Full text: Hessenland (38.1926)

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güng in deutschen Landen erkämpft. Die Form, in 
der sich die Einzelg'enossenschaft, der Darlehns 
kassenverein, hier einführte, ist von dem Vater des 
ländlichen Genossenschaftswesens, Bürgermeister 
Friedr. Wilh.. Raiffeisen, im Rheinland in mehr 
als zwanzigjährigem mühevollen und entsagungs 
reichen Kampf gegen die mannigfachen Nöte der 
Landbevölkerung in den vierziger bis sechziger; 
Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschmiedet 
worden. Zum Andenken an den hochherzigen Mann 
führen die Darlehnskassenvereine den Namen „Raiff 
eisenvereine", heißt die Gesamtorganisation „Raiff 
eisenorganisation", nennen sich die Genossenschafter 
mit Stolz und Dankbarkeit „Raiffeisenleute". 
Zwischen dem Jahr 1879 und heute liegt eine 
gewaltige Entwicklung. Heute zählen wir in Hessen 
allein 600 Raiffeisenvereine mit etwa 70000 
Familienvätern als Mitgliedern, die sich mit allem, 
was sie sind und haben, diesem Raifseisen zuge- 
schworen haben. Die kurhessische Bevölkerung ist 
offenbar auch vor anderen deutschen Stämmen zur 
Genossenschaftsbildung besonders geeignet. Rühmt 
doch schon Tacitus von den alten Chatten: Mul tum 
rationis ac sollertiae: praeponere electos, äudire 
praepositos! (Tac. Germ. c. 30.) Die rechten 
Männer an die Spitze zu stellen, mit Selbstüber 
windung und Disziplin den Erwählten zu folgen, 
sind die Grundbedingungen für ein gedeihliches 
genossenschaftliches Leben überhaupt. 
Aber nicht nur die Menschen waren für die Ge 
nossenschaftsbildung geeignet, sondern auch die wirt 
schaftlichen Verhältnisse in Hessen drängten dazu. 
Genossenschaften sind allemal Kinder der Not, und 
Not gab es unter der hessischen Landbevölkerung 
dazumal mehr als genug. Es sei nur an den Geld-, 
Vieh- und Warenwucher, an die Güterschlächterei 
erinnert, die von jeher in Hessen ganz besonders ge 
blüht und der Landbevölkerung das Lebensmark aus 
den Knochen gesogen haben. Da mußte natürlich 
die Kunde von diesem Raiffeisen, der mit seinen 
Genossenschaften in anderen Gegenden unseres 
Vaterlandes derselben Not erfolgreich zu Leibe ge 
rückt war, denen, die in die Netze des Wuchers ver 
strickt waren, wie eine Heilsbotschaft erscheinen, und 
diejenigen mit Mut und Hoffnung erfüllen, die mit 
blutendem Herzen die Not ihrer Mitmenschen an 
sehen mußten, ohne ihnen trotz besten Wollens helfen 
zu können. Wie ein frischer Wind nach langer 
sommerlicher Dürre alle Kreatur aufatmen läßt, so 
riß die Kunde von den ersten Vereinsgründungen 
in Hessen die Gemüter aus dumpfer Hoffnungslosig- 
keit und Verzweiflung: das Dornröschen, unser hes 
sisches Bauernvolk, hatte seinen Prinzen gefunden, 
der es aus denr langen, festen Schlaf aufweckte. 
Es ist außerordentlich interessant und wird jeden, 
dem soziale Fragen nicht bloß wissenschaftliche oder 
gar parteipolitische, sondern bitterernste Herzens 
sachen sind, mit Freude und Begeisterung für diese 
Raiffeisensache erfüllen, wenn man aus alten Brie 
fen, Berichten und Protokollen liest, wie beherzte und 
verständige Männer, zumeist Pfarrer, Lehrer, 
Förster, Gerichtsbeamte und größere Grundbesitzer, 
die in ihrer Brust ein Herz für die Not des Volkes 
besaßen, keine Mühe scheuten und die neugegründeten 
Vereine besuchten, um sich hier an Ort und Stelle 
von der Güte der Sache zu überzeugen, wie Wochen-, 
monate-, ja jahrelang unermüdlich Beratungen ge 
pflogen, Gesetze studiert wurden, um eine Vereins 
satzung richtig zustande zu bringen, und wie endlich 
mit unsäglicher Mühe und Geduld den durch die 
Not verbitterten und mißtrauisch gewordenen Bauern 
die Gründung von Raiffeisenvereinen zu ihrem 
eigenen Heil förmlich abgerungen werden mußte. 
Selbstverständlich geschah alle diese Arbeit ohne die 
geringste Entschädigung, wie auch heute noch die Ar 
beit der führenden Männer in den Raiffeisenver 
einen eine ehrenamtliche ist. Mancher hat dabei 
Gut und Gesundheit geopfert und — Undank geern 
tet. Hierin aber offenbart sich das Geheimnis des 
Lebens, das in diesem Raiffeisenwerk steckt: Es ist 
die Kraft, die in dem lebendigen Christentum wur 
zelt, und nicht umsonst hat Fr. W. Raiffeisen seine 
Genossenschaften bewußt auf christliche Grundlage 
gestellt, von der er kurz vor seinem Tode (1888) 
selbst gesagt hat: „Nur durch das bewußte Ar 
beiten für Gott gewinnt man die nötige Kraft und 
Ausdauer, läßt man sich nicht durch Nebenrück 
sichten, nicht durch Ehr- und Gewinnsucht leiten, 
nicht durch Unannehmlichkeiten oder Undank ab 
schrecken, kommt erst der rechte Geist in unser 
Streben. Lassen Sie uns stets bedenken, daß, ohne 
eingedenk zu sein unserer Christenpflichten, ohne das 
ernste Streben, diesen gerecht zu werden, niemals die 
den Darlehnskassenvereinen gestellte Aufgabe er 
faßt werden kann, und daß ohne beides unsere Ver 
eine zu reinen Geldgeschäften herabsinken und auf 
die Dauer wenig nützen würden . . ." 
Nun zu den Aufgaben eines Raiffeisenvereins! 
„Gegenstand des Unternehmens ist die Beschaffung 
der zu Darlehen und Krediten an die Mitglieder er 
forderlichen Geldmittel und die Schaffung weiterer 
Einrichtungen zur Förderung der wirtschaftlichen 
Lage der Mitglieder. . . . Der Verein will weniger 
geschäftliche Gewinne erzielen, als vielmehr die 
wirtschaftlich Schwachen stärken und das geistige 
und sittliche Wohl seiner Mitglieder fördern." (Ver 
einssatzung §8 2 und 3.) Man kann also sagen: 
der Raiffeisenverein will durch wirtschaftliche Tätig 
keit das wirtschaftliche, geistige und sittliche Wohl 
seiner Mitglieder in jeder Beziehung fördern! Dies 
geschieht nun auf folgendem Wege: 
1. Hebung der wirtschaftlichen W o h l- 
fahrt. Diese Aufgabe geht von der Erkenntnis 
aus, daß der Mensch, um für geistige und sittliche 
Dinge aufgeschlossen zu sein, erfahrungsgemäß ein 
gewisses Mindestmaß an materiellen Gütern sein 
eigen nennen muß und nicht von einem Übermaß 
an Kampf und Sorgen um das tägliche Brot er 
füllt sein darf. Gleich wie ein Baum, der gute 
Früchte bringen soll, nicht in sumpfigem, taubem 
Boden, sondern in gehegtem, gutem Erdreich stehen 
muß. So gibt der Raiffeisenverein Minderbemit-
	        

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