Full text: Hessenland (39.1927)

20 
Studiendirektor an der Oberrealschule Marburg zu tver 
den, tvird ein Rückblick auf das Hornberger Seminar von 
Interesse sein. Bekanntlich tvurde das Seminar in 
Kassel 1835 nach Homberg verlegt und 1925 aufgelöst. 
Silben Direktoren haben in der Zeit hier gewirkt, näm 
lich Baumann von 1835 bis 1862, Wetzell bis 1869, 
Tömich bis 1887, Dr. Otto bis 1891, bis 1899 Dr. 
Rank, bis 1911 Dr. Frenzel. Als letzter Direktor tvar 
Koch bis 1925 tätig. Nach Auflösung des Seminars 
wurdeir die Räume der neuen Aufbauschule überwiesen. 
W i e e n t st a n d d a s Wort La h n? Das Wort 
Lahn tritt erst verhältnismäßig spät in der Geschichte 
aus. Ten Römern tvar der Fluß, der vom Nordosten 
her aus fast undurchdringlichen Bergwäldern dem Rhein 
zuströmte, bereits bekannt. An seiner Mündung schlu 
gen römische Baumeister eine Brücke über die grünen 
Fluten. Aber bei keinem römischen Schriftsteller wird 
dieser Fluß mit Namen genannt. Erst mehr als ein 
halbes Jahrtausend später zur Zeit der Frankenherr 
schaft taucht bei einem fränkischen Geschichtsschreiber zu 
erst ein Name für den Fluß auf: L a n g a n a, eine Be 
zeichnung, die aller Wahrscheinlichkeit nach keltischen 
Ursprungs ist, da lange vor den Germanen in West 
deutschland Kelten im Besitz dieses Gebietes waren. 
Erst 300 Jahre später, um die Mitte des 8. Jahrhun 
derts, wird der Fluß in einem päpstlichen Anschreiben 
erwähnt, indem hier die Anwohner dieses Gebietes 
Lognaer genannt werden. In der Urkunde über die 
Teilung Nassaus in die ivalramische und ottonische Linie 
1255 wird der Fluß Longina genannt. Dann verschwin 
det aus dem Wort das g, schließlich spaltet es sich, und 
im fünfzehnten Jahrhundert findet man in Urkunden 
nebeneinander die Bezeichnungen Lön und Lon. Schließ 
lich verbleibt allein das Wort Lon, es hat sich aber 
verhochdeutscht, allerdings sprachlich nicht richtig. In 
der Schriftsprache setzte sich dann die überhochdeutsche 
Form Lahn im 17. und 18. Jahrhundert durch, eine 
Bezeichnung, die Geltung behielt, während das Wort 
Lohn sprachlich mehr am Platze wäre. 
Weihnachts-Würfeln. In verschiedenen Dör 
fern des Vogelsberges hat sich aus alter Zeit 
noch ein Brauch erhalten, der alljährlich um die Weih 
nachtszeit geübt wird und zeigt, wie wenig unsere Alt 
vordern brauchten, um sich eine angenehme Unterhaltung 
zu verschaffen. Es ist das sogenannte Weihnachtswürfeln. 
Es nahm am ersten Feiertag nach dem Mittagsmahl 
seinen Anfang und wurde in einer großen Bauern 
stube des Torfes gepflegt. Tort traf sich die ganze Dorf- 
jugend, mitunter auch viele der Alten. Jeder mußte 
dem Würfelmann fünf Heller bringen. Tie höchste Punkt 
zahl entschied beim Würfeln. Der oder die Gewinnerin 
erhielten einen Weihnachtswecke. Voller Begeisterung 
tvurde dem Spiel gehuldigt und manche frohe Bauern- 
schnurre erhöhte die Stimmung. Gewonnene Wecke wur- 
den nicht selten wieder dem Würfelmann verkauft, 
tvenn dessen Vorrat ausging, bis sie schließlich doch 
ihren Esser fanden. — Auch anderwärts ist das Weih- 
nachtswürseln noch in Brauch. So wurde der Ober- 
hessischen Zeitung aus K i r ch h a i n geschrieben: Seit 
gestern haben in unserer Stadt die Würfelabende be 
gonnen. Jung und Alt wird von den Bäckermeistern 
eingeladen und würfelt um Gebäck aller Art. Diese 
alte, schöne Sitte wird alljährlich nur in der Zeit 
zwischen Weihnachten und Neujahr geübt. Wie vor 
50 Jahren, so sind noch heute von Mittag bis Mitter- 
nacht die Bäckereien und die Gastwirtschaften gedrängt 
voll und die Würfel klappern ans den Tischen. Mit ein 
tretender Dunkelheit vermehren sich die Gruppen, und 
aus langen Brettern werden vom Bäckermeister oder 
Wirt die Bärches, Napfkuchen, Torten, Baumstämme 
und Herze herbeigetragen, und im Nu ist das alles 
ausgewürfelt. Das Geld tvird eingestrichen, und der 
Wirt verschwindet tvieder, um neues Gebäck zu holen, 
und es ist sein Schaden, wenn er keinen Vorrat hat. 
Meistens aber haben die Bäckereien für Vorrat gesorgt, 
denn alljährlich werden in Kirchhain zwischen den Jah 
ren tausende von Napfkuchen, Torten, große Bretzel 
ujtv. ausgewürfelt. Die Bäckermeister unserer Stadt 
fördern diese schöne alte Sitte immer wieder, und cs 
ist wahrlich nicht ihr Schaden, denn ihr größter Tages 
umsatz fällt in die Zeit zwischen Weihnachten und 
Neujahr, tvenn „gewürfelt" wird. 
S ch erztag i m „K i b i tz g r u n d". Den 3. Weih 
nachtstag zu feiern, ist eine Sitte, die immer mehr in! 
Vergessenheit gerät und nur noch in Dörfern, die ab 
seits des großen Verkehrs liegen, in alter Vollkommen 
heit hochgehalten werden. Der „Scherztag" ist in rein 
evangelischen Gegenden das, was in den katholischen 
„Lichtmeß" für den Wechsel der Dienstboten ist. Wechselt 
ein Mädchen die Stellung, so helfen Gespielinnen ihr 
die Truhe zum andern Hof tragen. Am Abend aber 
herrscht in den Spinnstuben ein lustigeres Leben denn 
je. Was sich da an den langen Winterabenden, geordnet 
nach den verschiedenen Altersklassen, meist von 14—17, 
von 17—20 Jahren usw. zum „Spellen" zusammen 
findet, feiert dann auch mit den Burschen, die sich mehr 
nach dem Zug des Herzens, als nach Altersunterschied 
dazu finden, bei dem Klang einer Geige oder Harmonika. 
Jedes Mädchen bringt aus der Würstekammer der 
Eltern eine Bratwurst mit, Kartosfelklöße werden ge 
kocht, Kreppeln gebacken oder sonstiger Kuchen, und daß 
auch die durstige Leber nicht zu kurz komme, dafür 
sorgen die Burschen. Wenn es dann zur „Achtuhr" 
geht, lacht und „kriescht", singt und klingt es in den 
sonst so winterlich stillen Dorfstraßen, denn alle Spinn 
stuben sind eine Viertelstunde in Bewegung, sie besuchen 
sich gegenseitig, treiben Schabernack allerhand, werfen 
mit Erbsen die Fenster und tvas der harmlosen Allotria 
überschäumender Jugendkraft mehr ist. Kleine Feind 
schaften werden ausgekämpft und nicht selten passiert 
es, daß die bereitgestellte Gasterei aus der Küche aus- 
getragen werden soll und alles verschwunden ist, und 
nur noch die Reste, säuberlich in ein Schnupftnch ge 
bunden, an der Türklinke hängen. So vergehen die 
langen Winterwochen nicht in tödlicher Langeiveile, ivie 
der an wechselnde Feste, Kino und Theater gewöhnte 
Städter denken mag, sondern in harmlosem, kräfte 
sammelndem Vergnügen, ivobei doch die fleißigen Finger 
der Mädchen nicht ruhen. (Hersf. Zeitung.) > 
Wildfütterung in Knüll, Rhön und 
V o g e l s b e r g. Der Wildbestand in Knüll, Rhön und 
Vogelsberg ist in dem letzten Jahrzehnt arg mitgenom 
men worden. Erstmals hat die Not der Kriegszeit 
manchen dazu verleitet, gelegentlich mal den Sonntags 
jäger zu spielen, ohne dabei die weidmännischen Regeln 
zu beachten. Verschiedentlich hat die Wilddieberei ge 
radezu überhand genommen, was besonders in verschie 
denen Teilen der Rhön der Fall ist. Aber auch die 
Kälte, reiche und anhaltende Schneefälle haben dem 
Wild argen Schaden zugefügt. Wenn in den Städten 
und Dörfern der Schnee längst geschwunden ist, liegt 
er in den Höhen über 500 Metern oft noch tage- und 
wochenlang. Dem Wild ist während dieser Zeit fast 
jede Möglichkeit genommen, sich sein Futter selbst zu 
suchen. Alle diese Umstände haben zusammen gewirkt, 
daß der Wildbestand in Knüll und Vogelsberg arg zu 
sammengeschmolzen ist. Um diesem Übelstande möglichst 
abzuhelfen, sind in der Rhön die staatlichen Förste-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.