Full text: Hessenland (38.1926)

drein. Daß es dein Abschied galt, war auch dadurch 
angedeutet, daß 'er das kleine lederne Reisetaschchen 
trug, das über die Schultern gehängt war. 
Ehe sich aber der Zug noch in Bewegung setzte, 
erschienen die Diener des Gesetzes, die Pedellen, der 
alte Meier und Freund Bickell, und forderten den 
8. 6. im Namen Sr. Magnifizenz des Herrn Pro 
rektors auf, das ungesetzliche Vorhaben, das als eine 
Verhöhnung des Senats gedeutet werden müsse, zu 
unterlassen. Die beiden Pedellen taten mit ernstester 
Miene ihre Pflicht und ließen es an freundlichem 
Zureden nicht fehlen, obgleich sie sich wohl bewußt 
waren, daß ihre Mühe umsonst sein werde Die 
Chargierten bedauerten, daß ihrem Wunsche nicht 
entsprochen werden könne: Jeder konzilierte Korps 
student bekomme sein Komitat. Das sei, wie ihnen 
bekannt sein werde, altes Herkommen. Außerdem 
sei es 8. 6.-Beschluß, an dem sich nicht rütteln lasse. 
Das Komitat verlief auch ordnungsmäßig. Mit 
Musik — ich glaube, es wurde der Chopinsche 
Trauermarsch gespielt — ging es in langsamem 
Zuge durch die Barfüßerstraße über den Markt, 
durch die Wettergasse und den Steinweg hinunter 
zum Bahnhof. Es braucht nicht gesagt zu werden, 
daß alle Fenster der Straßen, durch die der Zug 
-ging, von Schaulustigen, unter denen die jungen 
Damen nicht fehlten, besetzt waren, daß von schöner 
Hand dem armen Scheidenden manch Sträußchen 
zugeworfen wurde. Am Bahnhof stieg der mit 
Blumen reich bedachte Delinquent aus, nahm von 
seinen Corpsbrüdern und sonstigen Freunden den 
letzten Abschied, um sich dann vom Eisenbahnzug 
entführen zu lassen. Darauf ging der Zug unter 
Der Kinderwagen. 
Als die fünfundsiebenzigjährige Schramme Kar 
line am Arme ihrer Enkelin behutsam über das holp 
rige Pflaster der Dreimannsgasse schritt, fielen ihr 
ein paar Regentropfen auf das dünne, weiße Haar. 
Erstaunt hob sie den Kopf. Kein Wölkchen war am 
blauen Himmel sichtbar. „Es ist ja akkurat", sagte 
sie mit einer Stimme, die wie der zitternde Bogen 
strich eines alten Geigers klang, „es ist ja akkurat, 
als ob der närrische Christoph droben ein paar 
Freudentränen vergießen wollt'!" Die tausend Flitt 
chen ihres Gesichts begannen zu zittern, und ein 
paar Tränen rollten zur Erde. Die Enkelin, eine 
junge Frau, die noch nicht lange die Zwanzig über 
schritten hatte, drückte ihren Arm fester an den der 
Großmutter und führte sie weiter dem kleinen Hause 
zu, das gegenüberlag. In der Tür, unter einem 
festlichen Gewinde von grünen Tannen, stand ein 
junger Mann und streckte der alten Frau zur Be 
grüßung die Hände entgegen. „Kommt pur, Groß 
mutter!" sagte er. Die Großmutter aber machte 
noch einmal halt, sah zurlick nach dem größeren 
Haus gegenüber, das sie verlassen hatte, und schüt 
telte den Kopf. Es war ein langer Weg gewesen 
von drüben bis hierher: volle sünfundfünfzig Jahre 
hatte sie dazu gebraucht!... 
heiteren Märschen zurück zu einem 8. O.-Trunk in 
der Ledererschen Wirtschaft, wo er sich auflöste. 
Selbstverständlich hatte die Gesetzwidrigkeit das 
unangenehme Nachspiel, daß die Chargierten beider 
Corps bestraft wurden. Nächst ihnen wurden als 
Hauptschuldige die Füchse angesehen, die die Fahnen 
getragen hatten. Die der Teutonen waren beide 
zufällig Juden. Die Juden warep damals nicht 
vom Eintritt in das Corps ausgeschlossen. Beide 
waren liebe, guth Menschen, die wir alle gern 
hatten. Beide sind später tüchtige Ärzte geworden. 
Besonders der eine genoß als Augenarzt großes 
Ansehen. Man kann oder konnte aber damals nicht 
sagen, daß sie sich durch körperliche Schönheit oder 
durch stattliche Erscheinung ausgezeichnet hätten. 
Als sie vor Se. Magnificenz vorgeladen wurden,, 
um sich zu verantworten, wurde ihnen das Ungesetz 
liche ihres Verhaltens ernst vorgehalten. „Ja," so 
entschuldigte sich der eine, „wir sind nun einmal 
Füchse beim Corps und haben uns zum Gehorsam 
verpflichtet, und da wir-zu Fahnenträgern bestimmt 
wurden, so haben wir den Befehl ausgeführt." Dar 
auf machte Magnificenz geltend, daß das Corps 
doch zurzeit nicht weniger als 16 Füchse habe. 
Warum denn gerade sie als Fahnenträger aus 
gewählt worden seien? Darauf entgegnete der 
Sprecher: „Ja, sehn Sie, Magnificenz, zu Fahnen 
trägern werden immer die schönsten Leute genom 
men." Ob und wie sie gestraft wurden, weiß ich 
micht mehr, jedenfalls hat Magnificenz, wenn sie 
auch äußerlich ernst blieb, doch innerlich herzlich 
gelacht. 
(Schluß folgt.) 
Erzählung von Georg Ploch. 
Die zwanzigjährige Karline hatte in ihrem Garten 
Pflaumen geschüttelt für einen Kuchen. Drüben, 
jenseits der Haselnußhecke, stand Christoph Bauern 
feind und zerrte mit einem Haken an einem Birnen 
ast, daß die Früchte prasselnd zu Boden fielen. 
Lüstern blickte Karline hinüber: die unansehnlichen 
kleinen, runden Birnen, die „Ditterritter", wie sie 
im Städtchen hießen, schmeckten so süß wie Honig. 
Christoph hörte, daß drüben jemand hustete, und sah 
auf. Er wußte aus Karlines Kinderzeit, wie sehr 
sie auf die süßen Birnen versessen war. „Willst du 
ein paar Ditterritter?" rief er. Sie nickte lachend und 
kam an die Hecke. Er half ihr durch die Lücke, indem 
er die knorrigen Äste auseinanderbog: sie huschte 
nicht mehr so leicht hindurch wie vor zehn Jahren! 
Aber ebenso gierig wie in ihrer Kinderzeit bückte 
sie sich nach einer Frucht und aß sie mit zwei 
Bissen, ohne sich aufzurichten. Flink warf sie das 
Kerngehäuse hinter sich in die Hecke und griff zur 
nächsten Birne. Christoph sah ihr einen Augenblick 
lachend zu, dann bückte er sich auch und begann, das 
geschüttelte Obst in den Korb zu lesen. Eine Zeit 
lang kümmerte sich keins um das andere. Plötzlich 
wurde Christoph aus seiner Arbeit aufgeschreckt; er 
war unversehens wider Karline gestoßen. Eilig
	        

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