Full text: Hessenland (38.1926)

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rückte er von ihr ab und richtete sich auf. Sie ließ 
sich durch den derben Stoß nicht stören, sondern er 
griff eine neue Frucht, biß mit den weißen Zähnen 
hinein und sah lachend zu ihm auf. Bezauberte ihn 
der Aufschlag ihrer Augen, waren die blitzenden 
Zähne schuld oder die feuchten Lippen? Auf einmal 
schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß dieser 
Mund noch viel süßer sein müsse als die Birnen, 
und daß dieser süße zwanzigjährige Mund für ihn 
bestimmt sei. Und kaum hatte er das gedacht, so 
bückte er sich auch schon nieder, nahm ohne Zaudern 
das blühende Gesicht in seine beiden Hände und 
drückte einen herzhaften Kuß darauf. Die Lippen, 
die auf eine solche Frucht nicht gerechnet hatten, 
zogen sich erschrocken zurück. Mit einem Ruck sprang 
Karline auf, stand einen Augenblick wie ratlos, dann 
schüttelte sie sich, als ob sie etwas Bitteres genossen 
habe, und lief lachend davon ... nicht ohne im Fort 
eilen noch ein paar Birnen von der Erde aufzn- 
rasfen. Drüben nahm sie sogleich ihren Pslaumen- 
korb an den Arm und verließ den Garten. An 
der Erschütterung ihrer Schultern sah Christoph, daß 
sie noch immer lachte. 
Dies Lachen war an allem schuld, was nun ge 
schah. Als Christoph seinen Korb Birnen auf dem 
Schubkarren nach Hause schaffte, war er so tief in 
Gedanken, daß er am Obertor beinah ein Huhn 
überfahren hätte. Das Gackern weckte ihn auf. „Ja, 
ja!" sagte er und fuhr mit stolz erhobenem Haupte 
in die Stadt. 
Anders, als er fortgegangen war, betrat er tvieder 
sein Haus: als Junggeselle, der nichts von Frauen 
wußte, hatte der Dreißigjährige es verlassen, als 
Bräutigam kehrte er zurück. Er spähte aus dem 
Fenster über die Gasse, aber Karline zeigte sich 
nicht. „Sie will, daß es unter uns bleibt, solange 
ich nicht mit ihrem Vater gesprochen habe", dachte 
er. Mit ganz neuen Gefühlen ging er durch sein 
elterliches Haus. Er sah alles mit viel kritischeren 
Blicken an als sonst und war erstaunt, wieviele 
Mängel er entdeckte: Spinnweben hingen überall, 
die Decken waren schwarz, die Tapeten zerrissen oder 
farblos, die Dielen morsch, und im Getäfel raschelten 
die Mäuse. Das mußte anders werden, bevor sie ihn 
.zum erstenmal mit ihren Eltern besuchte. 
In der nächsten Zeit gab es so viel zu tun, daß 
er nur selten auf den Schneidertisch kam. Die Hand 
werker wunderten sich nicht wenig über die Eile, mit 
der er sie zur Arbeit trieb. Er kümmerte sich nicht 
um ihr Erstaunen und ruhte nicht eher, als bis in 
jedem Zimmer ein Schreiner, ein Anstreicher oder 
ein Tapezierer stand, so daß er oft nicht wnßte, 
wohin er sich vor ihren Leim-, Kalk-, Färb- und 
Kleistertöpfen retten sollte. Aber endlich sagten sie 
mit listigem Augenzwinkern: „So, jetzt kann die 
Braut kommen!", und Friede kehrte wieder in sein 
Haus. Nur ein durchdringender Handwerksduft 
schwebte noch in allen Räumen. 
Christoph hatte unter der Hand dem Schreiner 
eine Hose angefertigt. Er suchte den Meister abends 
in der Wohnung auf und fand ihn und seine Frau 
in mißmutiger Stimmung. Sie machten kein Hehl 
aus ihrem Streit.. „Ich meine," sagte die Frau, 
„wir sollten den Kinderwagen verkaufen, er ist nns 
doch nur im Weg! Mein Mann aber will, daß wir 
ihn behalten." Der Wagen stand mitten im Zimmer; 
er war aus braunen Weiden geflochten, geräumig 
und noch gut erhalten. „Wir können ihn vielleicht 
noch brauchen!" sagte der Mann unwirsch. „Wir 
haben vier Kinder," erwiderte die Frau, „und 
damit ist's gut!" Der Meister schwieg, und das 
machte sie mutig. „Wenn mir jemand einen Taler- 
auf die Hand legte," sagte sie, „von mir aus könnte 
er sofort den Wagen haben!" Christoph fuhr aus. 
Er sah den Meister an, der Meister schwieg. „Wie 
denkt Ihr über den Taler?" „Gott ja, mir ist alles 
recht!" seufzte der Mann, „nur damit's Ruhe gibt! 
Aber das soll sie nicht von mir verlangen, daß ich 
den Wagen auch noch feilbiete!" „Braucht Ihr 
auch gar nicht!" entgegnete Christoph, „ich nehme 
ihn!" Wenn Christoph in der neuen Hose die Taschen 
vergessen oder die Nähte vorn angebracht hätte, 
das Ehepaar wäre nicht mehr erstaunt gewesen! 
Christoph lächelte geheimnisvoll und- zahlte den 
Taler. Die Schreinersfrau strich schmunzelnd das 
Geld ein; ihr Mann gab das verlangte Versprechen, 
alles geheim zu halten, und Christoph drückte in 
der dunklen Nacht fröhlich den Wagen heimwärts. 
Vor seiner Tür blieb er einen Augenblick stehen. 
Wie mußte sich die Karline freuen, wenn sie sah, 
daß er so gut vorgesorgt hatte! 
Es war seine Absicht gewesen, am nächsten Tag 
hinüber zum Schlossermeister Schramm zu gehen, 
aber unversehens wurde er aufs Land bestellt, 
einem Bräutigam einen Gehrock anzumessen, und er 
fand in dem Dorf noch weitere Arbeit, die ihn zurück 
hielt. So verging der Tag, ohne daß er seinen Plan 
ausführen konnte. Aber je weniger er sich mit 
seinen Herzensangelegenheiten befaßte, um so mehr 
taten es die andern. Die Schreinersfrau fühlte sich 
durch das Versprechen ihres Mannes nicht gebunden 
und erzählte von dem Verkauf des Wagens der 
ganzen Nachbarschaft. Es gab ein Gelächter von 
einem Ende des Städtchens bis zum andern. „Nun 
kann man gespannt sein, wer die Braut ist!" sagten 
die bösen Zungen. 
Als Christoph am nächsten Morgen im besten An 
zug beim Schlossermeister Schramm erschien, be 
gann der dicke Mann zu 'lachen, daß er sich den 
Leib halten mußte. „Christoph," sagte er endlich 
gutmütig zu dem verdutzten Werber, „ich und dein 
Vater sind immer gute Nachbarn gewesen, darum 
will ich dir auch gleich reinen Wein einschenken: 
das Heiraten gilt fürs Leben, deshalb hat die Kar 
line darin ihren eigenen Willen; soviel ich aber weiß, 
nimmt sie dich nicht!" „Es käme auf eine Frage 
an!" sagte Christoph gelassen. „Gut!" erwiderte 
der Nachbar, „sie soll dir selber Bescheid geben!" 
„Karline!" Er rief, daß es durchs ganze Haus 
schallte; das Mädchen erschien. Bei ihrem Anblick 
wurde es Christoph wohl und weh zu Mute. Sie 
war ihm nie so schön vorgekommen, aber er fühlte
	        

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