Full text: Hessenland (38.1926)

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Illustrierte Monatsblätter für Heimatsorschung, Kunst und Literatur 
Schriftleiter Paul Heidelbach, Kassel. Unter Mitwirkung von Bezirkskonservator Baurat Dr. H oltmeyer, Kassel,- 
Direktor der Landesbibliothek Dr. Hopf, Kassel,- Lyzeallehrer Keller, KasselStaatsarchivrat Dr. Kn et sch, Marburg ,- 
Oberbibliothekar Professor Dr. Losch, Steglitz,- Schriftsteller Heinrich Ruppel, Homberg,- Professor Dr. Schaefer, 
Kommissar für Naturdenkmalpflege im Reg.-Bez. Kassel,- Geheimrat Universitätsprofeffor Dr. Schröder, Göttingen,- 
Universitätsprofeffor Dr. Schwantke, Marburg,- Dr. Werner Sunkel, Marburg,- Professor Dr. Bonderau, Fulda,- 
Universitätsprofeffor Dr. W e d e k i n d, Marburg. 
- -- 3m Einverständnis mit den Vereinen: 
Verein für hessische Geschichte und Landesk-rnde,- Hessischer Gebirgsverein,- Knüllgebirgsverein,- Allgemeiner Deutscher 
Sprachverein, Kassel,- Verein für Naturkunve, Kassel,- Geologischer Verein, Marburg,- Biologische Vereinigung, Marburg,- 
Gesellschaft für Familienkunde in Kurhessen und Waldeck,- Hessischer Volksschullehrerveretn. 
> > — Bezugspreis vierteljährlich 2.— Mark > . 
Z8. Jahrgang Heft 12 Kassel, Dezember 1926 
unï) }3?CK5* 3toei ©tattm hessischer Erinnerungen. Von Bruno Jacob. 
In Böhmen ward schon mehr als einmal deut 
sches Schicksal, und ein gutes Stück der deutschen 
Geschichte verknüpft sich mit jenem Lande, das einst 
die erste deutsche Kur trug. Man hat nur zu oft 
vergessen, unter dem Einflüsse der Erfolge von 
1870/71 zumal, was durch die kleindeutsche Lösung 
der „deutschen Frage" unserem großen Vaterlande 
verloren ging, aber gerade die Gegenwart, die noch 
in vollem Flusse der Entwicklung steht, lehrt uns, 
auch auf jene Gebiete wieder einmal hinzublicken. 
Doch nicht davon soll hier die Rede sein! — Für 
uns Kurhessen knüpft sich ein besonderes Band nach 
Böhmen hin, — und die Namen Horschowitz und 
Prag erinnern an zwei Perioden aus der Geschichte 
unseres heimischen Fürstenhauses. — 
Eine Reise durch die westlichen Nachfolgestaaten 
des österreichischen Landes führte mich auch, durch 
Böhmen, oder, wie heute der offizielle Name des 
Landes lautet: die Tschecho-Slovakische Republik. 
Und da war es nur natürlich, daß außer Prag auch 
die ehedem kurfürstlich hessische Herrschaft Horscho 
witz besucht ward. 
Etwa eine gute Schnellzugstunde südwestlich von 
Prag, ziemlich halbwegs Pilsen, liegt die Herrschaft, 
gruppiert um die gleichnamige Stadt. — Die Land 
schaft rundum erinnert lebhaft an Niederhessen, 
es ist ein mittelgebirgiges Gebiet, und, die Beraun 
entlang fahrend, hat man oftmals den Eindruck, als 
fahre man an der Fulda entlang, bei Melsungen 
oder Rotenburg. Und auch manche Bergformen er 
innern an die niederhessische Heimat, so daß man 
es Wohl verstehen kann, daß Kurfürst Friedrich 
Wilhelm I. hier einen Familienbesitz für seine 
unebenbürtige Gattin und deren Nachkommen er 
warb, in deren Händen sich noch heute die Herr 
schaft befindet, — allerdings nicht mehr in dem 
Umfange, wie sie zeitweilig bestand. 
Der gegenwärtige Inhaber der Herrschaft ist 
Graf Heinrich von Schaumburg, Enkel des Fürsten 
Friedrich Wilhelm von Hanau, des ältesten Sohnes 
des Kurfürsten. 
Der Bahnhof der Stadt Horschowitz liegt auf 
dem linken Ufer eines kleinen Seitenflüßchens der 
Beraun, und der Fahrweg zur Stadt führt in 
einem großen Bogen durch das Tal, während ein 
Fußpfad, vorbei an einem kleinen Mühlenweiher, 
steil empor führt zu dem Hügel, auf dem die alte 
Burg liegt, die heute das Verwaltungsgebäude der 
Herrschaft ist. Diese Burg, ein offener Vierecksbau, 
liegt auf einem nach drei Seiten steil abfallenden 
.Hügel, und die Westseite, wo noch die Stützmauern 
der. ältesten Burg aufragen, war überdies durch 
einen vorliegenden Teich gedeckt, an dessen Stätte 
sich heute ein Grasgarten befindet. 
Dies alte Schloß wird schon im 13. Jahrhundert 
erwähnt, als der Stammsitz der Herren von Horzo- 
witz, als deren erste Gebhart i. I. 1234 und Zavis 
i. I. 1263 erscheinen. Ob die auf diese folgenden 
Herren von Zervtin durch Kauf oder Erbgang in 
den Besitz gelangten, ist nicht klar, da die Akten der 
böhmischen Landtafel i. I. 1541 durch Feuer unter 
gingen. Vielleicht finden sich aber auch noch Notizen 
im Archive der Grasen Wrbna, aus deren Hän 
den der Besitz in jene des Kurfürsten überging, — 
und der jetzige Besitzer hofft, daß es ihm gelinge, 
von dort alle aus die Herrschaft bezüglichen Archi 
valien ausgehändigt zu erhalten. 
Jedenfalls haben die Herren von Zervtin den Ort 
bei der Burg um die Wende des 13. zum 14. Jahr 
hundert zur Stadt erhoben, — dann wechseln
	        

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