Full text: Hessenland (39.1927)

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Merkwürdig ist, das; Rudolf Schlunck, dieser starke, 
treue Hesse, eigentlich doch nur eilt halber .Hesse 
war. Sein gleichnamiger Vater war ja ein Alt 
preuße aus der Mark und Stadt Brandenburg 1 und 
erst 1867 nach Kassel gekommen, wo er ein Delika 
tessengeschäft in der Königstraße errichtete. Aus 
einer frommen, patriotischen Familie stammend, 
hat er sein ererbtes Christentum und Preußentum 
auch nie verleugnet, aber er war nicht der einzige 
Preuße, der damals zwischen Christentum und Pa 
triotismus eine höhere Einheit fand. 
Nur die ältere Generation wird sich noch des 
Sedanskandals von 1873 erinnern, der mit dem 
Namen Schlunk verknüpft ist. Als damals der 
Vater Schlunk erklärte, er könne an einem Reiche 
keine Freude vor Gott haben, das seine Wurzeln 
in dem Rechtsbruch von 66 trage, und als er darum 
am 2. September seinen Laden nicht schließen 
wollte, da wurde sein Haus von einer radaulustigen 
Menge umlagert, und es wurden ihm die Fenster 
eingeworfen. Sein Geschäft blieb lange Zeit boy 
kottiert. 
Wie kam der Altpreuße Schlunk zu dieser Stel 
lung? Er hatte sich in Kassel den streng kirchlichen, 
althessischcn Kreisen angeschlossen und in ihnen 
seine zweite Gemahlin Lina Witzel kennen gelernt. 
Die Witzels sind eine alte hessische Lehrer- und 
Pfarrerfamilie. Ein Bruder der Frau Schlunk 
war der streitbare Pfarrer von Schemmern, der 
schon im hessischen Treubund eine Rolle gespielt 
hatte und in den nun beginnenden Kämpfen der 
Renitenz mit in der ersten Reihe stand. 2 Diese 
Verwandtschaft mußte unwillkürlich etwas abfärben. 
Ter junge Rudolf S. (* 7. Juni 1871), der später 
der Nachfolger seines Onkels in Schemmern wer 
den sollte, neigte mehr nach der Seite der Mutter 
als nach der des Vaters, der überdies vorzeitig 
starb und seine Witwe mit neun Kindern (darunter 
4 Stiefkinder) zurückließ. 3 Kaufmännische Talente 
waren ihm versagt, dafür regte sich das Pfarrer- 
und Schulmeisterblut der Witzels in ihm. Er stu 
dierte in Leipzig, Tübingen, Marburg und Göt 
tingen, war eine Zeitlang in England und wirkte 
daun zwei Jahre lang als Lehrer ani Kasseler 
1 Schon 1421 wird ein Schlunck als Mitglied der 
frommen Gilde des Hl. Blutes zu Brandenburg er 
wähnt. Ein Bruder von Rnd. Schlunk sen. war 
Kaufmann zu Berlin und D. theol. hon. causa, ein 
Neffe von ihm ist der bekannte Missionsinspektor und 
theol. Schriftsteller Martin Schlunk. Der Stamm 
baum der Familie ist im 1. Bd. des „Genealog. .Hand 
buchs der bürgert. Familien" abgedruckt. Die Familie 
schrieb sich früher Schlunck, eine Schreibweise, die Rnd. S. 
erst in späteren Jahren annahm. 
2 Julius Witzel (1828—97), seit 1864 in Schemmern, 
war das erste Opfer des Kanzelparagraphen in Hessen 
und wurde 1873 zu zwei Monaten Festung verurteilt. 
3 Rud. Schlunk sen. starb am 4. September 1882, 
nur 47 Jahre alt. Seine Witwe folgte ihm am 
1. April 1898. Eine schöne Charakterskizze beider hat 
der Sohn unter dem Titel „Unsere Eltern" 1912 ver 
öffentlicht. 
Wilhelms-Gymnasium. Im Jahre 1902 beschloß 
er diese bei seinem erzieherischen Talent aussichts 
reiche Laufbahn aufzugeben, um das seit dem Tod 
seines Onkels Witzel verwaiste renitente Pfarramt 
in Schemmern zu übernehmen, wohl bewußt, wel 
ches Maß von Entsagung dieser Entschluß für 
ihn bedeutete. Seitdem war er ren. Pfarrer von 
Schemmern und zugleich eines Teils der ren. Ge 
meinde Melsungen, die vor ihm von dem Pfarrer 
Hermann Z ü l ch verwaltet worden >var. Dieser alte 
Charakterkopf war hochbetagt, 88 Jahre alt, 1900 
gestorben. Sein Eintreten für die Renitenz hatte 
damit begonnen, daß er als Pfarrer von .Hom 
bressen mit Berufung auf des Landgrafen Moritz 
Verbesserungspunkte den preußischen Adler nicht 
in seiner Kirche dulden wollte. Zülchs letzte Jahre 
waren durch kirchenrechtliche Kämpfe mit den eignen 
Konventsgliedern ausgefüllt gewesen, infolge deren 
der alte Kämpfer schließlich sich von seinem Kon 
vent getrennt hatte und vereinsamt gestorben war. 
Ter einzige von den jüngeren Renitenten, der ihm 
nahe stand, war Rudolf Schlunck gewesen, der nun 
sein Erbe antrat und in jeder Weise sein Schüler' 
und Nachfolger wurde. 
Ich kann hier nicht auf die ungemein verwickelten 
Verhältnisse der hessischen Renitenz mit ihren 
inneren Kämpfen und Spaltungen eingehn, die 
einem Außenstehenden ja doch immer unverständlich 
bleiben werden. 4 Ter alte Pfarrer Zülch hatte 
zuletzt resigniert geschrieben: „Diese Kirche zu er 
halten, nachdem man ihre Ordnungen zerstört hat, 
hält wohl Christus nicht der Mühe wert". Trotz 
dem ist Rud. Schlunck nie der Gedanke gekommen, 
ihr den Rücken zu kehren, obwohl die kleinen und 
kleinlichen Verhältnisse der Renitenz ihn oft be 
engten. Um sich aus dieser Enge zu befreien, 
gründete er 1905 die Zeitschrift „Kirche und Welt. 
Blätter aus der hessischen Renitenz", ein kirchen 
politisches Kampfblatt, das wie ein Sauerteig 
wirken sollte, zunächst aber einen scharfen Tren 
nungsstrich zwischen politischer Rechtspartei und 
kirchlicher Renitenz zog und dadurch manchen aus 
dem Freundeslager vor den Kopf stieß. Über 
zwanzig Jahre lang hat er, zuletzt mit seinem Amts 
bruder und Schwager Witzel zusammen, diese Blätter 
redigiert und schließlich mit seinen Anschauungen 
Freunde und Anhänger weit über den Kreis der 
ursprünglichen Leser gewonnen. 
In den Weltkrieg zog Schlunck als einfacher 
Landsturmmann des Landsturmbataillons Arolsen. 
Ms Marburger Jäger hatte er wohl die Schießschnüre 
und die uneingeschränkte Anerkennung seines Haupt- 
4 Beweis dafür ist der 1926 im Jnselverlag er 
schienene Roman des baltischen (!) Barons O. v. Taube 
„Das Opferfest", wo die karikierte Gestalt eines Kasse 
ler Schreiblehrers, der als Führer eines Splitters 
der Renitenz einmal eine gewisse Rolle spielte, als 
Typus dieser Kirchenbewegung und „Häuptling der hes 
sischen Rechtspartei" erscheint. Mit Vergnügen liest 
man darin auch, daß „tausend Bürger in der Stadt 
Kassel" ihre Sprößlinge „Scheromme" taufen lassen.
	        

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