Full text: Hessenland (38.1926)

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dies eigentümliche Nagelschmiedsdorf mit seiner alten 
Burg, von riesigen Fichten umsäumt, das abendliche 
Hämmern und Klopfen auf den Schmiedeambossen, der 
fröhliche Gesang dazu, und die ganze Weltabgeschieden 
heit dieses kurhessisch lokalifixicrten Gewerbsbctnebs war 
mir ein neues, nur in Mitteldeutschland noch so erhal 
tenes Bild alter, der Umgestaltung sich zuneigender 
Zustände. — Mit Weibern, die die Steinbachischen 
Hufnägel und Schmiedewaren auf kleinen Karren zum 
Selbstverschleiß in die Umgegend verführten, ging ich 
nach Kleinschmalkalden und auf den Jnselsberg. — 
Eigentlich wollt' ich auf dem nahen Spicßberg einkehren, 
hab' mich aber in den Waldwegen so verirrt, und bin 
so lang zwischen kurhessischen und gothaischen Mark 
steinen umhergewankt, daß ich auf denselbigen Spießberg 
verzichten mußte." 
Und an der anderen Grenze, iveit im Südwesten, 
liegt der Odenwald mit der viel besuchten Berg 
straße. In diesem Stück Hessens wanderte er oft 
als Student, von Heidelberg ans. Und immer toar 
er diese zerfallene Burg das erstemal, um den Ort 
der Rodensteiner Sage selbst kennen zu lernen. Er 
schreibt darüber in einem Briefe an Schwanitz: 
„Ich habe mit Kamm, Rahn und einem unserer 
Füchse eine Winterreise in den Odenwald gemacht, nach 
Hirschhorn, Erbach, Lindenfels, auf die in einer schauer 
lich tvilden Talschlucht gelegene Geisterburg Rodenstein. 
Wir marschierten vier Tage lang, zum Teil in einem 
Wetter, das uns die Zustände aus dem russischen Feld 
zuge sehr anschaulich machte, aber stets heiter und frisch." 
„In guter Jahreszeit kann jeder in den Oden 
wald gehen!!!" meinte Scheffel beim Eintrag ins 
Fremdenbuch. Im Schneegestöber zeichnet er die 
prächtige Skizze „Eingang zum Rodenstein" in sein 
Skizzenbuch, tvomit er gleichsam den Grund legte zu 
'den Rodensteiner Liedern. Der erste dichterische 
Niederschlag dieser Geistersage war die kernige volk 
hafte Ballade „Rodensteins Auszug". Zehn Jahre 
später, auf der Rückkehr von einer Rhein-Lahn- 
Scheffelwarte auf dem Dreiherrenftein am Rennstieg. 
sein Skizzenbuch sein treuer Begleiter, denn in 
jener Zeit fühlte er sich noch nicht zum Dichter ge 
boren, sondern zum Maler. Biele Skizzen aus Hessen 
haben wir aus dieser Zeit, darunter eine Reihe be 
deutender Zeichnungen, von den freien Höhen des 
Odenwaldes, von einsamen Klöstern, verlassenen 
Ruinen. Bei der badischen Revolution verlebte er 
als Flüchtling einen wundervollen Frühling in dem 
hessischen Sommerfrischenort Auerbach im Odenwald. 
Biele Ausflüge hat er damals, in der Verbannung, 
in die Wald- und burgenreiche Umgebung Auer 
bachs unternommen, in die Täler der Bergstraße, 
in das Felsenmeer des Odenwaldes. Und reich ist die 
Zahl der Skizzen, die er seinen früheren Odenwald- 
skizzen zugesellte, so vom Auerbacher Schloß auf 
steiler Bergeshöhe, von der Auerbacher Burgruine, 
von Bensheim und anderen. 
Manch fröhliches Lied Scheffels stammt aus dieser 
Zeit, das in dem kleinen geselligen Emigrantenkreis 
vorgetragen ward, so das weltbekannte „Als die 
Römer frech geworden". 
Am meisten angeregt aber hat ihn im Odenwald 
die Ruine Rodenstein. Im Februar 1847 besuchte 
Wanderung, die ihn bis hinauf in unser Gießen 
führte, besuchte er den Rodenstein wieder und schrieb 
dann die drei Rodensteinlieder, die in weinfröhlichem 
Krafthumor die Bertrinknng der drei Odenwald- 
dörfer schildern und zu den Perlen der humoristischen 
Weltliteratur gehören. 
Dort der Thüringer Wald mit dem Rennstieg, 
hier der Odenwald mit der Bergstraße. Beide grüßen 
einander über ganz Hessen hinweg und es ist, als 
ob sich die Fichten jetzt in den Erinnerungstagen die 
Hände darüberhin reichen wollten und einander zu 
flüstern: Auch er war unser. 
In der Scheffelwarte aber, im Scheffelstübchen 
auf dem Dreiherrenstein wartet eine Dichterwand 
aus Hessens Dichterbilder, und in der Bücherei eine 
Lücke auf die Bücher der hessischen Dichter. Thürin- 
gens Dichter schmücken in Bildern und Werken schon 
längst den Ort. So bitte ich denn an dieser Stelle 
Hessens Dichter um Bild und Werk in freundlicher 
Stiftung für die Schefselgemeinde aus dem Dreiherrn 
stein bei Brotterode. Aus den Werken wird an den 
Sippungsabenden der Gemeinde vorgelesen. Auch an 
Hessens Grenzen muß hessischer Geist heimisch sein! 
D e u b n e r, Brotterode.
	        

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