Full text: Hessenland (38.1926)

22 
Schrifttafel ist ein knorpelig behandelter Sockel, 
darüber Kartuschenbekrönnng mit Doppelwappen 
wahrzunehmen. Die Knorpelformen find im all 
gemeinen von 1620 an zn datieren, die Inschrift des 
Monumentes ist stark verwittert. Tann ist der Stein 
des Rektors Sebastian Boklo zu nennen, der sich an 
der Nordseite der Kirche befindet. Auch hier ist die 
Inschrift fast gänzlich ausgelöscht, die Bekrönung 
hat vielfach den Kindern als Spielzeug gedient. 
Auf die Knorpelzeit folgt die Zeit des italienischen 
Laubes, aus der der Friedhof nichts aufweist. Allen 
falls wären einige Spuren auf der Platte von 1706 
zu entdecken. Dann beginnt eine Reihe von Denk 
mälern auf dem alten Friedhof, die der Zeit von 
1724 an einzuordnen sind. Sie charakterisieren sich 
durch den aufrecht stehenden Stein, der aus barock 
konturierten Schriftplatten und aus der gleichen 
Sockelform gebildet ist. Die Konturen sind mit den 
für die Zeit typischen belaubten Bändern belegt. 
Die Bandformen zeigen die einheimischen Muster, 
wie sie in handwerklicher Form wiedergegeben sind. 
1745 erkennen wir einen Rögence-Stein, der stark 
zum Rokoko hinüberführt. Tie Konturenformen sind 
ans der Muschel abgeleitet; Rocaillesormen treten 
bereits in zurückhaltender Weise auf. Wie sich die 
Formen allmählich ganz ins Rokoko umgedeutet 
haben, zeigt das Monument des Bäckermeisters Wen 
zel. Rokokolinien und flachaufgelegte Rocaillesormen 
fassen eine Schrifttafel mit schlichtem Sockel. In der 
Spitze befindet sich das Relief eines gekrönten Krin 
gels. Die Inschrift fehlt fast gänzlich. Das dem 
Prokanzler Motz 1723 errichtete Denkmal trägt 
Rögence-Kartuschen, die sich in Auflösung befinden, 
mit langgezogenen Gliedern, die blütenkettenartig 
ausgelegt sind. Zum Vergleich mag man die Eisen 
gußplatte des Daniel Collin heranziehen: ein aus 
gesprochenes Rokoko, das in den Formen sehr fein ist. 
Ein aus 1736 datierter Stein ist Prof. C. H. Kalk 
hoff gewidmet. In der reichbewegten Kartusche, 
deren Konturen mit Laubformen belegt sind, stellt er 
den Übergang zum Rokoko dar. Die daneben aus 
gebreitete Grabplatte aus dem Jahre 1753 ist bereits 
reines Rokoko mit ausgesprochener Unsymmetrie. 
Das Denkmal des Justus Heinrich Wegelius ist 
eine durch Rokokolinien festgerahmte Schriftplcktte. 
Die Ornamentformen sind stark plastisch heraus 
gearbeitet und die Linienführung ist von prächtigem 
Rhythmus. Die Platte daneben, aus 1773, gibt die 
weitere Entwicklung. Der früher feste Rahmen wird 
weiter aufgelöst und findet einen Ersatz in lockeren 
Blumendekorationen. 
Nachdem wir die wichtigsten Denkmäler des Rokoko 
kurz genannt haben, »vollen wir das Charakteristische 
aus jener kurzen Stilperiode des ausklingenden, 
den Klassizismus vorahnenden Rokoko nennen, das 
man früher als „Louis seize“, heute jedoch wieder 
als „Zopf" bezeichnet. Als besonders eigentümlich 
für die Zopfzeit kann das Denkmal der Anna Mar 
garethe Cansid (gestorben 1782) gelten. Die im 
posante, nach oben sich verjüngende Pilasterform 
wird von einer Vase gekrönt, die leider herabgeworftn 
worden ist. Vorderfläche und Rückseite des Pilasters 
sind mit ovalen Reliefsilhouetten belegt, von denen 
die vordere bossenartig stehen geblieben ist, während 
die der Rückseite eine miniaturhaft feine Durchbil 
dung erfahren hat. In dieser Ausführung ist sie für 
Kunst und Kultur der Zeit als außerordentlich typisch 
zu betrachten. An der Nordostecke des Friedhofes be-. 
findet sich das Denkmal, das der jungen Frau von 
Schönfeld gesetzt ward, die 1786, einen leichten 
Phaethon lenkend, in den Straßen Kassels einen töd 
lichen Sturz mit Wagen und Pferd tat. Nebenbei sei 
bemerkt, daß sie die Gattin des Gründers von Schloß 
und Park Schönfeld, des an Lebensschicksalen und 
Abenteuern reichen Generals von Schönfeld, gewesen 
ist, so daß sich hierdurch wie durch ihr trauriges 
Schicksal, das sie erlitt, ihr Name in Kassels Lokal 
geschichte erhalten hat. Das ihr gewidmete Monu 
ment zeigt vortreffliche Formen. Es ist als Säulen 
trommel mit bekrönender Vase gedacht und mit 
feinem Gefühl für Proportionen zur Ausführung 
gekommen. Ähnlich vortrefflich ist das Grabmal 
Delaportes, der ein Prediger der Hugenottengemeinde 
gewesen ist. 
Kennzeichnend für den einsetzenden Klassizismus 
sind die Nachbildungen antiker Stelen, also aufrecht 
stehender Grabsteine, in Form schmaler, nach oben 
sich etwas verjüngender Platten, die zum Teil mit 
sehr guten Reliefs versehen sind. So ist die auf 
einfachem Sockel sich erhebende Stele für Anna Mar 
garete Köhler zu nennen. Die Figurengruppe, von 
der die Platte ausgefüllt wird, weckt in ihrer ge 
dämpften Trauer antike Erinnerung. Die Stele 
Ruhls für Philippine Gundelach ruht auf niedriger 
Basis, hat giebelförmigen Abschluß, die von rhyth 
misch wallenden Gewändern umschwebte Gestalt wird
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.