Full text: Hessenland (39.1927)

170 
nisse müssen der Nachkommenschaft jedes Zeitalters 
schätzbar und verehrlich sein und bleiben. Der 
Herr Professor Justi hat uns in seinen hessischen 
Denkwürdigkeiten 1. c. S. 428—440 eine ausführ 
liche Nachricht von diesen Bildnissen nach den 
Wissenschafts-Sektionen und der Zeitfolge mitge 
theilt." 
Der Geograph Christ. Gottfr. Dan. Stein, 
Professor am Berliner Gymasium zum grauen 
Kloster, kam auf seinen „Reisen nach den vorzüg 
lichsten Hauptstädten von Mittel-Europa" (Leipzig 
1827) auch nach Marburg und schreibt u. a. : 
„Die 1527 gestiftete Universität, seit der Auf 
hebung der zu Rinteln unter der westphälischen 
Regierung 1809, die einzige im Kursürstenthum, 
feierte am 28. Juli ihr drittes Secularfest, und 
hatte 1825 360 Studenten, worunter 78 Aus 
länder. Sehenswerth sind: die schöne Bibliothek 
mit mehr als 100,000 Bänden, das chirurgische 
Wilhelmsinstitut, das physikalische, mathematische 
und chemische Kabinet, das anatomische Theater, 
das Klinikum, die staatswirthschaftlichen, chemischen, 
zoologischen und Veterinairinstitute, das Entbin 
dungshospital, der botanische und Forstgarten usw. 
Auch bestehen hier ein Pädagogium, ein Schul 
lehrerseminar, eine naturforschende Gesellschaft 
(1817 gestiftet), eine Bibelgesellschaft usw. Inter 
essant ist die Stadt auch durch das 1529, wie 
immer, fruchtlos gehaltene Religionsgespräch. 
Den Gewerbfleiß der Einwohner bekunden die 
Woll-, Baumwoll-, Leinwand-, Tabak-, Pfeifen-, 
Semilorfabriken, die Stückgießerei ustv. Die Stadt 
hat seit 1811 zweckmäßige Armenanstalten, zu denen 
Hospitäler, eine Verpflegungsanstalt für kranke Arme 
und unmündige, zur Aufnahme in das Waisenhaus 
noch nicht fähige Kinder, ein Arbeitshaus für frei 
willige und Zwangsarbeiter, eine Gewerbefreischule 
für arme Kinder überhaupt und eine Sonntagsschule 
für arme Handwerkslehrlinge gehören. 
Gast Höfe: die Post, der Ritter, der blaue 
Löwe, die Krone. Zum Vergnügen der Einwohner 
dienen: das Casino für alle Gebildete mit täg 
lichen Zusammenkünften und freiem Zutritt für 
Fremde, so wie in dem meistens aus Professoren 
bestehenden literarischen Club; die adelige Don 
nerstagsgesellschaft, die musikalische Gesellschaft. Ge 
schmackvolle Anlagen auf dem Dammelsberge, Frau 
enberge usw. Eine Stunde von der Stadt liegt 
in einer sehr angenehmen Gegend der St. Elisabeth- 
brunnen, ein vortreffliches Trinkwasser, der aber 
1817 durch die Forstaxt die alten Bäume, seine 
schönste Zierde, verloren hat." 
Schließlich seien noch aus des Wittenberger 
Privatgelehrten Dr. August Böhringer „Reise 
bildern" (Dessau 1837) des Verfassers Eindrücke 
über Marburg mitgeteilt: 
„Ter Weg von Cassel nach Marburg ist äußerst 
romantisch, der Burgen und Villen giebt es viele, 
und das Auge schwelgt in die reizende Landschaft 
hinein. Im Städtchen Wabern im Gasthofe zum 
grünen Hofe wurde gefrühstückt. Hinter diesem 
Orte begegneten uns eine Menge Würtembergische 
Auswanderer, alt und jung, reich und arm, kräftige, 
frohsinnig scheinende Menschen, die ihr schönes 
Vaterland verließen, um in Amerika eine neue 
Heimath zusuchen. Gott geleite sie! In Halts- 
d o r f, einem Flecken, rasteten wir wieder im Gast 
hof zum goldenen Löwen und kamen nach 8 Uhr 
Abends zu Marburg an, wo wir im Gasthofe zum 
deutschen Hause bei Herrn Weiß, einem sehr 
gesprächigen und viel erfahrenen Mann, abstiegen. 
Marburg ist ein alter, eben nicht schön gebauter, 
bergiger Ort, eine der älteren Universitäten mit 
tüchtigen Lehrern, aber wenigen Studenten bedacht, 
während die Letzteren seit langer Zeit kaum die 
Zahl von 300 erreichten, zählt die theol. Facultät 
sechs, die juristische neun, die medizinische sieben 
und die philosophische Facultät elf Professoren und 
außerdem giebt es noch mehrere Privatdocenten; 
den sich ausbilden wollenden Musen fehlt es daher 
nicht an Gelegenheit, als unter den Lehrern mancher 
von hoher Gelehrsamkeit und Ruf. Ich hatte Ge 
legenheit den auch als Dichter bekannten Professor, 
Ober-Consistorial- und Regierungs-Rath, Superin 
tendenten und Dr. der Theologie, Herrn I u st i, 
einen gar freundlichen und bejahrten Mann, kennen 
zu lernen, wie ich denn auch zu dem Herrn Ober- 
gerichts-Rath C n y r i e m — dem Verwandten 
meiner holden Reisegefährtin Theodora, einem höchst 
launigen und genialen Mann — das Vergnügen 
hatte, zu Tische geladen zu werden. Nachmittags 
brachte ich einige Zeit in dem sogenannten Museo, 
wo die Professoren und eine bedeutende Anzahl 
Studenten allein nur verkehren, dort einen Lese 
zirkel bilden, und in dem schönen Locale auch 
sonstigen Festivitäten huldigen, zu. Eintracht und 
Ungebundenheit, vermählt mit Anstand und Würde, 
herrscht hier unter den Lehrenden und Lernenden 
und wahrhafte Freude gewährt es, sich in solcher 
Mitte zu befinden. Möchten jene Herren, welche 
mich so freundlich aufnahmen, auch aus der Ferne 
mein Dankeswort vernehmen. Die Kirche zu St. 
Elisabeth mit ihrem so herrlichen Glockenge 
läute, ein schönes Denkmal gothischer Baukunst, 
schloß einst die Gebeine der hochgefeierten Land 
gräfin Elisabeth in seinen Hallen ein; — doch 
kann man hier nur noch das Grabmal finden; die 
Überreste der edeln Fürstenfrau ließ einst der Land 
graf Philipp der Großmüthige herausnehmen, und 
Niemand weiß, wo sie geblieben und hingekommen 
sind. Die Kirche selbst enthält der historischen Denk 
mäler viel. So manches erlauchte Fürstenpaar hält 
hier ewige Siesta mit im Staube zerfallenem Pur 
pur, Mahnung der Zeit. Im hochgelegenen alter- 
thümlichen Schlosse weilen zur Zeit noch mehrere 
politische Gefangene, deren Wehruf, ob oder ob 
nicht verschuldet, herniederweint in das gesegnete 
Lahnthal."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.