Full text: Hessenland (38.1926)

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mit einem Male, wie wenig er sie kannte, und wie 
kühn seine Werbung war. Stammelnd brachte er 
seine Bitte vor. Da lachte sie erst unbändig, dann 
zog sie ein beleidigtes Mündchen: „Nein, Nach 
bar, macht Euch keine Hoffnung! Meine Kinder 
kommen nicht in Euren Wagen!" Und als er von 
der schönen, neuen Wohnung sprach, sagte sie noch: 
„In Eure Schneiderhölle * setze ich keinen Fuß, und 
wenn sie mit Gold ausgeschlagen wäre!" Sie war 
tete nicht seine Antwort ab, sondern ging hinaus. 
Ihr Vater klopfte Christoph beruhigend auf die 
Schulter und den Rücken: „Siehst du, so sind sie! 
So hat sie Gott geschaffen!" 
Der Schlosser erzählte beim Branntwein von dev 
mißglückten Werbung des Schneiders und schadete 
damit seiner Tochter. Für einige Zeit hing sich 
ihr allerlei müßiges Gerede an. Sie erfuhr es nicht 
oder machte sich nichts daraus: sie wartete auf den, 
der ihr das Glück bringen sollte. Einmal mußte er 
doch kommen, den sie so liebte, daß sie seine Fehler 
nicht sehen wollte.... Es mangelte ihr auch nicht 
an Bewerbern, aber sie konnte jeden mit nüchternen 
Augen betrachten, und an jedem 'fand sie etwas 
auszusetzen. Der Mann aber, der sie blind machte 
vor Liebe, erschien nicht. Sie wartete auf ihn, bis 
sie dreißig Jahre alt war und scharfe Fältchen sich 
ihr um Augen und Mundwinkel zogen. Da nahm 
sie ihren Vetter. Er war nicht der Schlechteste, aber 
auch nicht der Beste von denen, dre sich im Laufe der 
Jahre ihr genähert hatten. Er war jähzornig und 
rauh, aber er hatte den Namen und den Beruf 
ihres Vaters. „Ich brauche wenigstens nicht das 
Haus und den Namen zu wechseln", sagte sie 
Die Schramme Karline war seit Jahren Groß 
mutter; ihr Enkel zählte sieben Jahre, ihre Enkelin, 
das Linchen, fünf. Ihr Mann war schon lange tot. 
In den ersten Jahren nach seinem Mißerfolg hatte 
Christoph die Nachbarin nicht angesehen, dann hatte 
er ihr wieder ein Guten Morgen! oder Guten 
Abend! zugenickt, und schließlich rief er ihr sogar 
wieder über die Gasse zu: „Schön Wetter heut!" 
oder: „Es fährt mit Regen!" Je älter die beiden 
wurden, um so zufriedener fühlte sich Christoph. Sie 
hatte es nicht allzugut bei ihrem Schwiegersohn. 
Auch ihre Gesundheit ließ zu wünschen übrig: seit 
Jahren schon mußte sie am Stocke gehen. Christoph 
aber war noch stark. Er konnte es sich nicht ver 
sagen, vor ihren Augen mit seiner Kraft zu prahlen, 
indem er Säcke und Körbe wie ein Junger schwang. 
„Willst du Ditterritter?" rief er manchmal, wenn 
er mit einem Korb voll Birnen aus dem Garten kam, 
„sie sind noch schön krachig!" Er wußte nur zu gut, 
daß sie rohes Obst nur noch mit dem Messer ge 
schabt essen konnte. Seinen Spott ertrug sie leicht: 
nach süßen Birnen hatte sie kein Verlangen mehr, 
und um seine Zähne beneidete sie ihn nicht. Aber 
* Hölle nach Grimm eigentlich „ein Raum unter dem 
Tisch der Schneider, in den der darauf Sitzende dre 
Beine steckt; nach der Volksmeinung sollen hierin die 
Schneider von den ihnen anvertrauten Stoffen das Mög 
liche verschwinden lassen". 
daß er den ganzen Tag im Garten werken konnte, 
daß er immer der erste mit dem Graben, dem Säen 
und dem Ernten war, daß er seinen Garten viel 
besser instand hielt als ihr Schwiegersohn, der wenig 
Zeit dafür erübrigte, das wurmte sie. Da sie selber 
nichts mehr zur Förderung der Arbeit in ihrem 
Garten tun konnte, so suchte sie wenigstens Christoph 
nach Möglichkeit zurückzuhalten, damit er nicht einen 
gar zu großen Vorsprung vor ihr' gewann. Aber 
ihre Warnungen vor den Eisheiligen, vor den 
Siebenschläfern, vor den Schnecken, den Erdflöhen 
und den Kohlweißlingen schlug er in den Wind. 
Seine Bohnen und Gurken gingen immer auf, 
er hatte zuerst grüne Erbsen, und wenn andere noch 
nicht daran dachten, brachte er schon neue Kartoffeln 
heim. Sie hätte darüber bersten können vor Wut. 
Das wußte er, und das machte erst seine Freude 
vollständig. Ihre Überwachung des Nachbarn und 
seine Schadenfreude über ihren ohnmächtigen Zorn 
waren ihnen Herzensbedürfnis, und je älter sie 
wurden, um so inniger wurde ihre grimmige Freund 
schaft 
„Die Kartoffeln müssen erst die Michelskraft 
haben", hatte die Karline gesagt, und Christoph 
hatte sie ausgelacht. O, er wußte, was sie wollte: 
verfaulen sollten ihm die Kartoffeln im Regen 
wetter, das wollte sie! 
Als er am Abend mit einem schweren Sack Kar 
toffeln auf dem Schubkarren über das holprige 
Pflaster in die Gasse einbog, lockte das Rasseln Kar- 
line ans Fenster. Er freute sich über ihr bitter 
böses Gesicht und nickte ihr triumphierend zu. „Siehst 
du, hättest du mich genommen!" dachte er, „was 
bin ich noch für ein Kerl!" Und obwohl das Holz- 
gesüge des alten Fahrzeugs bedenklich hin- und her 
schaukelte und knirschte unter der schweren Last, gab 
er dem Karren einen tüchtigen Schwung, um seine 
Kraft und Jugendlichkeit zu zeigen. Aber das Rad 
stieß wider einen scharfen Stein, der Karren geriet 
in ein starkes Wanken, Christoph hielt krampfhaft die 
Handhaben fest ... da brach mit einem Krach der 
Karren entzwei, und der Sack rollte auf die Erde. 
Karline, die sich schon hatte zurückziehen wollen aus 
Ärger über Christophs Erntesegen und Schaden 
freude, legte sich breit ins Fenster und rief: „Alte 
Knochen und alte Schubkarren taugen nicht viel, 
Nachbar!" Er erwiderte nichts. Beschämt schleppte 
er den Sack und die Trümmer nach Hause. 
Am meisten wurmte es Christoph, daß an ein 
Ausbessern des alten Fahrzeugs nicht zu denken war. 
Er führte nur noch selten die Nadel, und bares 
Geld war wenig in seinem Hause zu finden. Sollte 
er der Karline den Triumph gönnen, daß er Geld 
von der Sparkasse holen mußte? 
Am nächsten Tag hatten die Leute in der Drei 
mannsgasse wieder etwas zu lachen: ein alter Kinder 
wagen stand vor Christophs Haus! Christoph schien 
von den Bemerkungen der Nachbarn und der Vor 
übergehenden nichts zu hören. Er schraubte vorsichtig 
das Oberteil des Wagens ab, bis nur noch die 
Achsen mit den Rädern übrigblieben. Dann schleppte
	        

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