Full text: Hessenland (38.1926)

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hatten Mühe, bei Glatteis über Berg und Tal zu 
kommen. Ab und zu brach man auch durch diel 
dünne Eisdecke in Sumpf und Morast ein. Kassel 
entschädigte den Reisenden vollauf, und er preist fast 
überschwenglich diese „Residenz eines der vortreff 
lichsten Fürsten des deutschen Reiches". Nach seiner 
Ansicht verdient es die ganze Aufmerksamkeit eines 
Fremden. Freilich dringt immer wieder das Vor 
urteil gegen die mittelalterliche Schönheit unserer 
alten Städte durch, die man damals einfach nicht 
zu würdigen wußte. Die Neustadt, von französischen 
Kolonisten erbaut, findet unser Briefschreiber „regel 
mäßig und schön, wodurch sie sich merklich von der 
Altstadt unterscheidet. Ihre Gassen sind breit, die 
Häuser nach der allerneuesten Bauart und fast von 
einer Höhe . . . Die allerliebste Esplanade ist sogar 
gegenwärtig, da ihre Bäume von Laub entblößt 
stehen, ein sehr angenehmer Spaziergang." Die sehr 
verfallene Fuldabrücke zwischen Alt- und Neustadt 
gefiel weniger. „Indessen hatte sie uns doch so ziem 
lich zu dem vorbereitet, was wir in Ansehung der 
Bauart noch in der andern alten Hälfte der Residenz 
zu sehen bekommen sollten; und es war mir in der 
Tat bei dem Eintritt in die Altstadt nicht anders, 
als wenn ich plötzlich aus der Gesellschaft des 
liebenswürdigsten Mädchens, in das finstre Gemach 
einer abgelebten Matrone geworfen würde." Ein 
winterlicher Ausflug nach dem Karlsberg wird neben 
anderen Sehenswürdigkeiten in Kassels Umgebung 
enthusiastisch beschrieben: „Ich glaube nicht zuviel 
zu sagen, wenn ich dieses Wasserwerk für eines der 
prächtigsten Kaskaden in Europa halte." Auch der 
Herkules wird bestiegen: „Fünf von uns stiegen ganz 
bequem in diesen ungeheuren herkulischen Körper, 
der innwendig ausgehöhlt ist, und ich übersähe aus 
dem einen Auge dieser kolossalischen Statue, wie 
aus einem Flügelfenster, die ganze weite Gegend um 
diesen Karlsberg herum, die, da die Sonne sehr 
heiter schien, ungemein anmutig war . . . Um 
das Auge noch mehr zu ergötzen, so sind alle Steine 
an dieser Kaskade vorne mit einem dünnen glän^- 
zenden Blech belegt, welches, wenn die Sonne drauf 
scheint, das Wasser so hell als einen Krystall machen 
muß . . . ." In einem anderen aus Kassel datierten 
Briefe erwähnt der Livländer den Kasseler Pagen 
hofmeister Engelbronn, der ihm die Bildergalerie 
zeigte. Die Wachtparade machte einen vorteilhaften 
Eindruck. Der Fremde sah hier „lauter wohlgestreckte 
Aufruf für den Ludwigstem. 
Noch einmal rufen wir zu einer Werbewoche für den 
Ludwigstein auf. Viel ist geschaffen, aber manches bleibt 
bis zur gänzlichen Fertigstellung noch zu tun,. Nur 
durch zähes Festhalten an dem Ziel und durch die große 
Opfersreudigkeit der Jugend und ihrer Freunde ist der 
größte Teil der Arbeit geleistet. Damit aber die Burg 
das wird, was sie sein soll, ein würdiges Denkmal für 
unsere im Weltkrieg gefallenen Brüder, rufen wir noch 
mals auf, uns bei der Vollendung des Werkes zu helfen. 
Schwerer denn je ist es heute, die Mittel für den 
weiteren Ausbau auszubringen, aber viele Wenig machen 
und schöne Leute, die ihre Manövers mit vieler Fer 
tigkeit machten, und deren Ansehen es schon anzu 
kündigen scheint, daß sie tapfere Soldaten sind". 
Auch ihre Offiziere werden als gesetzt und höflich 
gelobt; „wie denn selbst ein gewisser Oberster, der 
an der Spitze des Regiments stand, und der meine 
Freude über das vortreffliche Manöver merkte, so 
gütig war, mich neben sich hin treten zu lassen, um 
alles desto besser übersehen zu können". Die Ev- 
zeugnisse der damaligen Kasseler Industrie werden 
als preiswert und brauchbar gerühmt, so daß dev 
Reisende verschiedene Stoffe und Tücher einkaufte. 
In einem dritten Briefe findet sich der Schreiber 
veranlaßt, Kassel gegen Vorurteile in Schutz zu 
nehmen, da es sich in beit letzten Jahrzehnten sehr 
zu seinem Vorteil verändert habe: „Ich finde in 
der That in den Manieren der polizierten Ein 
wohner nichts von jener Rauhigkeit, um derenb- 
tvillen man die alten Hessen auch die blinden 
Hessen zu nennen pflegte. Ihr Betragen ist sein, 
wie man dies in allen gesitteten Städten von Europa 
zu sehen gewöhnt ist . . . ich muß sagen, daß mir 
das schöne Geschlecht eher ein bischen zu lebhaft 
und zu galant, als zu rauh oder misantropisch zu 
seyn scheint. Die Beziehung, in der die Einwohner 
in dem letzten Kriege mit den Franzosen gestanden 
haben, hat sie um vieles gebessert oder verschlimmert, 
wie sie es nennen wollen; und eben diese Nation, 
der wir Deutsche so gern die Sitten wie die Moden 
abborgen, haben einen gewissen Geschmack in dieser 
Stadt zurückgelassen, den unsere nur gar zu ein 
förmige Vorfahren, noch wohl vor 40 bis 50 Jahren, 
gewiß äußerst getadelt haben . . . Außer den Straß- 
burgeriunen halte ichdas hiesige Frauen- 
zinrmer für das schön st e im ganzen 
oberrheinischen Kreise; und ich habe oft 
das Vergnügen gehabt, sehr artige Gesichter, so 
wohl in den Gesellschaften, wo ich bekannt war, als 
noch mehr in der Oper anzutreffen. Wirklich hat 
man hauptsächlich in der Oper, auf die der Fürst 
sehr große Kosten wendet, eine sehr angenehme Ge 
legenheit, seine Augen tausendfach zu weiden." 
Nur ungern verließ der Reisende Reffen und zu 
mal Kassel, um auf dem schlechten Postwege nach 
Göttingen weiterzureisen, wo die leichte Postchaise 
aus dem Gebirge sehr Gefahr lief, umgeworfen zu 
werden. 
ein Viel, und unser Ruf geht daher an weite Kreise der 
Jugendbewegung und ihre Freunde. Die Hauptarbeiten 
sind beendet. Die Burg hat Licht und Wasser. Der 
Rohbau ist gänzlich fertiggestellt, der rechte Flügel ist 
ausgebaut. Es geht jetzt an den Ausbau des linken 
Flügels und des Querflügels. Schaffung besserer Bleiben, 
Wasch- und Baderäume, Ausbau des Saales und des 
Gedenkraumes sind die nächsten Aufgaben. Wir hoffen, 
einen Teil der Arbeit noch in diesem Winteir leisten 
zu können, wenn genügend Mittel zur Verfügung stehen. 
Im nächsten Jahre gedenken wir dann das Werk zum
	        

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