Full text: Hessenland (39.1927)

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dorthin gehen wollte, eilte sie nach dem Schloß 
zurück. Man kam aus den Ausweg, aus Packpapier 
große Stieselschäfte zu schneiden und Wilhelms 
Beine bis ans Knie damit einzuhüllen. So ging 
es auch. Als Königin wählte sich Wilhelm die 
schönste der drei R'schen Mädchen, die blondlockige 
Elisabeth aus, während ihre tiefbrünetten, eben 
falls hübschen Schwestern Therese und Lydia ohne 
besondere Verkleidung Hofdamen darstellen mußten. 
Für Elisabeth wurde ein kleines Diadem aus Gold- 
papier geschnitten und ihr ein Schleier, aus einem 
Stück alter Gardine bestehend, sowie eine rote 
Tischdecke malerisch umgehängt. Ähnlich, nur ohne 
Krone, putzte sich Antonie Bode als Fürstin von 
Psenburg heraus, deren Gemahl, wie es auch ge 
schichtlich war, vom Fürstentag in Regensburg des 
Landfriedensbruchs für schuldig erklärt, nach Frank 
furt a. M. geflüchtet war. Ihre beiden anderen 
Brüder hatten die Ratsherren darzustellen. Sie 
mußten umgewendete Mäntel als Talare anziehen, 
das schwarze Futter nach außen und bis oben zu 
geknöpft; dann erhielten sie aus Papier geschnittene 
breite, weiße, vorn tief herunterreichende Amts- 
kragen und statt der langen Allongeperücken je 
einen Kranz von gekräuselten weißen Papierschnitzeln 
auf den Kopf gesetzt. Der kleine Fritz R. mußte ohne 
besondere Verkleidung die Rolle eines Pagen der 
Königin übernehmen. Nun sonnte die Vorführung 
beginnen. König und Königin setzten sich auf die 
Thronsessel, die beiden .Hofdamen und der Page 
standen hinter ihnen. Die Ratsherrn traten ein und 
begrüßten mit tiefen Bücklingen den gefürchteten 
Königshelden aus Schweden. Auf die Frage uach 
ihrem Begehr baten sie ihn, er möchte ihre Stadt 
als „neutral" betrachten, ihre Rechte als freie 
Stadt achten und insbesondere ihre berühmte Messe 
nicht gefährden. Daraus stand Gustav Adolf er 
zürnt auf und gab die ungnädige Antwort: „Das 
Wort ,Neutral' hat in meinen Ohren einen schlechten 
Klang, Ihr Herrn! Ich muß mich sehr wundern, 
daß Frankfurt bei so großen weltgeschichtlichen Vor 
gängen nur Sinn für seine Messe und Geschäfte 
hat. Ihr seid keine Weltbürger und Christen, son 
dern eigennützige Krämer", und hier fügte der 
Pseudo-Schwedenkönig die ihm geläufige, landes 
übliche Redensart hinzu: „daß Ihr die Kränke 
kriegt — Ihr Frankfurter! Vom Norden bis zum 
Süden habe ich die Schlüssel zu allen Festungen 
gefunden, ich werde sie auch zu Frankfurts Toren 
erhalten!" Jetzt mußten die Gesandten einwenden, 
daß sie doch erst den Kurfürsten von Mainz um 
Rat fragen wollten und dazu eine Frist erbäten. 
Darauf erwiderte der König in gebieterischem Tone: 
„Der geht Euch gar nichts an, das iveiß ich ebenso 
gut wie Ihr selbst, Ihr verschlagenen Krämer! Im 
übrigen bin ich Herr von dessen Residenz Aschaffeir- 
burg und daher so gut wie selber Kurfürst von 
Mainz. Wenn Euch an dessen Rat so viel liegt, 
sage ich Euch als solcher, daß Ihr mir Eure Tore 
öffnet und 600 Mann Besatzung in Sachsenhausen 
ins Quartier nehmt! Also aus Wiedersehen morgen 
in Frankfurt!" 3 Damit bot er der Königin den 
Arnr und schritt mit ihr, gefolgt von den Hof 
damen und dem Pagen, unter den tiefen Ver 
neigungen der bestürzten Ratsherrm hinaus. 
„Bravo!" rief es da aus einem der geöffneten 
Fenster, die auf der Galerie, den Schauplatz des 
historischen Vorgangs hinausgingen. „Das tvar 
ja ein Bild zum Malen für mich!" Es tvar der 
Pater Bode, der die Szene von der Tiefe des 
Zimmers aus unbemerkt beobachtet hatte. Wer 
weiß, ob nicht dieser Eindruck es war, der ihn 
mehrere Jahre später veranlaßte, eines Tages im 
Erheberhaus zu erscheinen und dem „Herrn Nach 
bar" die Bitte vorzutragen, er möchte ihm doch 
erlauben, seine Tochter Elisabeth zu malen, denn 
er wüßte keine nach Gestalt und Gesicht geeignetere 
Person als Vorwurf für die „Königstochter" in 
einem von ihm geplanten Märchen- oder Sagen 
bild. Adam Friedrich R. tvollte jedoch nichts 
davon wissen, wenn er sich auch als Vater ge 
schmeichelt fühlte. Es widerstrebte ihm, seine Toch 
ter im Bilde öffentlich im Städelschen Institut 
oder sonst in einer Galerie ausgestellt zu sehen. 
Er schlug es daher ab. Ob das geplante Bild daher 
unterblieb, ist nicht bekannt. Vielleicht aber fand 
Bode ein anderes Modell. Jedenfalls malte er 
die Sage von „Pipin und der Königstochter Bertha" 
(Galerie v. Schack, München). Vorgänge aus der 
Offenbacher Geschichte hat Bode, der wie sein Lehrer 
E d. S t e i n l e (geb. 2. Juli 1810 Wien, gest. 
18. September 1886 Frankfurt a. M.), lieber reli 
giöse Motive wählte (Altarbilder), nicht darge 
stellt, obwohl ihm durch seine Wohnung im Schloß 
doch täglich die Anregung dazu gegeben wurde, 
und auch sein Schulfreund Emil Pirazzi * 4 , 
wie diejer in den „Bildern aus Osfenbachs Ver 
gangenheit" (Offenbach 1879) erwähnt, ihn auch 
durch einen Brief vom April 1867 daraus hinwies. 
„Wäre ich Fürst von Psenburg", so schrieb er 
an Bode, „oder auch nur ein reicher Kaufherr von 
Offenbach, ich würde Dir die Ausgabe stellen, in 
die Loggien und Arkaden des Schlosses, Deiner 
fürstlichen Residenz, eine Reihe von Fresken aus 
Osfenbachs Vergangenheit zu malen, z. B. „Die 
Karolinger jagend im Reichsforst von Dreieich bei 
Ovenbach", „Das Schöffengericht unter der Linde 
am Tor zu Bebra", „Gras Reinhard von Psenburg 
erbaut das Schloß zu Offenbach" (1556), „Gustav 
Adolf empfängt allda die Gesandtschaft des Frank 
furter Rats" (1631), und dann vielleicht auch: 
„Der Polenhof zu Offenbach" 5 , jedenfalls aber die 
s Gustav Adolf rückte tatsächlich am 17. Februar 
1631 vor Sachsenhausen, das ihm die Tore öffnete, und 
zog von da über die alte Brücke mit großem Prunk 
in Frankfurt ein, wo er mit seiner Gattin im „Braun 
fels" Quartier nahm. 
4 Geb. 3. August 1832 Offenbach, politisch-religiöser 
Schriftsteller und Agitator, gest. 8. Januar 1898 ebenda. 
Er gehörte zu den Gästen Eschebergs. 
5 S. später unter „Walthersches und Androsches 
Haus".
	        

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