Full text: Hessenland (39.1927)

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Philipp: 
Erst proben! 
Dann loben! 
Zu Marburgs Heil sei der Pokal erhoben. 
(er leert den Becher; dann feierlich:) 
Die Hochschul' zu Marburg an der Lahn, 
Sie sei denn hiermit aufgetan, 
Die Landesuniversität, 
Die da Weisheit erntet und Weisheit sät, 
Die Geistesnährerin, 
Der Jugend Lehrerin, 
Des Wissens Mehrerin, 
Des Unklaren Klärerin, 
Tie Rätsel lösend, die Gottes Welt 
Tausendfach an die Seele stellt. 
Am reinen Evangelio 
Ward meine Seele frisch und froh. 
Doch soll man, die Wissenschaft zu mehren, 
Hier alle freien Künste lehren. 
Theologen, Juristen, Mediziner, 
Sie alle sind gleichsam Gottes Diener. 
Doch die vielgestaltete Philosophie, 
Ein Progymnasma nenn' ich sie. 
Denn das Denken lernen und das Reden, 
Das muß wohl die Vorschul' sein für jeden. 
Herbei denn, mein Geschäftsverwalter, 
Herr Feige, Kanzler, du mein Alter, 
Lies vor die Statuten, die wir verfaßt, 
Die du in der Satteltasche hast. 
Feige: 
Die Statuten sind länglich von Natur, 
Ich gebe daraus ein Pröbchen nur. 
Wo die vominieani hiebevor 
Gewohnt, hart über der Lahn am Tor, 
Und am Plan in der Nähe des Barfüßertores, 
Da sollen sie lehren, die Professores. 
Acht sind's die die Philosophie vertreten, 
Je vier in den andern drei Fakultäten, 
In Summa zwanzig. In jedem Jahr 
Beziehen sie 100 Gulden Salar. 
Nur hundert! Davon läßt sich nicht leben, 
Das Geld ist eben heute rar. 
Drum werden auch Naturalien gegeben, 
Wurst, Brennholz, ein altes Huhn, auch Kohl, 
Gratis! Da fühl'n sich die Herr'n schon wohl; 
Und ein Ohm voll Landwein, ein uresus vini, 
Und gar ein Gänslein zu Martini. 
Ja, ja, wenn unsre Bauern nicht wären! 
Die soll'n den Gelehrtenstaat ernähren. 
Doch genug! Mein Gaul ist voll Ungeduld; 
Mein Pferd ist doch auch kein Lesepult. 
Und da steh'n die Gelehrten ja selber schon. 
(Feige weist nach links) 
Philipp: 
Was seh' ich? Da seid ihr in Person, 
Ihr Herren, die ich berufen habe? 
Ich vergleiche euch einer Honigwabe. 
Seid mir gegrüßt von Herzen, ihr Guten, 
Ihr ersten Marburger Professores, 
Und lernt mir fleißig die Statuten! 
Haltet auf Zucht vor allem, auf mors»! 
Die Schul' ohne Zucht, sine moribus, 
Ist ein liortuIu8 sins kloribns. 
Ich bin noch jung, doch ihr Gelehrten, 
Ihr Männer mit den grauen Bärten, 
Euch schätz' ich an Zucht als die wohlbewährten. 
Da ist schon der Rektor, Herr Eisermann. 
Ich verhoff', er ist kein leiser Mann, 
Aber gewißlich ein weiser Mann. 
Und ist denn. Euricius Cordus nicht hier? 
Ei! Euricius Cordus, da seid Ihr? 
Seht an! Den Lorbeer auf der Kappe (lachend) 
Und lauter Rezepte in eurer Mappe? 
Ich wüßt' nicht, wer mir lieber erschiene, 
Als er, der voetor meckieinus 
Und obendrein Poet! Poet! 
Der Dichter hat uns nicht verschmäht. 
Leider dichtet er nur Intins. 
Und auch ihr, Herr Adam Krafft, kamt her, 
Die große Kraft der Gotteslehr' ? 
Das schafft uns wahrlich nicht Verdruß! 
Und ihr heißt Busch? 
Professor: 
Ja, Buschius. 
Philipp: 
Ei, Buschius! (nachdenklich). 
Es erfaßt mich ein wunderlich Geistersehen. 
Wer weiß, bei künftigen Jubiläen 
Wird euer Name noch auferstehen! 
(Philipp wendet sich nach rechts.) 
Doch was woll'n die Kerlchen, die hier steh'n? 
Feige: 
Schulbuben! Die woll'n ihren Stifter sehn, 
Vom Gymnasium, das hier neu erstand. 
Philippinum ist's nach Euch benannt. 
Philipp: 
Ihr Bürschchen, so hebt denn hoch die Hand 
Gelobend, ihr wollet in allen Sachen 
Einst mir, dem Philippo, auch Ehre machen. 
Nennt, Kinder, getrost euch die Philippinen 
Und seid mir fleißig wie die Bienen. 
Im Griechischen, will ich, und im Latein, 
Sollt ihr vor allem mir Meister sein. 
Denn das ist der Bildung erste Zier. 
Doch sind nicht auch schoir Studenten hier? 
Feige: 
Dort, Herr! 
Philipp: 
So seid mir gegrüßt auch ihr! 
Jungmannen, gerad' und Wohlgestalt, 
Von jungen Eichen ein ganzer Wald, 
Schmuck im Barett und mit dem Rapier! — 
Doch kamt ihr her, nicht um zu fechten, 
Und diese Waffen sind nicht die rechten. 
Es ist vielmehr des Geistes Schneid', 
Die sollt ihr schärfen kampfbereit! 
Das sei euer Spruch: Viel Lehr' viel Ehr'! 
O, daß ich euresgleichen wär'. 
Der Mensch soll zur Erkenntnis reifen. 
Wir woll'n nicht nur schau'n, wir woll'n begreifen.
	        

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