Full text: Hessenland (39.1927)

225 
Jahren in einem neuen, wissenschaftlichen Sinne 
Lehrgegenstand an der Marbnrger Hochschule ge 
worden, allgemeingeschichtliche Erscheinungen aller 
Art, aus Kunst, Kultur, Brauch, Recht usw., in 
der Heimatlandschaft an konkreten Einzelobjekten 
studiert und erläutert. 
Ter Anschluß an die Prä Historie und die 
R e ch t s h i st o r i e ist längst gesunden und gesichert, 
während die zu der geographische n und der 
geologischen Wissenschaft hinführenden Verbin 
dungsfäden erst noch fester gesponnen werden müssen. 
Besondere Bedeutung haben die Beziehungen zur 
Mnndartenforschung und Dialektgeo 
graphie. Ist diese doch in Marburg die ältere 
und erfahrenere Schwester des „Geschichtlichen 
Atlas", der ja schon bei seiner Entstehung für Rich 
tung, Methode und praktische Ausführung den ent 
scheidenden Anstoß empfing durch die sprachgeo- 
graphischen Untersuchungen, die aus der Mar 
bnrger „Zentralstelle für den Sprach- 
a t l a s d e s D e u t s ch e n R e i ch s" hervorgingen. 
Große Teile Niederhessens mit Waldeck, Teile von 
Oberhessen und von Nassau (Westerwald, Rheingau) 
umreit schon damals in diesem führenden For 
schungsinstitut verarbeitet. Immer mehr schließen 
sich die Einzelbausteine nun zusammen zu einem 
Ganzen, das das Fundament einer Geschichte 
der Dialekte in Hessen und Nassau 
sein ivird. Diesem Gesamtziel dient auch ein Werk, 
das vor Jahren auf Veranlassung der Berliner 
Akademie als ein Denkmal eben dieser Landschaft 
begonnen wurde und dessen l. Lieferung beim 
Marbnrger Universitätsjubiläum erschienen ist, das 
.Hessen- Na s s a n i s ch e Volkswörterbn ch, 
das mit seinen Sammlungen die älteren Arbeiten 
Vilmars, Kehreins und anderer weiterführt, in 
bewußt kulturgeschichtlicher Einstel 
lung, aber auch gerade den Blick auf die Gesamt 
probleme des erfaßten Gebietes lenkt und durch die 
Beigabe zahlreicher Wortkarten — etwas ganz 
Neues in solchem Rahmen! — sich zu der geo 
graphisch-historischen Methode bekennt, die alle 
diese Studien mit einander verbindet. 
Zu ihnen gehört endlich noch, als unablösbares, 
ja zwischen den Bereichen des Historikers und 
des Mundartenforschers vermittelndes Glied, die 
Volkskunde, der in unserer Zeit eine beson 
ders dringliche Aufgabe zufällt, gilt es doch, einen 
ungeschriebenen Schatz der Überlieferungen, wie er 
in gleicher Fülle nur noch an wenigen Stellen in 
Deutschland zu finden ist, rechtzeitig zu bergen, 
ehe die umstürzenden Einflüsse der Kriegs- und 
Nachkriegszeit sich ganz auswirken. Die Univer 
sität Marburg, durch die Brüder G r i nt m 
„Wiege der Volkskunde", hat die Traditionen dieser 
genialen Bahnbrecher gewahrt, wie neben älteren 
besonders die Namen F. I u st i (Trachtenbuch) 
und O. B ö ck e l (Volkslieder) erweisen. In neuerer 
Zeit hat Marburg als eine der ersten Universitäten 
die Volkskunde gleich der bereits erwähnten Hei 
matkunde in ihren Lehrplan aufgenommen. Von 
hier sind die ersten Anregungen zu einer geogra 
phisch-historischen Volkskunde ausgegangen, die die 
Brücke schlägt zur Sprachgeographie einerseits, zur 
politisch-kulturgeschichtlichen Forschung andererseits. 
Die Schätze der schon bestehenden Sammlungen 
bieten mit ihren Grundlagen zu neuer gedeih 
licher Arbeit die Gewähr, daß die Saat aus den 
Aufnahmen und Forschungen so vieler verdienter 
Männer unseres Arbeitsgebietes nicht umsonst in 
den Boden gesenkt wurde. Diese älteren Samm 
lungen nach modernen Grundsätzen fortzuführen, 
wird die nächste und dringlichste Aufgabe sein. Der 
Erfolg hängt ab von der freudigen Mitwirkung 
zahlloser Helfer, auf die das Unternehmen im 
ganzen Lande, besonders in der Lehrerschaft, mit 
Zuversicht rechnen darf. Gerade in diesem Punkte 
wird deutlich, wie sehr Marburg sein gegebener 
Mittelpunkt ist. Steht ihm hier doch jener erprobte 
Stamm von Gewährsleuten zur Verfügung, der 
mit seinem Bienenfleiß die nunmehr im „Hessen- 
Nassauischen Volkswörterbuch" zur Auswertung ge 
langende riesige Zettelsammlung der Mundarten 
ermöglicht hat. Er wird — daran ist kein Zweifel - 
auch der neuen Aufgabe, die ihm von der alten 
Forschungsstätte aus dargeboten und gestellt wird, 
mit Feuereifer dienen. 
So sind denn mehrere wissenschaftliche For 
schungszweige, ältere und junge, am Werke, in 
eine m Rahmen und Raume nach und nach alle 
geschichtlich bedingten Erscheinungen, vergangenes, 
gewordenes, werdendes Leben, zu erkunden. Sie 
werden zum Teil, wie bisher, getrennt marschieren; 
aber sie werden Fühlung halten und sie werden 
vor allem vereint schlagen. Alle arbeiten sie an 
dem einen großen, soziologischen Problem, wie das 
Volkstum unter dem Einfluß politischer Kräfte 
und der Kräfte des Verkehrs sich im Raum bewegt 
und verwandelt. Und sie arbeiten an ihm mit der 
gleichen Methode, mit der geographischen Karte, 
die allein diese sich ini Raume entwickelnden sozio 
logischen Lebensformen einfach und deutlich dar 
zustellen gestattet. Einfach und deutlich. Denn 
darauf kommt alles an, daß solche Forschungen 
nicht nur der reinen Wissenschaft dienen, sondern 
daß sie auch für die breitesten Kreise und die 
S ch u l e fruchtbar werden. Daß das möglich ist, 
hat vor kurzem der „Geschichtliche Handatlas der 
Rheinprovinz" erwiesen, der für unser westliches 
Nachbargebiet die Entwicklnngslinien des Gewor 
denen aufdeckt und so das Heute verstehen lehrt 
aus den Geschicken einer reichen Vergangenheit. 
Ein solcher Atlas, der die verschiedensten Formen 
des Kulturlebens, der Besiedelungs- und der poli 
tischen Geschichte, der Rechts- und der Wirtschaftsge 
schichte, der Sprache in ihrem Werdegänge, der 
mannigfachen volkskundlichen Erscheinungen dar 
zustellen hätte, ist auch für die Landschaft zwischen 
Rhein, Main und Weser ein Bedürfnis und das 
gemeinsame Ziel aller Forschungsrichtungen, die 
sich in Marburg zu einer Arbeitsgemeinschaft ver 
einigt haben.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.