Full text: Hessenland (38.1926)

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Illustrierte Monatsblätter für Heimatforschung, Kunst und Literatur 
Schriftleiter Paul Heidelbach, Kassel. Unter Mitwirkung von Bezirkskonservator Baurat vr. Hol 1 meyer, Kassel,- 
Direktor der Landesbibliothek vr. Hopf, Kassel,-LyzeallehrerKeller, Kassel,- Staatsarchivrat vr. Kn et sch, Marburg ,- 
OberbibliothekarProfessor vr. Losch, Steglitz,- Schriftsteller Heinrich Ruppel, Homberg,- Professor vr. Schaefer, 
Kommissar für Naturdenkmalpflege im Reg.-Bez. Kassel,- Geheimrat Universitätsprofessor vr. Schröder, Göttingen,- 
Universitätsprofeffor vr. Schwanike, Marburg,- vr. Werner Sunkel, Marburg,- Professor Or. Vonderau, Fulda,- 
Universitätsprofeffor vr. W e d e k i n d, Marburg. 
————————— 3m Einverständnis mit den Vereinen: ————————— 
Verein für hessische Geschichte und Landeskunde,- Hessischer Gebirgsverein,- Knüllgebirgsvereln,- Allgemeiner Deutscher 
Sprachverein, Kassel,- Verein für Naturkunde, Kassel,- Geologischer Verein, Marburg,- Biologische Vereinigung, Marburg,- 
Gesellschaft für Familienkunde in Kurhessen und Waldeck,- Hessischer Volksschullehrerverein. 
> ' Bezugspreis vierteljährlich 2,— Mark 
38. Jahrgang Heft 11 Kassel, November 1926 
Einiges aus der Geschichte eines kleinen hessischen Dorfes 
(Rittmannshausen). 
Auf dem Scheitelpunkt der durch das Netra- und 
Jftatal von Hoheneiche nach Eisenach führenden. 
Frankfurt-Leipziger Landstraße, die unsere Vor 
fahren die Straße „durch die langen Hessen" nann 
ten im Gegensatz zu der von Frankfurt über Als 
feld und Hersfeld führenden kürzeren Straße „durch 
die kurzen Hessen" liegt das kleine Dorf Rittmanns 
hausen, im Volksmund Ritzhusen genannt. Von den 
das Dorf überragenden Höhen schweift der Blick nach 
Westen und Norden zur Boyneburg und den hes 
sischen Gebirgen, vor allem ihrem Könige, dem 
Meißner, nach Osten und Süden zur Wartburg und 
den herrlichen Bergen des Thüringer Waldes. Ritt 
mannshausen scheint eine Oase im Treiben und 
Jagen, im Streit und Neid des Lebens zu sein. 
Gar manchem, der zu Fuß die Gegend durch 
wanderte oder mit einem Gefährt das Dörfchen be- 
rlihrte, mag es einen gleich freundlichen Eindruck 
hinterlassen haben, wie dem bekannten Verlags 
buchhändler Friedrich Perthes auf seiner Reise im 
Jahre 1822 von Hamburg nach Gotha. Perthes 
war infolge eines Achsenbruches gezwungen, in Ritt 
mannshausen zwölf Stunden Rast zu machen. Er 
schreibt hiervon in seinen Lebenserinnerungen: „In 
voller Wahrheit sah ich eine Idylle, die mein Herz 
erfreute." Doch auch in Rittmannshausen wohnen 
Menschen, Menschen mit ihren Schwächen und Ge 
brechen. Auch die Geschichte Rittmannshausens, so 
klein auch das Dörfchen ist, und so wenig auch seine 
Geschicke auf die Allgemeinheit von Einfluß gewesen 
sind, weiß zu erzählen von Habsucht und Herrsch 
sucht, von selbstverschuldetem Leid und erfahrener 
Unbill, von Streit unter einander und nach außen. 
Von A. Becker. 
Rittmannshausen gehörte gleich andern Dörfern 
des Ringgaus zu dem Gericht Boyneburg, das dem 
Reichsrittergeschlecht derer von Boyneburg unter 
stand, und dessen Stammburg die im dreißigjährigen 
Kriege in Trümmer gesunkene Boyneburg war. Fast 
zuletzt uuter den in der Landgrafschast Hessen be 
güterten Rittergeschlechtern, erst im Jahre 1460, 
unterwarfen sich die Herren von Boyneburg dem 
Landgrafen von Hessen und nahmen von ihm ihre 
hessischen Besitzungen zu Lehn. Von da an leisteten 
sie ihrem Lehnsherrn treulich Gefolgschaft und such 
ten ihre Ehre darinnen, am Hof zu Kassel wohl ge 
litten zu sein. Freilich iiber manche Rechte blieb 
man auch jetzt noch lange im Streit, der sich ver 
schärfte, als dann Landgraf Moritz durch seinen 
Starrsinn die Ritterschaft seines Landes überhaupt 
wieder gegen sich einnahm. Vor allem ging der 
Kamps zwischen den Boyneüurgs und dem Land 
grafen um die Gerichtsbarkeit. 
Die Boyneburgs beanspruchten die Gerichtsbar 
keit in den Dörfern des nach ihnen genannten Ge 
richts über alle Insassen, ohne Rücksicht darauf, 
wessen Lehnsleute diese waren. Sie beanspruchten, 
wie es scheint, nicht nur die Zivilgerichtsbarkeit, 
sondern auch die Rechtsprechung in Strafsachen über 
alle, auch über die Lehnsleute des Klosters Germe 
rode, dessen Rechtsnachfolger der Landgraf geworden 
war. 1602 versuchte man zwar in einem Vertrag 
die Rechte des Landgrafen und der Boyneburgs klar 
abzugrenzen und festzulegen. Allein auch dieser Ver 
trag führte zu keinem vollen Einklänge. 
In diesem Streit waren die Untertanen, vor 
allem die im Gericht Boyneburg ansässigen Lehns-
	        

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