Full text: Hessenland (38.1926)

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Kraft, aller Glaube, die Funken, die das Bild des 
Todes ein Leben lang in ihm entzündet hatte. 
Wieder sah er den Heiligenschein über dem Bruder 
Tod, auch seine Sichel, die Bitternis, den unfaß 
lichen Abschiedswink. Aber war deshalb das Myste 
rium des Todes entweiht? Stumm starrte er auf 
die weißen steinernen Wächter der ewigen Pforte. 
Sie hielten ihm seine eigentliche Bestimmung ver 
heißend entgegen. Er reckte sich hoch: 
Da zerriß der Schleier der sichtbaren Welt. 
Schemenhaft zogen Erinnerungen des Erdenlebens 
an seinem geistigen Auge vorüber: Landschaften, 
Berge und Seen, Städte, Häuser und Menschen, 
Schicksale, Freuden und Leiden, Liebe und Haß! 
War denn alles nur Traum? Stand er noch hier? 
Oder war er verwandelt in eine andre Daseins 
form? Ihm war, als stünde er an der Scheide von 
Licht und Finsternis, und Ausblicke seien ihm ge 
geben in geheime Hintergründe! War es das Ahnen 
einer zukünftigen Lebensart? Erkannte er schon 
Unerforschliches? Was wollte da noch sein Grab 
mal? Es war ja doch nur Menschenwerk, preis 
gegeben Wetter und Wind? Kannte denn der Stein 
etwas von seinem überweltlichen Wesen, von seiner 
Gottnähe? Sein Blick blieb am „Tor der Unsterb 
lichkeit" haften. In diesem Augenblick des Entrückt 
seins zwang der Impuls seines Unsterblichkeits 
willens alles Irdische nieder: die Erde wich zurück, 
der Himmel weitete sich ins Unermeßliche! Da 
öffnete lautlos die Macht seines Unsterblichkeits 
glaubens das „Tor der Unsterblichkeit". Stand es 
ibm selbst offen? Ach, nein, er atmete ja noch 
schwüle Erdenluft! Aber sein schlanker, braun 
lockiger Knabe schritt durch das Tor ins Land der 
Auferstehung! 
Der einsame Mann schloß geblendet die Augen. 
Da hatte er überwunden! Als er das Gesicht wieder 
dem irdischen Licht zuwandte, war das „Tor der 
Unsterblichkeit" geschlossen. 
Aufrecht schritt er vom Tempel des Todes zum 
Leben zurück. 
Frühlmgsslurm. 
Der Frühllngsfturm braust! — 
Wie er die Häupter der Baume biegt! 
Wie er sie duckt mit starkem Hauch, 
Wie er ihnen das Haar zerzaust. 
An die Brust ihnen herrisch klopft! 
„Schmückt euch mit Junggrün nach altem Brauch, 
Der Frühling mit mir in die Lande fliegt! 
Er hat mir stürmendem Gesell' 
Die Taschen ganz voll Veilchen gestopft, 
Die streu' ich über die Fluren aus. — 
Thut rüttele ich an jedem Haus, 
Und finde ich Augen darin, die nicht hell, 
Die putze ich blank, 
Und Herzen, die noch Winterletd drückt, 
Die der Frost gebückt^ 
Die richte ich auf! 
Mein ist alles, was siech ist und krank, 
Ich bringe Tod und Leben mit, 
Ich heile, was litt, 
Ich breche, was wund ist im innersten Mark, 
Den Frühlingsgläubigen mache ich stark!" — — 
Und fort braust der Kraftvolle ungehemmt, 
Zerbricht, was sich ihm entgegenstemmt 
In rasendem Lauf. 
Er pfeift und singt. — Und wenn er erscheint, 
Dann jauchzt man und — weint. 
Helene Brehm. 
Phänologischer Jahresbericht über das Beobachtungsjahr 1925. 
3m Auftrag der Biologischen Vereinigung für Hessen erstattet von O. Wiepken. 
Im folgenden soll diesmal nur eine gedrängte Zu 
sammenstellung lviedergegeben werden, weil eine Ver 
zögerung des Druckes eine Verspätung im Beitritt wei 
terer Naturfreunde als Mitarbeiter, die schon während 
des laufenden Jahres ihre Beobachtungstätigkeit in den 
Dienst der Heimatforschung stellen können, zur Folge 
haben würde. Als erläuternde Einleitung kann der Auf 
satz „Blütenfrühling" in Heft 6 des vorigen Jahrgangs 
dieser Zeitschrift dienen. 
Die Übersicht enthält nur eine — ungefähr dem von 
der Biologischen Neichsanstalt jährlich versandten Frage 
bogen entsprechende — Auswahl * aus den in großer 
Zahl eingelaufenen phünologischen Mitteilungen. Wo 
nichts anderes bemerkt ist, handelt es sich um den Be 
ginn der Aufblühzeit. Die in eckige Klammern [] ein 
geschlossenen Angaben dürften auf störenden Zufällig 
keiten beruhen. 
Die Kasseler Aufzeichnungen, die von den Beobachtern 
* Wegen Raummangels noch weiter stark gekürzt. 
bereits der Reichsanstalt übergeben worden sind, stehen 
mir gegenwärtig leider nicht zur Verfügung; ich hoffe, 
darüber bei späterer Gelegenheit berichten zu können. 
Auch mußten einige verspätet eingegangene Meldungen 
zurückgestellt werden. 
Zum Schluß noch eine Berichtigung. In dem Aufsatz 
„Blütenfrühling" heißt es auf Grund einer bloß mut 
maßlich vorgenommenen Erweiterung der phünologischen 
Karte von Hessen, daß Marburg „etwa in der V. Zone" 
liege. Bald nach der Veröffentlichung machte mich Herr 
Prof. Ihne darauf aufmerksam, daß Marburg auf seiner 
Mitteleuropakarte ungefähr auf der Grenze der II. zus 
III. Zone liegt. Danach befinden sich die Ergebnisse 
meiner Marburger Beobachtungen mit feiner Zonenkarte 
in besserer Übereinstimmung, als es damals den Anschein 
hatte. 
Die Biologische Vereinigung für Hessen (Sitz Mar 
burg, Frankfurter Straße 55II) stellt Fragebogen zur 
Verfügung und bittet um deren Rücksendung im November.
	        

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