Full text: Hessenland (39.1927)

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haben. Es hat nur eine kleine reformierte Ge 
meinde und ist Filial von Arvieux. Sonst sind 
die evangelischen Gotteshäuser vielfach wieder er 
standen, die ans Befehl König Ludwig XIV. vom 
11. Dezember 1684 dem Erdboden gleich gemacht 
wurden. Ties war der Anstoß zur Auswanderung. 
Auch in Abriss wurde im Januar 1685 der tsmple 
zerstört, die Glocken und das Pfarrhaus verkauft, 
der Erlös, überhaupt alles Vermögen der refor 
mierten Kirchen, die Bauplätze, selbst die Kirchhöfe 
wurden Eigentum des katholischen Hospitals in 
Brianyon. Davon aber, daß hier einst eine evan 
gelische Dorfgemeinde bestand, geben noch die Bibel 
worte Zeugnis, die die Fassade der Markthalle 
schmücken. Das sonst nüchterne Bauwerk zeigt vorn 
das vereinigte Wappen der Dauphins und Frank 
reichs, darunter liest man rechts und links: I. M. 
L. M. Conss. (Konsuln). Was Ihr wollt, daß 
Euch die Leute tun, das tut Ihr ihnen. — MDCIX. 
— Tn sollst einen einigen Gott anbeten und von 
ganzem Herzen lieben und Deinen Nächsten wie 
Dich selbst. — Hiervon ausgehend, machet Gewicht 
und Maß, — denn mit welchem Maß Ihr messet, 
soll Euch wieder gemessen werden. 1609. — S. 
Luc. 6. Kap. — 
Diese Inschriften zeugen aber auch für den 
strengen Gerechtigkeitssinn der Bewohner von Abriss 
in vergangenen Zeiten. Bekanntlich gab eine Ver 
sammlung von Abgeordneten der 3 Stände der 
Dauphins in Vizille 1788 den Anstoß zur fran 
zösischen Revolution. Tie Worte: Freiheit, Gleich 
heit, Brüderlichkeit, waren in diesen Gegenden nie 
leerer Schall. In den alten Urkunden des Mittel 
alters zählen die Dauphins viele adlige Vasallen 
im Queyras ans. Doch es tritt das Eigenartige 
ein: die Familien alle lassen ihre Adelsprädikate 
und -Vorrechte fallen. Der Mann gilt nur, was 
er selbst wert ist. In diesen Tälern mit ihren 
langen Wintern, ihren Bergstürzen, Lawinen, Über 
schwemmungen, orkanartigen Gewittern, Feuers 
brünsten zeigt sich dem Menschen die Hand des 
Ewigen, vor dem alle gleich sind, zu deutlich, und 
hier empfindet er zu klar, wie er abhängt von der 
Treue und Liebe seiner Nachbarn. In Arvieux, 
wo die meisten Evangelischen heute wohnen, hat 
sich folgende schöne alte Sitte erhalten, die einst 
überall im Queyras galt: ehe man zur Ernte aus 
die eignen Felder zieht, bringen alle Dorfgenossen 
in vereinter Arbeit erst die Früchte der Waisen 
und der Witwen unter Dach, 
Tie Markthalle von Abriss, gebaut im Jahre 
1609, beweist auch, daß dies Dorf ein alter Han 
delsplatz ist. Im siebzehnten und achtzehnten Jahr- 
Frühling. 
Voller Jauchzen, voller Klingen 
Ist die junge Frühlingsluft, 
Alle Lieder möchten dringen 
Weit in jede dunkle Gruft. 
Kassel. 
hundert war es der wichtigste Ort von Queyras, 
es hatte die meisten Bewohner. Die Märkte und 
Messen von Abriss sind uralt. Schon 1259 be 
stätigt ihm ein Dauphin sein altes Marktrecht, 
1282 wird ihm eine eüarts mit zahlreichen Privi 
legien verliehen, wobei auch besonders aller, die 
mit Waren ein- und ausziehen, gedacht wird. Es 
wohnten drum viel Kaufleute in Abriss. Auch 
von den Karlsdorfer Kolonisten ist nach der Ein 
wanderung mancher Kauf- und Handelsmann und 
zieht mit seinen War eit umher. 
Vor Einbruch des lange währenden harten Win 
ters verließen viele juirge Leute des Queyras ihr 
Tal und suchten sich Arbeit im Bon Pays, tut guten 
Land am Fuß der Alpen: der Dauphins und 
Provence. Da wanderte mattcher, seine Waren auf 
dem Rücken, bis nach Spanien und Portugal. 
Große Handelshäuser z. B. in Lissabon, wurden von 
solchen wandernden Händlern aus dem Queyras 
gegründet. Tie heimische Handfertigkeit und In 
dustrie waren zur Zeit der Vertreibung der Huge- 
notten schon sehr entwickelt. Die Vasserot und 
Fazy ans St. Vsran im Queyras führten iu 
Genf die Fabrikation voit feinem Kattun ein. Von 
den Jünglittgen, die der Winter aus dem Tal 
trieb, suchten viele ihr Brot auch als Schulmeister. 
Tenn der kluge Sinn der Talbewohner gab An 
trieb zum Lernen. Noch heute sagt die Mutter 
im Queyras den Kinderir ein Sprüchlein: Kittd, 
wenn du klug bist, so lernst du brav. Wissenschaft 
ist besser als Erbteil. Wenn du keilt Gut hast, 
ernährt dich die Wissenschaft. Schott in den alten 
Katasterbuchnngett nttterzeichnen sich die anwesenden 
Tallente alle mit Namen. 1721 weist ein Schrift 
steller darauf hin, wie es int Tale seit alters 
Sitte ist, die Kinder zu regelmäßigem Schulunter 
richt anzuhalten. Tie ärmsten Weiler und Dörf- 
lein taten sich zusainmen und bezahlen einen ge- 
meinsamen Schulmeister, lvobei die Reichen für 
die Armen eintreten, und das ärmste Kind dasselbe 
lernen konnte. In beit Hanptdörsern aber unter 
richteten gebildetere Lehrer, und die größeren Kin 
der aus den Unterdörfern pflegten dort in die 
Schule zu gehen. In den „Mssrablss" läßt Vik 
tor Hugo den Bischof Myriel schildern, wie zur 
Zeit der Messen sich die Schulmeister den Bewohnern 
des Queyras vorstellen. Wer nur Lesen lehren 
samt, trägt eine Feder am Hute; für Lesen und 
Schreiben steckt sich der Lehrer zwei Federn in 
die Hutkordel, für Rechnen dazu noch eine mehr; 
je mehr er lveiß, je mehr ist der Mann wert; 
das reichste Dorf kann sich den besten Schulmeister 
wählen. 
(Schluß folgt.) 
Möchten wehren Schlaf und Sterben, 
Leben spenden glutenvoll, 
Überall ist jetzt ein Werben, 
Das zu Höhen reißen soll. 
Gertrud Hoepfner.
	        

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