekränzten Stuhl, und während 
sie sich nach dem .Herzen griff, faßte sie mit der 
andern Hand Salomos Rechte. Ter sah sie be 
troffen au. „Du weinst?!" — „Nu, vor Freide 
weint se, vor Glück" sagte Mutter Hammerschlag, 
die neben Frau Lö>venstein dem Brautpaar gegen 
über saß. 
* * * 
Der Zeitpunkt, auf den man Rahels und Sa 
lomos Vermählung angesetzt hatte, ivar längst ver 
strichen. Im Rosenmonat hatte sie stattfinden sollen 
— nun blühten die Herbstzeitlosen. Niemand im 
Hause Löwenstein sprach noch von .Hochzeit, oder 
dachte daran, die Braut selbst am wenigsten. Rahel 
war krank, von dein Abend des Kasmal an krank. 
Die zarte Röte ihrer Wangen war tiefer Blässe 
gewichen, um ihre schönen Augen lagen dunkle 
Ringe. An warmen Tagen war sie noch in den 
Garten hinaus gegangen. Jetzt, da der Herbst 
nahte, saß sie meistens im Lehnstuhl am Fenster. 
Heute hatte Joel, der Rahel sehr lieb hatte, 
ihr einen Strauß der Herbstzeitlosen gebracht, die 
die große Rasenfläche, in die der Löwensteiusche 
Garten auslies, mit ihrem zarten Lila überzogen. 
Rahel nahm die Blüten aus des Bruders Hand — 
eine große Träne rann über ihre blasse Wange. 
Sie mußte daran denken, wie sie Hand in Hand 
mit Salomo ain Kasmaltage in den Garten ge 
gangen war, Schneeglöckchen zu pflücken, mit denen 
damals die Grasfläche wie überschüttet war, wie 
heute mit Herbstzeitlosen. Damals Frühling, heute 
Herbst — welch ein Wandel in der kurzen Zeit, 
nicht nur draußen in der Natur! Joel zog den 
Kopf der Schwester an seine Brust, streichelte ihr 
Haar. Da brach Rahel in einen Strom von Trä 
nen aus. 
Täglich kam Salomo, um nach der Braut zu 
sehen, oft auch mehrmals am Tage. Häufig brachte 
er ihr Blumen und Süßigkeiten. Aber Süßigkeiten 
liebte sie nun nicht mehr, und die Blumen wurden 
jetzt, da es auf den Herbst ging, teurer. Er sprach 
viel, vom Geschäft, daß es gut gehe und daß er 
feine Kundschaft habe. Von den Tagesneuigkeiten, 
den kleinern und größern Geschehnissen, die sich 
im Städtchen zutrugen. Ach, das Geschäft! Sie 
freute sich für ihn, aber was galt ihr das Geschäft 
angesichts dessen, was ihre Seele jetzt erfüllte? 
Und die Leute mit ihren Sorgen, ihren Freuden — 
wie weit hatte sie, Rahel, die alle hinter sich ge 
lassen auf dem Wege, den sie nun wandelte, wan- 
delu mußte. 
Es mußte Salomo auffallen, daß Rahel immer 
nur mit halber Seele bei dem ivar, was er sagte. 
Darum ivohl wurde er schweigsamer. Seine Blicke 
gingen an ihr vorbei iinb hafteten an den: Kirch 
turm drüben am Ende der Straße, oder er sah ge 
dankenlos nach einem der Bilder an der Wand, 
nach dem Blumentisch, den Rahel nun nicht mehr 
betreute. Wenn sie ihn dann ansprach, war es 
ihr, als kämen seine Gedanken von weit her zu ihr 
zurück. Er hatte daun wohl an seine Geschäfte, an 
einen Auftrag, einen Wechsel gedacht. Ach, er 
war gesund, er gehörte ganz der Gegenwart, dem 
Diesseits an. Sie, ihre Seele, eilte dem verfallenden 
Körper voraus, einer andern Welt entgegen. Was 
band ihn noch an sie, die von ihm sortgezwungeu 
wurde durch eine höhere Macht? 
Zu Anfang ihrer Erkrankung hatte Rahel auf 
Gesundung gehofft. Jehova würde nicht so grausam 
sein, sie aus ihrem jauchzenden Glück heraus in 
den Abgrund, in die ewige Nacht zu stoßen! Auch 
war sie sich keiner Schuld bewußt, die Jehova etwa 
rächen wollte. Und doch — zeigte nicht das Leben, 
bewies nicht die Geschichte ihres Volkes, daß auch 
Unschuldige von Jehovas Zorn getroffen, zerschmet 
tert wurden? Waren nicht die Knaben des Levi 
drüben vor nicht langer Zeit qualvoll zu Tode 
gekommen? Und Jephtas Tochter? War sie nicht, 
völlig rein von jeder Schuld, furchtbarem Geschick 
zum Opfer gefallen? Oder war an diesen Unglück 
lichen Schuld der Väter gerächt worden, von der 
es heißt, daß sie heimgesucht werden solle an den 
Kindern bis ins dritte und vierte Glied? Sollten 
auch an ihr, Rahel, vielleicht längstvergessene Sün 
den geahndet werden? 
In bangen Nächten beschäftigten quälende Vor 
stellungen von Jehovas Zorn und seinen Strafen 
Rahels erregte Phantasie und verscheuchten ihr 
den Schlaf. Und ihre Hoffnung auf Genesung 
schwand dahin — Jephtas Tochter! Warum dachte 
sie so viel an diese? Deren Geschick war ein 
grausigeres, ja. Oder doch nicht? Es erfüllte sich 
schnell. Sie, Rahel, sah, fühlte Wurzel um Wurzel 
ihres Seins sich langsam lösen. 
Joel, in seiner zarten, verstehenden Liebe, war 
der einzige, der un: der Schwester Seelenkämpsje 
wußte. Moritz in seiner leichten, heitern Art stand 
ihr innerlich ferner als der tiefer veranlagte 
Joel, sie weihte ihn nicht ein in das, was sie 
mit Furcht und Zittern erfüllte. Frau Löwensteins 
geschäftige Fürsorge galt mehr der Tochter kör 
perlichem Wohl und Wehe, sie hatte kein Ver 
ständnis für deren Seelenleben. — 
Zu Beginn von Rahels Krankheit ivar viel Be 
such gekommen. Nun ließ Joel alle abweisen, nur 
ein Paar Freundinnen und Salomos Mutter durften 
sie sehen. Ihr Zustand verschlimmerte sich. Öfter 
und öfter griff sie sich in jäher Angst nach dem 
kranken Herzen, wie am Abend ihres Kasmal. Ihr 
Atem wurde kürzer, schwerer, weitere Anzeichen 
eines nicht zu behebenden Leidens traten ans. Joel 
ließ immer andere berühmte Ärzte kommen, be-
	        

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