Full text: Hessenland (38.1926)

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von einer Engelgruppe gekrönt. Wie sich der Geist 
der Antike mit dem empfindsamen Bewußtsein der 
Zeit vereinigt, zeig: ein anderes Monument Ruhls, 
in dem die trauernde Gestalt vor eine abgebrochene 
Pyramide gestellt worden ist. Die Romantik des 
Verfallenden, Ruinenhaften weckt Erinnerungen an 
die Architektur der Wilhelmshöher Gartenkunst 
(Löwenburg), die etwa gleichzeitig entstanden ist. 
Beachtenswerte figürliche Plastiken, andachtsvoll in 
der Stimmung, zeigen die Grabmonumente der 
Augusta von Schlotheim (gestorben 1798) und der 
Karoline Schenk von Schweinsberg (gestorben 1706). 
In die Zeit des Schinkelklassizismus hinüber führt 
das wuchtige Monument, das dem Staatsminister 
Georg von Schmerfeld gehört. Der gewaltige, fein 
profilierte Sockel trägt einen schöngestalteten, zierlich 
anmutenden Sarkophag. Die .Harmonie der Ver 
hältnisse ist bewundernswert! Als eines der spätesten 
Denkmale sei noch das der Lotte Amalie Grimm aus 
dem Jahre 1843 genannt. Im gleichen Jahre ist 
der Friedhof geschlossen worden. 
So kann aus der Fülle des Materials dieser Grab 
denkmäler aus drei Jahrhunderten nur das Wich 
tigste genannt werden. Auch das malerische Architek- 
// 
UBer Naturdenkmalpflege. 
Über Fortschritte der Naturdenkmal 
pflege in Hessen will ich berichten, Fort 
schritte, die erzielt worden sind trotz der erhöhten 
Gefährdung unserer Naturdenkmäler als Folge des 
verlorenen Krieges. Uns allen in Erinnerung ist 
ja noch der Kampf, den wir während der unseligen 
Inflationszeit haben durchkämpfen müssen um Er 
haltung der einzigartigen Jhringshäuser 
Allee mit ihren herrlichen Eichen, die letzten Endes 
mit Erlaubnis des Regierungspräsidenten restlos 
fallen mußten, um die Mittel zur Unterstützung 
der Arbeitslosen aufzubringen, trotzdem kurz zuvor 
von dem, Oberforstmeister selbst im Aufträge des 
Regierungspräsidenten die schönsten und ganz ge 
sunden Bäume bezeichnet waren, die als Einzel- 
Naturdenkmäler erhalten bleiben sollten. Wir er 
warten mit Spannung die Einlösung des Ver 
sprechens der Stadt Kassel, daß eine neue und 
bedeutende Allee auf dem jetzigen öden Trümmerfelde 
erstehen soll! 
Etwas bessere Erfolge wurden erzielt für die Fort 
setzung dieser Allee jenseits Ihringshausen, die 
aus prächtigen Buchen bestehend dem Kommunal 
verband unterstellt ist. Zwar ist auch da, besonders 
in der Umgebung des Schocketals, mächtig geholzt 
worden, einmal mit Rücksicht auf neuzeitliche Ver 
kehrsverhältnisse, besonders aber bedingt durch Neu 
siedlungen zu Seiten der Landstraße. Aber man hat 
wenigstens hervorragende Einzelbäume und Grup 
pen, die den Verkehr nicht gefährden, stehen gelassen 
als Naturdenkmäler. 
Die Haftpflicht ist vielfach Triebfeder — 
manchmal auch nur Vorwand — für Beseitigung 
turbild, das die Anordnung der Denkmäler auf dem 
Friedhofe ergibt, vermag nur ein schwacher Umriß 
anzudeuten. Leider sind die Denkmäler, wie gesagt, 
seit Jahren im Verfall. Daß zur Erhaltung sowohl 
der Steine wie der Gesamtanlage des Friedhofs auf 
gerufen werden muß, bedarf nach dieser Auslese wert 
voller Plastiken und nach der Bedeutung, die die 
Friedhofsanlage für das Architekturbild der Stadt 
besitzt, keiner weiteren Begründung. 
Inmitten des hastigen Grostßadtbetriebes, der 
Dynamik des alltäglichen Lebens und Treibens, die 
hier vorüberflutet, ist dieser Friedhof eine würdige, 
sinnbildliche Stätte des Totenkults, der das Leben 
zwar nicht beherrschen, aber doch mit weihevollem 
Ernste umgrenzen soll. Wir gedenken des Gesanges 
der Jünglinge aus „Wilhelm Meister" bei den 
Exequien Mignons: 
„Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne 
Gebild der Vergangenheit! Hier im Marmor ruht es 
unverzehrt: auch in eueren Herzen lebt es, wirkt 
es fort ... schreitet, schreitet ins Leben zurück! 
Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus; denn der 
Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewig 
keit !" 
Von Dr. B. Schaefer. 
oder Verstümmelung von Einzelbäumen, z. B. der 
prächtigen Linde am Hospitalbrunnen bei Allen- 
dorf a. W. 
. Gefährdung von Menschenleben darf 
natürlich nicht eintreten. So liegt z. B. Die prächtige 
alte Linde an der Totenhofsmauer vor Oberrieden an 
der Witzenhausen-Allendorfer Landstraße mit außer 
ordentlich lebhaftem Fußgänger- und Automobil 
verkehr. Besonders Wandervögel wandern in Scharen 
vorbei nach der nahegelegenen Jugendburg Ludwig- 
stein. Eine Bank unter der Linde lädt zur Rast ein. 
Darüber hinweg streicht ein mächtiger, schwerer Ast 
quer über die Landstraße. Dicht unter der Ansatz 
stelle des Astes ist der Stamm bereits hohl. Wenn 
er auch ausgemauert wird, um den Baum selbst zu 
erhalten, so muß doch der Ast entfernt werden. 
Als ein Fortschritt ist es zu bezeichnen, daß solche 
Maßnahmen gemäß einer Verfügung des Landes 
kirchenamts'vom 22. Januar 1924 erst nach Bericht 
erstattung und vorausgegangener Prüfung erfolgen. 
Ein Riegel vorgeschoben ist jetzt auch der Willkür 
untergeordneter Organe in der Behandlung von 
Alleen im Besitze des Kommunalverbandes. Der 
Landeshauptmann in Hessen, Vorsitzender unserer 
Bezirksstelle für Naturdenkmalpflege im Regierungs 
bezirk Kassel und in Waldeck, hat verfügt, daß in 
allen vorkommenden Fällen erst an ihn berichtet 
werden soll. Veranlassung hierzu hatten die Pap 
peln an der Rasenallee gegeben, die bereits 
angeschlagen und zur Vorbereitung des angesetzten 
Verkaufs mit Nummern versehen waren, als der 
Landeshauptmann von einer Reise zurückkehrend 
davon erfuhr und schleunigst Einhalt gebot.
	        

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