Full text: Hessenland (39.1927)

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schwungenen Linien und mystischen Beleuchtungen raffi 
niert schönen Bilderbuches für große Kinder. Die Fres 
kenzeichnungen für das Schleswiger Kreishaus, die 
Momente des niederdeutschen Lebens (Kinderspiel, Stall-, 
Weide- und Ernteszene, Fischfang, Bootsfahrt) heraus 
heben, überhöhen in der Wucht und Einfachheit ihres 
klaren Aufbaues das Dekorative sinngemäß ins Lebens 
voll-Sinnbildliche. Der Westfale Kurt Witte (* 1882) 
bekennt sich mit seinen kühlen, korrekten, objektiven 
Porträts, seinen ins Modern-Kulissenhafte vernüchter- 
ten Assisi-Landschaften und seinen starr in die Fläche 
hineinstilisierten Drei Akten zu einer neuen Sach 
lichkeit, die jeder Stimmungs- und Gefühlsschwingung 
überlegen ausweicht. Der Plastiker Alfred Bocke 
(* 1886) drängt in barlachischer Richtung zu elemen- 
mehr als nur zufällig-lokal bedingt ist. Man kann daher 
denn auch bei ihren Vertretern mancherlei Spielarten 
künstlerischen Ausdrucks beobachten, die sich durchweg 
von den Übertreibungen der Moderne frei halten, ja 
zum Teil sich noch recht unbekümmert im alten Geleise 
bewegen. Ludwig V o ß malte seinen Studienkopf eines 
Alten mit liebevoll realistischem Pinsel, Hermann Gras 
trug kein Bedenken, sich bei seinem Venetiamschen 
Spiegel in dekorativer Zimmerstaffage ganz altmeisterlich 
bieder zu geben. Hans K o l i tz d. I. bietet ein präch 
tiges imposantes Kriegsbild der Kathedrale von St. 
Quentin und ein dunkeltoniges intimes Jnterieurstück, 
die in ihrer gewissenhaften Behandlung des Stoffes 
ebenfalls in die Vergangenheit weisen, auch Richard 
Ebels f beschauliche Felsenlandschaft, anspruchsloser 
Landschaft bei Knooke kn Flandern. 
tarcr Konzentriertheit, bäuerlicher Größe und Gedrungen 
heit seiner Figuren in der bekannten Breslauer Maria 
aus der Eselin, den: eindrucksvollen Frauensymbol (Mor 
gendämmerung) und dem herben Eisenrelief der Um 
armung (Nocturno), während das überladene Bochumer 
Jobsbrunnenmodell sich im Gewirr der Details verliert. 
Die städtebaulichen Kirchen-, Kur- und Stadthaus- und 
Eigenheim-Modelle und Zeichnungen Hans S o e d e r s 
(* 1891; zeigen in der jede Komplizierung vermeidenden 
mathematisch geraden Raumaufteilung und der erstreb 
ten restlosen Durchdringung des praktischen und kon 
struktiven Problems die neuen Wege einer disziplinierten 
und organisierten zweckerfüllten Architektur. 
Der Kreis, der die hessische K u n st der Gegen 
wart umspannt, vereint 36 Persönlichkeiten von sehr 
verschiedenem Gepräge mit einander, deren Zugehörig 
keit zur hessischen Kunst in den meisten Fällen kaum 
Gemälde von p. Baum. 
Sommertag und schreibender 'Knabe tvollen nichts an 
deres, als sich schlicht und andächtig ins Gegenständ 
liche einer bescheidenen Natur- und Menschendarstellung 
vertrefen. .Caesar Philipp fesselt mit einem vor 
nehmen, frischen und natürlichen Selbstbildnis. Licht 
und Atmosphäre beherrschen das freundliche Strandbild 
von Anna H e i d t m a n n. Wohl abgewogene impres 
sionistische Landschaft treffen wir bei Friedrich Fen 
ne l s französischen Studien (Champagnedorf, Laon), 
Joses van Brackels sonnendurchfluteter machtvoll 
aufstrebender Allee, Gerhard Sys gewandtem Ahna 
talausschnitt (neben einem markanten Herrenbildnis von 
ihm) und Georg Höhmanns zu farblicher Plastik 
kräftig herausgearbeiteter Schafherde, Appenzell. Ein 
Tannen- uno Winterbild von Rudolf Sieg mund 
lassen den sicheren geschmackvollen Naturgestalter er 
kennen, seine schöngeistige, ästhetisierende Art spürt man
	        

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