Full text: Hessenland (39.1927)

geschnitten sind. Für diese ganze Art der Gliederung 
durch Umschließen und Einfügen ist aber das seit dem 
15. Jahrhundert aufgekommene Rahmenwerk maßge 
bend gewesen. Und noch eine Wirkung hat dieser Bogen: 
Es kommt dadurch etwas Architektonisches in 
die vordere Truhenwand, wie es in noch höherem Maße 
bei den gleichzeitigen Schränken der Fall ist, die ja 
geradezu die Schauseite eines Hauses nachbilden. 
An der zweiten Truhe aus hellen und mittelbraunen 
Holzarten ist noch „mehr daran". Die Vorderseite ist 
über und über mit Ornament bedeckt. Hier zeigt sich 
der zierwütige Geist der Renaissance in vollster Aus 
wirkung. Wir stehen am Gegenpol des heutigen Schlacht 
rufs: Form ohne Ornament! Die Wurzel dieser über 
fülle, die zuletzt nur kleinlich wirkt, ist wieder in Italien 
eingelegt. Der Abschluß der Vorderwand über den Ka 
pitellen, zusammen mit der vorderen Leiste des profi 
lierten Deckelrandes, erscheint dadurch von selbst als 
Gebälk im antiken Sinn, auch ohne daß dessen Formen 
bis in alle Einzelheiten wiederholt sind. Nur der Fries 
ist eingehender behandelt: Auf geschwärztem Grund 
helles, symmetrisches Rollwerk in Laubsägearbeit, abwech 
selnd mit Rosetten. Beides ist durch Holzstifte und 
Nägel mit ornamentierten Köpfen befestigt. 
Deutet schon die starke Anschwellung der Pilaster auf 
die S p ä t z e i t der Renaissance, so zeigt das Füll 
werk zwischen ihnen vollends die weich geschwungenen 
Linien des beginnenden Barock. In profilierter, nach 
außen durchbrochen geschnitzter Umrahmung sind Furnier 
platten in reicher Einlegearbeit zu sehen: Ge- 
Alsfelder Museum. Zunftschild der Schmiede. 
Aus: W. Meyer-Barkhausen, Alsfeld. Verlag N. G. Eiwert, Marburg. 
zu suchen, wo man im ersten Rausch das neuerstandeue 
Wunderland der Antike nach Zierformen durchsuchte 
und alles bis zum Lebkuchen herab damit bedeckte. Die 
Ornamentik dieser zweiten Truhe aus dem frühen 1 7. 
Jahrhundert ist natürlich nicht rein antik. Zu 
nächst muß festgestellt werden, daß der architektonische 
Zug hier stärker geworden ist. Die ganze Vorderseite 
ist durch vier Pilaster gegliedert, welche sie nicht nur 
als Schauseite, sondern zugleich als Stützwand des 
darauf ruhenden wuchtigen Truhendeckels erscheinen las 
sen. Wie unzählig oft hat man nicht in den Tagen der 
Renaissance diese Halbpfeiler verwandt, an Fassaden, 
Chorschranken, Kanzelbrüstungen und Möbeln! Immer 
wieder hat man sie anders zurechtgerückt, zu Paaren 
zusammengestellt ihnen eine schlankere oder gedrungere 
Form gegeben, mit diesem oder jenem Kapitell gekrönt. 
An unsrer Truhe sind sie jonisch gebildet und im Schaft 
schlinge von Bändern, die nach außen züngeln und hier 
so umgerollt sind, daß diese unter sich verbundenen 
Bandenden tvieder eine Art Einfassung bilden, wie sie 
an Renaissanceschilden und -Tafeln die Regel ist. Aber 
der klare Geist, der anfänglich geherrscht hatte, hat sich 
merklich verändert. Nach älterem Muster scheinen da 
gegen die stilisierten, zum Teil nur angedeuteten Pflan 
zenformen des Mittelfeldes gearbeitet zu sein, wie sie 
vom Orient her über Venedig in die deutsche Renaissance 
gekommen waren. — Auf den Seitenwänden sind große 
Sterne eingelegt, die für eine gewisse Hinneigung zu 
heraldischer Darstellung sprechen, wie ja bei Truhen in 
adeligem Besitz das Wappen naturgemäß nie fehlt, oft 
aber nur aufgemalt ist. Auf diesen Sternen sitzen die 
Handgriffe, die beim Fortbewegen des schweren Möbels 
unentbehrlich waren. Erleichtert wird der Transport 
auch durch die Kugelfüße, auf denen diese Lade im
	        

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