Full text: Hessenland (38.1926)

Geschmacksbildung und die Qualität der Pro 
duktion. 
Daneben erfüllen diese Aufgabe, wie schon be 
merkt, die ständig wiederkehrenden Kunstausstellun 
gen auf der Mathildenhöhe und im Kunstverein. 
Charakteristisch für die Darmstädter Kunstaus 
stellungen ist die Tatsache, daß sie — von den 
Jahren 1915 und 1916 abgesehen — durch Krieg 
und Revolution keine Unterbrechung erlitten haben; 
auch 1918 und 1919 war der Olbrichbau auf der 
Mathildenhöhe geöffnet und weiterhin jedes Jahr 
Das Tor der Unsterblichkeit. 
Er war anders, als seine Mitmenschen, der große, 
dunkeläugige Mann, er war ein Grübler, ein Ein 
samer. Die Augen der Welt beneideten ihn, sie 
sahen in ihm den glücklichen Erben, der ein geseg 
netes Dasein führte. Er war reich, gesund, begabt, 
er hatte eine gütige Frau, einen schönen vierzehn 
jährigen Knaben, er besaß Haus und Garten, einen 
Wald zum Jagen, einen See zum Rudern und 
Fischen, er war geliebt und geschätzt — aber 
dennoch, in seinen Augen brannte ein Rätsel, eine 
drängende, heilige Frage, die keine Antwort fand. 
Niemand verstand diese Augen, auch seine Aller 
nächsten nicht. Es gab Tage und Nächte, da um 
klammerte den einsamen Mann sein eignes Wesen 
wie eine Fessel. Wer vermochte sie zu sprengen? Er 
dachte über sein Leben nach, über seine Entwick 
lung, seine Jugend. Er war ein frühreifer Knabe 
gewesen, der am liebsten für sich allein war, der 
zeichnete oder modellierte. Bildhauer wollte er 
werden. Sein Vater ließ ihn ausbilden, nur damit 
der heiße Wunsch der Kinderseele gestillt würde, dann 
hatte er die künstlerische Neigung dem Beruf opfern 
müssen. Denn er war der einzige Erbe eines großen 
Tiefbauunternehmens, das Weltruf besaß. Und seiner 
Familie zulieb warf er sich in die Arbeit des Be 
rufes hinein, hatte Erfolg, und das Künstlerische 
schwang in ihm mit, als ein leiser Unterton seines 
Wesens und befruchtete seine Arbeit, sein Leben. 
Er sann über seine Erziehung nach, er erinnerte 
sich dankbar großer Männer, die ihm das Wesen der 
Kunst, der Wissenschaft, der Religion offenbart 
hatten, er gedachte in Verehrung seiner Eltern, 
aber sie alle hatten doch nicht die brennende Sehn 
sucht seines Herzens still gemacht. Denn dies Drän 
gen seiner Seele wollte schon früh die Schranken 
dieser Erde durchbrechen, er konnte als Knabe sich 
hineinträumen in eine Welt, die hinter dem Sicht 
baren unsichtbar webte. Er trug die Gewißheit des 
Kindlich-Ahnenden in sich, daß sein unstetes Herz erst 
nach diesem Erdenleben stille werden könne, daß 
seine Seele aller Schwachheit und Schuld ledig 
werden müsse zu einer himmlischen Berufung und 
zu rückhaltlosem Wirken. Er wußte, daß dies kein 
Vater, kein Lehrer, kein Geistlicher ihm gesagt hatte, 
ein heimlicher Heiliger hatte es ihm eingegeben, 
niemand außer ihm sah ihn: das war der Tod! 
bis heute. Doppelt erfreulich in einer Zeit, die 
unter dem Drucke der allgemeinen wirtschaftlichen 
Not die Kunst als Luxus bezeichnen und sie be 
steuern möchte. 
Der junge frei-künstlerische Nachwuchs ist reich 
und vielversprechend. Er hungert und kämpft mit 
den Bitternissen des Lebens. Aber diese Banali 
täten gewinnen über ihn nicht die Macht. Die Kraft 
der Farbe und der kühne Linienschwung seiner Bil 
der läßt keinen Zweifel über die ganze heiße Glut 
der echten Künstlerseele. 
Eine Osterlegende von KarolaStrauch-Bock. 
Seltsam, er war noch ein Knabe, der kaum dem 
Leben die Hand hingestreckt hatte, als sich der Tod 
zu ihm gesellte, als sein Weggenosse, sein Mahner. 
Zwar war ihm noch niemand gestorben, der seinem 
Herzen nahe stand, seine Eltern, Frau und Kind, 
seine Freunde waren gesund. Es gab Tage, wo er, 
hingegeben an die Schönheit der Welt, den Atem des 
Lebens einsog, wo im Frühlingswind der Duft aller 
Blüten ihn umkoste, wo schattenloses Licht um seine 
Stirn spielte. Aber dann kamen die Nebel des 
Abends, die Nacht, und sein Heiliger, der Tod, pochte 
wieder an seine Kammer und hielt ihm die Uhr des 
kurzen Lebens ans Ohr. Sie tickte: gestern, heute, 
morgen, bald! Da faltete der einsame Mann seine 
Hände, als nahte Gott selbst, da stand er am Quell 
seines wahrhaftigen Lebens. Von hier aus wußte 
er Menschen und Dinge, Leiden und Freuden §n 
überschauen, von hier aus schied er zeitliche und 
ewige Arbeit, von dorther sah er das Stückwerk ir 
discher Liebe, die nie genug Barmherzigkeit birgt, 
von dorther erkannte er das beste menschliche Tun 
als Gleichnis verborgener göttlicher Tat. Hier warf 
er sich Gott zu Füßen. Wenn er auch selbst noch 
nicht vor dem Tor des Tvdes gestanden hatte, so war 
ihm doch eine solche Einfühlungsgabe eigen, so schick 
salhaft war er der Gestalt des Todes verbündet, daß 
er seine Qual und seine Tränen zu kennen glaubte, 
auch seine Verheißung. Wer mochte wohl das arm 
selige irdische Leben ewig tragen? Das alles blieb 
Geheimnis seines Innern, niemand konnte er's 
sagen, auch nicht der geliebten Frau. Was wollte 
der Tod von ihm? Warum stand er ihm stets zur 
Seite? Wollte er ihn bereiten, damit er ihn freu 
dig aufnähme, wenn er einst an sein Lager träte? 
Kam er wohl bald? 
Und die Zeit wandelte sich. Menschen kamen 
in Not, Krieg und Niederlage und Hunger machten 
das Volk mürbe. Tausendfache Gestalten des Todes 
bedrängten die arme Welt. Auch das Unternehmen 
dieses Mannes stand still. Er, der sonst die Auf 
träge nicht bergen konnte, wußte nicht, ime er seinen 
Arbeitern Arbeit und Brot schaffen sollte. Da kam 
eines Nachts wieder der heilige Tod zu ihm, als er 
am geöffneten Fenster stand und den unaussprech 
lichen Frieden des gestirnten Himmels trank. Der 
Tod flüsterte ihn: zu: „baue mir einen sichtbaren
	        

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