Full text: Hessenland (39.1927)

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liche Angst vor den schlimmen Siegern: man hielt 
sie für schreckliche Gesellen, etwa für Menschen 
fresser, und meinte sie am ehesten durch gute Ver 
pflegung von vornherein mild zu stimmen und durch 
Sättigung voll Getvalttaten abhalten zu können. 
Die Lebensmittelgeschäfte wurden geradezu gestürmt, 
und in kurzer Zeit waren sie ausverkauft. Ta 
am 10. Juli spät Nachmittags, an einem Montag 
kamen die ersten Preußen mit Musik und Gesang 
in guter Ordnung, staubbedeckt, anmarschiert. Nur 
lvenige Neugierige waren auf der Straße. Die 
kleine kl jährige Lydia R., die gerade einen Gang 
»lachte, schloß sich in ihrer vom Vater angenom 
menen Vorliebe für die Preußen der Marschkolonne 
an, wo ein junger, hübscher, gebräunter Infanterie- 
Offizier Gefallen an ihr fand und sich mit ihr 
scherzend unterhielt. So zog sie neben ihm über 
die Allerheiligengasse und die Zeit' in Frankfurt 
ein. Erst spät am Abend kam sie, von dem Offizier 
ill die Lokalbahn gesetzt) lvieder nach Ofsenbach, 
wo die Eltern schon in Sorge und Angst um sie 
waren. Begeistert erzählte sie ihnen ihr Erlebnis. 
Immer mehr preußische Kolonnen rückten heran 
und wurden in Frankfurt und Umgegend unterge- 
bracht. Auch die Osfenbacher erhielten Einquar 
tierung, lind zwar die nach ihrer Meinung schlimm- 
sten Preußen: echte Berliner. Zu R's kam ein 
Unteroffizier ins Quartier. Er wurde aufs beste 
aufgenommen von Frau Anna Margarete airfs 
trefflichste verpflegt und von ihrem Gatten aufs 
lebhafteste unterhalten. Mit den Mädchen neckte 
er sich gern und genoß ihre volle Sympathie. 
Die Verkündung des außerordentlichen Gerichts 
standes, die Auferlegung großer Lieferungen sz. B. 
von 60 000 Paar Stiesel, 300 Pferden) lind einer- 
beträchtlichen Kontributions-Summe, sowie die Be 
kanntgabe der hohen Verpflegungssätze, wie für 
jeden Soldaten Mittags eine halbe Flasche Wein, 
Abends ein Seidel Bier und täglich 8 Zigarren — 
das alles hinderte nicht, daß ein äußerst freund 
schaftliches Verhältnis schon in den nächsten Tagen 
und Wochen zwischen Einquartierung und Quartier 
gebern zustande kam. Und nicht nur im Brücken 
geldhanse war dies der Fall, sondern auch in 
anderen Häusern Offenbachs trotz der ursprünglichen 
Angst vor den schrecklichen Preußen und Berlinern. 
Ja, auch Herzensbündnisse tvurden hier geschlossen, 
z. B. verlobte sich eine Schulfreundin von Therese 
R. bald nach dem Friedensschluß mit einem preußi 
schen Vizefeldwebel d. R., von Beruf Baumeister, 
den sie bei der Einquartierung in Ofsenbach kennen 
gelernt hatte. In dieser bewegten Zeit erhielt 
der Brückengelderheber R. ein Dekret zugestellt: 
es war seine endgültige Anstellung, die unterzeichnet 
war von: General-Gouverneur von Kurhessen von 
Werder und ein jährliches Gehalt von 400 Gulden 
und kch/gv/g der Erhebegebühren sowie 80 Gulden 
für Heizung unb Beleuchtung des Amtslokals zu 
sicherte. Adam Friedrich R. lvar somit jetzt preu 
ßischer Untertan. Das hessische und Frankfurter 
Rot-Weiß, das die Frankfurter Frauen und Mäd 
chen trotz des Hissens der preußischen Flagge in 
Schleifen und Bändern in der nun annektierten 
ehemaligen freien Reichsstadt mit herausforderndem 
stillen Trotz in Schleifen und Bändern weiter 
trugen, vertauschte er mit dem Schwarz-Weiß von 
Preußen. Mit dem Witz, den der nach Stuttgart 
geflüchtete Stoltze in einer Beilage des Stuttgarter 
Beobachters Nr. 168 als Bericht seiner Frank 
furter Lokalfigur „H a m p e l m a n n" über die 
preußischen Farben verbreitet hatte, war er gar 
nicht einverstanden: „Mit der amte Hälft' wird 
mer ebbes »veiß gemacht, un de annere .Hälft' is, 
die Schatteseit!" aber gelacht hatte er.doch über die 
Vorstellung „Hampelmanns" von dem jetzigen Preu 
ßentum seiner Landsleute: „Wenn ich merr unsere 
Sachsehäuser als Preuße denk', so muß ich bei all 
meine Elend lache: Jott verdamm mir, jeben Se 
mich man eenen Schoppen Äppelwein — Juten! 
App elmost zu 3 Silberjroschen die Maas verzapft 
Jener in die Dreijönigsstraße — Abends warme 
Sulberj nochen! — O, hälft de de Sachsehäuser 
Maabrück quer im Hals!" 
Ja, ja -— der „Äppelwoi" in Sachsenhausen, 
Frankfurt und Ofsenbach! Voir dem liehen die 
dort nicht - ganz gleich, ob sie Hessen, freie 
Reichsstädter oder Preußen ivaren oder blieben. Das 
merkte der Erheber R. zur Genüge au deut Brücken 
wärtern Rummel, Siebert und Klaus. Gerade tu 
jenen unruhigen und ernsten Tagen wußten diese 
nichts besseres zu tun, als beim „Äppelwoi" in 
der Kneipe zu sitzen. Dabei ging es aber nicht 
immer friedlich und gemütlich zu. Einmal gab 
es im „Tannenbaum" zwischen Klaus und deut 
Gastwirt Merz einen scharfen Streit mit Hand 
greiflichkeiten, so daß gegen Klaus beim Land 
gericht Klage erhoben wurde. Eitrige Zeit später 
ivar es Siebert, der in derselben Gastwirtschaft 
mit dem Messer aus Rummel losging unb ihn zu 
erstechen drohte iuegett einer Zankerei zwischen bei 
den Familien. Schließlich hatte Rummel, wahr- 
scheinlich in Apfelweinstimmung, sogar im Dienst 
einen Streit mit Tätlichkeiten gegen seinen Ge 
nossen. Die Folge davon war seine Pensionierung. 
An seine Stelle trat Ohaus, der Held vorr Laufach. 
6. 186 7/68. 
Das Jahr 1867 schien für die R'sche Familie 
eine Veränderung bringen zu sollen, insofern als 
die 24 jährige Tochter Emilie, atrs der ersten Ehe 
der Mutter, einen ernsthastett Bewerber gefuttden 
hatte. Seit einiger Zeit hatte der biedere Hammel 
schlächter G o t t s ch a l k auffallend viele Wege über 
die Schiffbrücke zu machen und stets längere Unter 
haltungen mit dem Erheber ant Kassenfenster. Bald 
merkte man seine Absicht, und die 'Geschwister 
neckten Emilie mit ihrem Verehrer. Sie wollte 
aber nichts von ihm wissen: einen Schlachter möchte 
sie überhaupt nicht! Auch das wirkte bei ihr nicht, 
als utan darauf hinwies, daß doch ein Osfenbachcr 
Schlüchter in R's Nachbarschaft, Namens Simott 
Groh, Schlvßgasse, der Schwiegervater des be-
	        

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