Full text: Hessenland (39.1927)

260 
sonders schlimm treibt's der Klaus. Nicht nur, 
daß er selbst fast den ganzen Tag lang im Wirtshaus 
steckt und die anderen dazu verführt, er macht 
auch meinem Vater selbst dienstlich viel Schwierig 
keiten, ,5. B. ■ laßt er sich von den Schiffseigen 
tümern seine Arbeit beim Durchlässen durch die 
Brücke noch besonders bezahlen oder schmuggelt Be 
kannte über die Brücke ohne Zoll oder unterläßt 
Meldungen an den Vater und den Brückeninspektor. 
Neulich wurden zum Durchlässen von Schissen zwei 
Trefe abgefahren, ohne daß es, lvie Vorschrift ist, 
von dem diensthabenden Brückemvärter —-. das war 
Klaus — an unserem Schalter gemeldet wurde. 
Vater stellte den Klaus darüber zur Rede. Der 
entschuldigte sich aber mit einer Ausrede. Später, 
als er jedoch etwas zu holen hatte, sagte er noch 
Hönisch: „Nehmen Sie's nur nicht übel, Herr Er 
heber, wenn ich Ihnen das Aufmachen der Brücke 
nicht gemeldet habe. Aber es wird ja wohl kein 
Unglück sein — und Sie haben es ja doch auch selbst 
gesehen. Übrigens — wo soll ich denn eine solche 
Meldung machen, ivenn Sie nicht am .Kassenfenster 
sind, wie das ja heute der Fall war?" Als Vater 
ärgerlich antwortete, es iväre doch gleich, wer da 
am Fenster säße; ob er oder seine Frau oder die 
Emilie (die älteste, erwachsene Tochter — aus 
erster Ehe der Frau), er hätte seine Meldung unter 
allen Umständen an der Kasse zu machen! Klaus 
aber entgegnete gereizt, das stünde nicht in seiner 
Instruktion und ging schimpfend davon. — Was 
sagst du dazu — unverschämt, nicht wahr? Vater 
ärgert sich über so etwas immer furchtbar, er ist 
noch zu sehr militärische Zucht und Unterord 
nung gewöhnt. Die anderen beiden sind ja nicht 
so — der Siebert, meint Vater, wird durch seine 
Frau — die war doch Kammermädchen beim Kur 
fürsten in Kassel —- immer wieder zur Raison ge 
bracht. Na, und der Rummel, der ist halt mehr 
ein „Original", meint er, und ein gutmütiger 
Mensch. Aber es könnte doch mit allen Dreien 
noch einmal ein schlechtes Ende nehmen, sagte er!" 
4. Das Waltersche und A n d r 6 s ch e 
H a u s. 
Am 22. Mai 1864, am zweiten Pfingsttag, 
wurde Therese R. in der Schloßkirche durch Pastor 
Bonhard konfirmiert. Nun war sie erwachsen und 
also auch imstande, den Vater im Schalterdienst 
ebenso lvie ihre 21 jährige Stiefschwester Emilie 
mit zu vertreten. Allerdings hatte sie zunächst 
noch wenig Zeit dazu, da sie noch bis zum Herbst 
weiter in die Töchterschule ging, um sich zur 
Lehrerein vorzubilden und dann das Institut von 
Batz zu besuchen. 
Eine Schulfreundin von ihr war Lina Wal 
ter, die schone Tochter des Hofrats Dr. Walter, 
int Eckhaus der Kanal- (Kaiser-) und Großen 
.Marktstraße (Judengasse). Therese kam gelegent 
lich auch in dieses Haus, was für sie einen ge 
wissen Reiz hatte: denn hier endete, wie erzählt 
wurde, mit dem Tode des Fräuleins Eva von 
Frank die große polnische Tragikomödie, deren 
glänzende erste Akte in dem voin Fiirsten dem 
Baron von Frank anfänglich vermieteten Psen- 
burgischen Palais in der Kanal-(Kaiser-)Straße 
gespielt hatten. Diese Eva Frank sollte eine Toch 
ter des Kaisers Alexander I. von Rußland ge- 
ivesen seien, der sie auch am 5. November 1813 
nach der Schlacht von Leipzig von Frankfurt a. M. 
ans besuchte. Ihr vorgegebener Vater, der Baron 
Jakob von Frank, hatte aus den Mitteln des 
russischen Kaisers einen glänzenden Haushalt ge 
führt, bis mit seinem Tode (1791) die Herrlichkeit 
mit einer Schuldenlast von 3 Billionen Gulden 
zusammenbrach. Ein Sohn starb plötzlich in Offen 
bart), der andere war in die russische Armee ein 
getreten und seitdem verschwunden. Die Tochter- 
Eva zog vom „Polenhof" in das Waltersche Haus, 
ivo sie noch jahrelang als alterndes Fräulein bis 
zu ihrein Tode (1816/17) wohnte. 'Ein Gerücht, 
das Therese auch kannte, behauptet, sie wäre nicht 
wirklich gestorben, sondern nur vor ihren Gläu 
bigern geflüchtet und habe statt ihrer eine Puppe 
begraben lassen. Jedenfalls hatte die Verstorbene 
im Sarg ein verhülltes Gesicht und wrirde dann 
auch Nachts bei Fackelschein begraben. Nach Eva 
Franks Tode kaufte ein Prinz Viktor von Psen- 
bnrg das Haus, richtete es neu her und baute noch 
ein Stockwerk daraus. Als er starb, erwarb es 
ein .Hofrat Marschall und nach diesem Hofrat Wal 
ter. Therese mußte lebhaft an die romantische 
und nie recht aufgeklärte Geschichte der Eva Frank 
denken, als sie das Waltersche Haus betrat. 
Aber es hatte noch einen weiteren Reiz für 
sie dadurch, daß hier auch ein Schriftsteller ge 
weilt hatte, der ein Onkel ihrer Schulfreundin 
(der Schivager von Linas Vater) war: es war 
Karl G u tz k 0 w, der im Sommer 1860 nach seiner 
Rückkehr aus Italien einige Monate mit Familie 
hier gelebt und an seinem Romalt „Der Zauberer 
von Rom" ■ geschrieben hatte. 
Im Februar 1865 hatte sie selbst Gelegenheit, 
Gutzkow zu sehen. Er befand sich nach einem 
Selbstmordversuch, den er nach seinenr Fortgang 
aus Weimar in Friedberg infolge von Nervenzer 
rüttung gemacht hatte, einige Zeit in Behandlung 
seines Schwagers, des Arztes Dr. Walter in Offen 
bach, ehe er das Sanatorium Gilgenberg bei Bay 
reuth aufsuchte. An einem schönen, sonnigen Fe 
bruartage kam er — es war wohl sein erster 
Aus gang — von seiner Frau geführt und in Be 
gleitung seines Schwagers und dessen Tochter über 
die Schiffbrücke. Der Hofrat Walter entrichtete 
am Kassenfenster an den Erheber R. für die vier 
Personen den vorgeschriebenen Kreuzer Brücken 
geld. Als sie am Erheberhaus vorbei waren, trat 
Therese, die sich im Hintergrund des Erheberzim 
mers befunden hatte, hastig an den Vater heran 
und sagte ihm, daß das soeben der Dichter Gutzkow 
gewesen sei: sie habe ihn nach einem Bilde und 
an der Begleitung von Walters erkannt. „Warum 
hast du das nicht gleich gesagt?" fragte der Vater.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.