Full text: Hessenland (38.1926)

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der seiner Eigenart wegen wörtlich zitiert wer 
den soll: 
„Wahrhafftig Historie und Beschreibung 
eyner Landtschaft der wilden nacketen grim 
migen Menschenfresser-Leuthen in der newen 
Welt America gelegen, vor und nach Christi 
gebürt im Land zu Hessen unbekannt bis uff 
dise nechst vergangene jar, da sie Hans Staden 
von Homberg aus Hessen sein eygene ersahrung 
erkannt, und jetzo durch den truck an den tag 
giebt. Dediciert dem Hochgeb. Herrn Philip- 
sen L. u. s. w. mit einer Vorrede d. Joh. Dry- 
ander genannt Eichmann ord. Prof. Mied, zu 
Marburg (Mit Holzschnitten 4to)." 
Den Hans Staden hat das Schicksal viel 
herumgeworfen. Nach dem Schmalkaldischen 
Krieg tritt er in den Dienst einer portugiesischen 
Handelsunternehmung und kommt nach Bra 
silien. Dort trifft er u. a. den Heliodor, den 
Sohn des Eobanus Hessus, wie es die Vor 
rede des Buches zum Zeugnis der Glaub 
würdigkeit seines Inhalts anführt. ,1549 wird 
Staden auf einer Reise ins Innere des Lan 
des gefangen. Neun Monate lang mästen ihn 
die Wilden als willkommenen Genuß für einen 
Opferschmaus, und täglich schon umtanzen ihn 
die Weiber voller Vorfreuden. Französische 
Händler, die vorbeiziehen, lösen ihn nicht aus; 
erst 1554 gewinut er seine Freiheit wieder. 
Stadens Schrift enthält ausführliche Schil 
derungen der Sitten und Gebräuche der bra 
silianischen Eingeborenen, genaue Ortsangaben 
werden gemacht, selbst Sprachproben flechtet 
der Verfasser ein. 
Es ist dann Landgraf Wilhelm der Weise, 
dessen hohe und vielseitige wissenschaftliche 
Interessen auch der Geographie ein weites 
Feld einräumen. Er selbst hat die seit 1410 
lateinisch vorliegende „geographische Anlei 
tung" des Ptolomäus, bereu griechischen Ur 
text Erasmus herausgegeben, ins Deutsche 
übertragen. Da bisher keine andere Über 
setzung des Werkes vorgelegt worden ist, bleibt 
diese Arbeit des hessischen Landgrafen die ein 
zige in der deutschen geographischen Literatur. 
An die Spitze derartiger Bestrebungen rückt 
dann Wilhelm das Land Hessen, als er daran 
geht, zum ersten Male mit neuesten Methoden 
und von Staats wegen eine topographische 
Aufnahme seines Fürstentums vorzunehmen. 
Keinen Geringeren beruft er als Arnold Mer- 
cator, den Sohn des berühmten Gerhard, um 
von ihm Hessen vermessen zu lassen. Der 
Landgraf, der übrigens zu seiner persönlichen 
Informierung in geodätischen Fragen auch 
noch mit einem anderen Sohne Gerhard. Mer-' 
cators Gedankenaustausch gepflegt hat selbst 
die Instruktion zu der Land es v er mefftmg» in 
Braubach (Juni 1584) aufgesetzt und bctrtit 
sogar die Farbenskalen und Grenzzeichen der 
Kartierung angegeben. Das großangelegte 
Werk ist erst unter Arnold Mercators Sohn 
Johann beendigt worden. 
Die hessische Landesaufnahme ist dann in 
die obenerwähnten großer: Atlantensammlun- 
gen von Hondius und Blaen zu Amsterdam 
eingegangen. Hessen bleibt so das erste deutsche 
Territorium, das von Staats wegen nach 
neuesten trigonometrischen Methoden karto 
graphisch aufgenommen wurde. Erst 1619—35 
folgt Württemberg, noch später Brandenburg- 
Preußen ultter dem Großen Kurfürsten. Diesen 
Vorsprung hat Hessen auch ii: der Folgezeit 
nie wieder verloren. 
Die nächste Periode per kartographischen 
Entwicklung wird gewöhnlich von 1700 bis 
1840 datiert. Ihr Ergebnis ist, um es kurz 
zu fassen, die maßstäbliche Längengradnetzkarte 
der durch drei Generationen an ihr arbeitenden 
Kartographenfamilie Cassini in Frankreich. 
Von da aus ist es dann nur noch ein kleiner 
Schritt zur großen Höhenschichtenkarte Frank 
reichs vom Jahre 1791 u. ff., die als erste ein 
größeres Gebiet umfaßt. 
Diese in fachwissenschaftlichen Kreisen ver 
breitete Meinung muß durch die Tatsache be 
richtigt werden, daß auf diesen Wegen die 
deutschen Kleinstaaten vorangegangen sind, 
weit unter den ersten Hessen. Schon 1708 liegt 
für die Landgrafschaft eine amtliche maßstäb 
liche Längengradnetzkarte vor. Es ist die 
Schleensteinsche Karte in: Maßstab 1 :54 000. 
Die Vorausnahmen der Mercator in Hessen 
sind natürlich in diesen: Kartenwerk verarbei 
tet, das besonders wegen seiner genauen und 
übersichtlichen Gebirgsdarstellung zu rühmen 
ist. Andere deutsche Staaten kommen auch jetzt 
erst wieder viel später mit ähnlichen Werken 
heraus. So etwa Preußen mit seiner zunächst 
geheimgehaltenen „Kabinettskarte" des Grafen 
Friedrich Wilheln: von Schmettau in den 
Jahren 1767 bis 1780. 
Der jüngste Abschnitt in der Entwicklung des 
Darstellungsvermögens größerer Erdräume 
setzt etwa seit 1840 ein. Meßtisch und Kipp 
regel ermöglichen die Überführung der Gauß 
schen Theorien von den kleinsten Quadraten in 
die Praxis. Damit werden die schon von 
Napoleon sehr lebhaft gestellten Forderungen 
auf eine moderne einheitlich durchgeführte
	        

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