Full text: Hessenland (39.1927)

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Ahnen Blut und Wesen noch in fernsten Kindes-- 
kindern lebendig zu tvirken. Derlei Unsterblichkeit 
gilt schon hoch; von Wenigen nur bleibt mehr 
zurück, sei es eine besondere Tat, sei's allein ein 
nachdenklich Wort. 
* * * 
Da ist Herr Cyriax Eitel gewesen, ein Ritter 
vom löblichen Geschlechte derer von Hutten; zu 
Sannerz war sein Sitz. Was melden die alten 
Papiere von ihm? Daß er sich im Jahre 1615 
mit denen von Hanau eines Waldes zu Großen- 
schlinglof wegen verglich; daß er viele Jahre hin 
durch einen Streit verfocht um die Kirche zu Ram- 
holz . . . Aber was sagt das über seine Art? 
Mehr als aus noch so vielen dürren Angaben läßt 
sich aus einem Bekenntnis entnehmen, das er selbst 
ablegte. Es ist eine Stelle seiner Briese über er 
wähnten Streitfall, da schaut der ganze Mann 
heraus, grüblerisch, eigenwillig, selbstsicher, wie er 
gewesen sein mag, vielleicht mit einem artigen 
Schelm im Nacken, wenn er dort schreibt: „Er halte 
dafür, daß der rechte, wahre Glaube noch nicht auf 
der Welt sei, und daß, wenn dieser käme, alle 
Menschen ihn annehmen müßten; darauf wolle er 
mit den Seinigen warten". — 
O du liebe Seele! Das war nicht unklug ge 
sprochen. Wir harren dessen nach heute. 
* * * 
Hoch Rühmliches berichten Urkunden und Jahr 
bücher von deni edlen Herrn Hermann Riedeseb 
zu Eisenbach. In mancherlei Kriegsläuften be 
währt, doch lieber in Werken des Friedens, stand 
er unbeirrt zu den Landgrafen von Hessen. Er 
mehrte das Erbgut seines Stammes aus geringen 
Anfängen zu reichem Besitze, der seine Nachkommen 
für Jahrhunderte förderte und trug. Er gedachte 
auch seines Seelenheils in eifriger Übung und Vor 
sorge, und als er, an die achtzig Jahre alt, im 
Jahre 1463 das Zeitliche gesegnet hatte, besiegelte 
der Deckstein seiner Gruft in der Liebfrauenkirche 
zu Schotten ein löblich und fruchtbares Leben, das 
ihn unter die Ersten der hessischen Ritterschaft 
erhob. Ein treuer Mann, ein Freund des Rechtes, 
der oft zur Schlichtung von Streitigkeiten berufen 
wurde und selber, ein Wunder für seine Zeit, 
niemals in eigener Fehde zu Felde lag, ein um 
sichtiger Haushalter: so läßt sich sein Wesen er 
ahnen. Noch deutlicher Zeugnis von seinem ade 
ligen Sinne, vom Wissen um die Pflicht des 
Führers und Herren, legt ein Wort ab, das er den 
Einsassen des Gerichtes Schlechtenwegen gegen 
über äußerte, als sie ihm, nachdem er jenes im 
Jahre 1429 zu Lehen empfangen, auf einem Berge 
bei Fischbvrn geschworen hatten. Da entließ er 
sie in Hulden mit diesen Worten: „Gehet heim, 
ihr Männer! Und behütet euch vor den Wölfen; 
vor Feinden will i ch euch behüten!" — 
* * * 
Mancheiner scheint sein Leben nur zu durch-- 
brausen, damit er auf seinem Sterbebette erkenne, 
wie es verkehrt und verloren gewesen. Des zum 
Belege stellt sich ein anderer Hermann Riedesel 
dar, ein Sohn jenes verehrungswürdigen älteren 
Hermanns, von dem wir vernahmen. Hermann 
der Jüngere, samt seinem Bruder Georg, zer 
störten das meiste von dem, was ihr Vater aus 
gerichtet hatte. Ihr Dasein war stetige Fehde 
und Widerfehde, Kriegsverlust aus eigene Hand 
und im Dienste ihrer Fürsten, Entäußerung ihrer 
Güter, von denen sie ein Stück nach dem andern 
versetzten, verpfändeten oder verkauften, so daß 
Hermann im Jahre 1501, als er ans Sterben kam, 
in Schulden schier vergraben lag. Doch eines hebt 
ihn hervor: Er belog sich nicht selbst über seinen 
schlimmen Zustand und hielt sich nicht für würdig, 
ein Beispiel zu sein. Es mochte ein beizendes 
Lächeln deutlicher Einsicht, gerechter Abwägung, 
aber auch trotziger Selbstbehauptung um seine harten, 
zerrissenen Züge irren, als er seinen Enkel Jo 
hann an sein letztes Lager rufen ließ, ihm seinen 
guten Degen in die Hand darreichte und dazu sprach: 
„Hänschen! nimm hin mein Schwert und erwirb 
so viel damit, als ich verloren". — Das war ohne 
Trum und Dran die Summa gezogen, bitter, aber 
ehrlich, und so konnt' er füglich vor Gott treten. 
Der wird ihm ein billiges Urteil gesprochen haben. 
* * * 
Als der Abt von Fulda gesonnen war, die Stadt 
Hersfeld wegen ihres Stolzes zu züchtigen, hatte 
er auch den Adel aus der Nachbarschaft dazu auf 
geboten. Unter diesem Bunde war auch Simon 
von Haune. Es ward mit großer Umsicht und 
Heimlichkeit auf den Abend des 28. Aprils 1378 
ein Überfall verabredet, der dazu angetan gewesen 
wäre, die ahnungslose Stadt zu vertilgen. Da 
schlug Herrn Simon das Gewissen; denn er war 
ein rechtlicher Mann. Er gedachte der Gunst und 
Neigung, die er von den Bürgern oftmals genossen 
und die ihn zur Dankbarkeit verpflichtete. Dazu 
verschlug es ihm gegen seine Ehre, die -Gegner 
hinterlistig gleich einem Strauchdiebe zu überraschen, 
so daß er noch am selben Tage, an dem der Kampf 
beginnen sollte, den Bürgern nach altem Brauch 
und Rechte einen ehrlichen Fehdebrief übersandte 
des Inhalts: 
„Wisset, ihr von Hersfeld, daß ich, Simon von 
Haune, Ritter, euer und der eueren Feind sein 
will, mit allen meinen Helfern und Bundesgenossen, 
und will euch nach Leib, Ehr und Gut stehen, und 
will das diese Nacht tun. Darnach habt euch zu 
richten. Gegeben unter meinem Jnsiegel auf St. 
Vitalis Abend, A. D. 1378." 
Das mochte nun dem Abte und den anderen 
Herren recht sein oder nicht, Simon hatte getan, 
was er sich schuldig war. Und wenn die Stadt dabei 
gerettet wurde, so war's nur billig, denn es stan 
den sich die Gegner mit gleichen Waffen gegenüber. 
* *
	        

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