Full text: Hessenland (39.1927)

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Pfarrer ein neues Tor zn liefern. „Krieg die Kram- 
menot," sagt' ich, „das lassen wir uns nicht gefallen. 
Schlimmer wie schlimm kann's nicht werden. Alle 
iveil gehn wir an die richtige Schmied', wir machen 
nach Darmstadt und beschweren uns beim Groß 
herzog!" Gesagt, getan. Selbviert sind wir nach 
Darmstadt gefahren, 's war eine schöne Reis', aber 
kriminalteuer. In Tarmstadt hatteil wir ein kolos-« 
sales Glück. Ta ivar nämlich dem Rocker am Wind- 
eck sein Jakob Kutscher beim Herrn Baron von 
Riedesel. Und der Jakob hat mit seinem Herrn 
geschwätzt, lind der Herr Baron hat's richtig fertig 
gebracht, daß uns der Großherzog ins Schloß be 
stellen tat. Ich sagt' ivider die Gcmeinderät': „Jetzt 
heißt's, die Ohren steif gehalten. Ter Großherzog 
ist das lebendige Gesetz und hat ein Herz für sein 
Volk. Was der spricht, steht fest wie das Evange 
lium!" Im Schloß wurden wir in einen Saal ge 
führt. Vor all der Pracht wurd's einenr ganz 
durmelig. Auf einmal kam der Großherzog. Ei, 
du liebes Gottche, wie groß war der! Ter guckt' 
!vie unser Kirchturm über uns weg. Er war aber 
sehr freundlich. Und wußt' im Vogelsberg Bescheid, 
's ivar der Staat all. Und hat eine förmliche Red' 
gehalten und hat gemeint, daß dem Bauersmann 
seine Arbeit fröhlich und voller Hoffnung wär'. 
Alle andern Ständ' müßten kaufen, was sie brauch 
ten, den: Bauer tät's ins Maul hineinwachsen. 
Und ivas die Hauptfach' wär', ivir könnten alles 
aus freien Stücken tun. So sprach er und sprach 
noch mehr. 's hatt' alles Hand und Fuß. Ich 
dacht' bei mir: der ist nicht bloß dem Rock nach 
Großherzog, der ist auch Großherzog im Kopf! Eine 
Viertelstund' hat die Sach' gedauert, dann wurden 
ivir hinausgeführt und haben ivieder auf dem 
Schloßplatz gestanden. „Kreuzmillionendonnerwet- 
1er," sagt' ich wider die Gemeinderät', „ich hab' in 
der Rasch' rein das Pfarrtor vergessen. Ihr dum 
men Kälber, warum habt ihr dann das Maul nicht 
aufgetan?" Grad kam der Herr Baron von Ried 
esel aus dem Schloß. „Nichts für ungut, Herr 
Baron," sagt' ich und legt' ihm die Geschicht' aus 
einander. Der Großherzog, meint' er, wär' heut nicht 
mehr zu sprechen lind morgen führ' er auf die Jagd. 
Wir sollten ruhig heim machen. Er wollt' einmal 
sehen, ivas er für uns tun könnt'. Er gab jedem die 
Hand. „Das Pfarrtor ist bei dem Herrn Baron in 
guten Händen," sagt' der Rocker am Windeck, „ich 
denk', wir trinken jetzt einen." Darauf sind wir in 
den Gasthof zur Traub' gegangen und haben eine 
Flasch' Wein bestellt. Und iveil man auf einem 
Bein nicht steht, haben wir noch eine Flasch' kommen 
lassen, 's hat mörderlich viel Geld gekostet! Und 
das End' trug die Last. Wie ivir heim kamen, 
stand der lange Rühl aus Herbstein vor dem Pfarr 
haus und schreinert' an einem neuen Tor herum. 
„Wer läßt denn das Tor machen?" fragt' ich. „Das 
Kreisamt", spricht er, „für Rechnung der Ge 
meinde." — „Da haben wir den Salat", sagt' der 
Rocker am Windeck nnb macht' ein Gesicht wie ein 
Nest voll Eulen. Und's war eso, die Gemeinde 
mußt das Pfarrtor bezahlen. Jetzt hätten Sie ein 
mal sehen sollen, ivas die Kühbauern einen Zorn 
auf mich hatten! In Darmstadt, ging das Gebelfer, 
hätt' ich nichts ausgerichtet, und für das viele Geld, 
was die -Reis' gekostet hätt', hätt' man fünf neue 
Pfarrtore hinstellen können. Bei der Bürgermeister 
wahl täten sie mir's eintränken. Und sie haben 
mich richtig nicht wieder gewählt." 
„Wer weiß, tvozu 's gut war," sprach der Lehrer, 
der der Erzählung seines Freundes mit Spannung 
gefolgt ivar. „Jedenfalls ist Euch viel Ärger nnb 
Verdruß erspart geblieben." 
Der Adam spuckte aus. 
„Das mein' ich auch. Im Anfang hat's mich 
mächtig gefuchst, daß ich durchgeplumpst war. Und 
meine Frau selig hat drüber acht Tag im Schlaf 
geschwätzt. Hernach ivar ich froh, daß ich meinen 
Frieden hatt'. Das beste Amt gibt Stroh statt Gar 
ben. Und gar Bürgermeister! Heut soll man den 
Herrgott spielen, morgen den Teufel. Und ivas 
das schönste ist: man bildet sich ein, man tät' kom- 
mandier'n, und ivird kommandiert!" 
Ter Lehrer brach auf. Der Zeklers-Adam be 
igleitete ihn vor die Tür und ließ sich auf seinem 
Bänkchen nieder, noch ein wenig den schönen Abend 
zu genießen. 
Die Sonne ivar zur Rüste gegangen. Auf deni 
Wäldchen, das den Gipfel des Gackersteins krönte, 
lag ein roter Schein, der mählich verblich. Die 
ersten Sterne blinkten vom Himmel hernieder. Im 
Torf hob die Glocke zu läuten an. Rahehin auf 
dem Schäferweg zogen Burschen und Mädchen in 
langen Reihen vorbei. Ihr Gesang hallte herüber. 
Wie die Blümlein draußen zittern, 
Wenn die Abendlüfte wehn, 
Und du nullst mir's Herz verbittern, 
Und du willst schon Ivieder gehn? 
O bleib bei mir und geh' nicht fort, 
An meinem Herzen ist der schönste Ort. 
Der Alte fuhr mit der Hand über die Stirn. Einst 
hatte er auch unter den jungen Sängern mitgetan. 
Das war lange her. Jugendzeit war die beste Zeit. 
Aber zwischen Saat und Ernte konnte viel geschehen. 
Tie da drüben dachten von einem Tag aus den 
andern, «glaubten, sie hielten das Glück an allen 
vier Zipfeln. Jung und alt hatten zweierlei Sinn. 
Das mußte so sein und würde ewig so bleiben. Er, 
der Adam, steuerte auf die Achtzig los. Kurios! 
So alt man war, immer wollt' man noch ein paar 
Jährchen zugesetzt wissen. Und warum auch nicht, 
solang' man gesund war und einem das Essen 
schmeckte? Leben, wie's recht war, und den Tod 
nicht fürchten, darauf kam alles an in der Welt. 
Tie Schatten der Nacht senkten sich tiefer. Eine 
Fledermaus strich an dem Hänschen vorbei. In 
tiefem Frieden lag das Dorf. Nur in der Mühle 
regten sich noch fleißige Hände. Die Mahlgänge 
stampften und klapperten. Das klang dem Zeklers- 
Adam >vie Musik. Bedächtig klopfte er seine Pfeife 
aus, erhob sich und suchte sein Stübchen auf.
	        

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