Full text: Hessenland (39.1927)

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ming für die Bewohner der Stadt und der um 
lieg enden Dörfer. 
Als nach Jahren unser schönes Schloß wieder 
von der unwürdigen Einquartierung befreit war, 
klangen friedlichere Klänge auf Stadt und Tal her 
nieder. Der Turmwächter Abel waltete dort oben 
seines Amtes. Er war ein Meister aus der Trom 
pete, und wenn er das Abendsignal geblasen hatte, 
pflegte er die liebliche Weise eines Volksliedes 
folgen zu lassen, die, je nach dessen Inhalt, bald 
in milden, sanften langgezogenen, bald in Hellen, 
jubelnden Tönen die laue, mondbeglünzte Sommer 
nacht durchdrang. Dann öffneten die Bewohner 
der Stadt die Fenster, die Studenten traten vor 
ihre Kneipen, klatschten Beifall und riefen: Bravo, 
Abel, dacapo! Und der Trompeter, erfreut über 
den Beifall, ließ sich erbitten, er wiederholte die 
Weise und fügte noch eine willkommene Zugabe 
hinzu. 
Auch manche Schulfeier steht mir in schöner 
Erinnerung. Gleich in meinem ersten Schuljahr, 
am 5. Juni 1854, wurde der 1100 jährige Todestag 
des Apostels der Deutschen, Winfried Bonifatius, 
festlich begangen. Bei der öffentlichen Schulfeier am 
Vormittag hatte mein Bruder Adolf als primus 
omnium die Ehre, die Festrede zu halten. Nach- 
mittags fand ein gemeinsamer Ausflug nach dem 
Schröcker Elisabethbrunnen statt, ivo ein fröhliches 
Schulfest gefeiert wurde. Der Direktor wies hier 
in einer kurze:: Ansprache hin auf das gegenüber 
liegende Amöneburg, wo Bonifatius die ersten chat 
tischen Häuptlinge, Dettik und Dierolf, getauft 
und in die christliche Kirche aufgenommen hatte. 
Die Feier des Geburtstags unseres Kurfürsten, 
am 20. August, machte mir besonders das erste 
Mal, als ich daran teilnahm, den tiefsten Eindruck. 
Tie mir bis dahin unbekannten Feierlichkeiten im 
ponierten mir gewaltig, vor allem die Feier in 
der Universität, deren Aula mit der unsrigen in 
demselben alten Kloster lag. Mit Staunen sah 
ich die UniversitätsProfessoren im Festgewande in 
die Aula einziehen, an der Spitze des Zugs zwei 
Männer in scharlachroten Mänteln, jeder ein gol 
denes Scepter tragend, der eine im rechten, der 
andere in: linken Arme. Beim Einzug ivurden die 
Herrn von einem großen Orchester mit einem feier 
lichen Tusch begrüßt. Dies trug dann Beethovens 
erste Symphonie in E-Dur vor. Die wundervollen 
Klänge und Gänge der Eelli und des Basses im 
1. Allegrosatze, das einschmeichelnde Andante des 
2. Satzes, aufgebaut auf einem einfachen Thema, 
berauschten förmlich mein Ohr. Von der Festrede 
verstand ich wenig, Beethovens 6-Dur-Symphonie 
aber kaufte ich mir, in leichter Bearbeitung, für 
Klavier zu vier Händen. Das vergilbte und abge 
griffene Notenheft ist nur bei jedem Gebrauch jetzt 
noch eine liebe Erinnerung an meine glückliche 
Knabenzeit. 
Zu Michaelis 1854 verließ unser Ordinarius, 
Pfarrer Dr. Hupfeld, unser Gymnasium, um eine 
Pfarrstelle in Friedewald zu übernehmen. Wir 
Quintaner bedauerten aufrichtig seinen Weggang 
und schenkten ihm, als Andenken, ein Bild von 
Marburg mit der Elisabethkirche im Vordergründe. 
Meine Schuljahre in der Quarta und Tertia 
verliefen ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Als Se 
kundaner beteiligte ich mich im Winter 1857/8 an 
einen: Tanzstundenkursus. Er schloß ab mit der 
sog. „großen Repetition", einer Art Prüfung in 
unserer gelernten Tanzkunst. Eltern und Ver- 
wandteU der Tanzschüler(innen) erschienen dazu. 
Heutigen Tages nennt man diese Festlichkeit, groß 
artiger einen „Ball". Damals aber war alles 
einfacher und bescheidener. Auch wir saßen tvohl 
in bunter Reihe zu Tisch, aßen aber kein warmes, 
in der Küche des Gastwirts zubereitetes Essen, 
sondern kalte Speisen, die „die jungen Damen" in 
Körbchen mitgebracht hatten, und zu denen „die 
jungen Herrn" den Wein spendeten. An unserer 
Freude nahmen auch unsre Lehrer Dr. Soldan und 
Dr. Eollmann teil, ebenso der alte Universitäts 
Professor Dr. Platner, dessen Enkelin mit uns das 
Tanzen erlernt hatte. Die alten Herrn tanzten 
mit uns den deutschen Walzer. 
Der alte Dr. Platner war eine stadtbekannte Per 
sönlichkeit. Er machte täglich, wenn das Wetter es 
erlaubte, seinen Spaziergang nach dem Forstgarten, 
wo er in rührender Freundschaft am Grabe seines 
Freundes, des Oberforstmeisters von Wildungen, 
in sinnendem Gedenken eine Zeitlang verweilte. 
Wenn er auf dem gewohnten Gang den Lahnberg 
herunter zur Lahnbrücke durch Weidenhausen ging, 
eilten die kleinen Kinder der Straße auf ihn zu 
und reichten „dem lieben Onkel" vergnügt ihr 
Händchen, denn er hatte für sie stets Zuckerwerk 
in den Taschen. 
Ostern 1850 wurde ich nach Prima versetzt. Als 
Primaner wurden wir gewaltig hochgenommen. Wir 
hatten voll genügende häusliche Schulausgaben, fühl 
ten uns aber trotzdem nicht überbürdet. Wir hatten 
noch Zeit genug in jugendlichem Übermute unsere 
Kräfte zu üben. So unternahmen wir am Himmel- 
fahrtstage einen anstrengenden Ausflug nach der 
Burgruine Staufenberg, nördlich von Gießen. Wir 
gingen zu Fuß über den Frauenberg und erreichten 
spätabends unser Ziel und saßen nach dem Abend 
brot noch bis Mitternacht in fröhlicher Unterhaltung 
zusammen. Dann schliefen wir, so gut wir konn 
ten, einige auf Bänken, andere auf dem Fußboden, 
andere krochen ins Heu. Mit Tagesanbruch traten 
wir den Rückweg über die Burg Nordeck an, in 
deren offenen Burghof wir bei herrlichem Sonnen 
schein einzogen. Durch unsere laute Unterhaltung 
im Schlafe gestört, sahen einzelne Bewohner der 
Burg hinter den Fenstervorhängen hervor aus die 
friedlichen Ruhestörer. 
In dem jugendlichen Drang nach Vereinigung 
gründeten wir auch einen Gesangverein. Wir pfleg 
ten hauptsächlich das Volks- und Vaterlandslied; 
als der Winter kam, konnten wir schon eine Anzahl 
vierstimmiger Lieder auswendig singen. Selbst auf 
der zugefrorenen Lahn traten wir zusammen und
	        

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