Full text: Hessenland (38.1926)

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gegen Abend stiegs in der Ferne schwarz am Hori 
zonte auf. Gott Aeol fing an zu blasen und 
Jupiter Pluvius zu blitzen, gleichsam, als wenn 
beide sich verabredet hätten, nachdem sie das Fest 
4 Tage hindurch mit der schönsten Witterung be 
günstigt gehabt, jetzt dem Schwärmen ein Ende zu 
machen, und Feierabend zu bieten. 
Der Windgott wehete zuerst von dem Felde her 
auf, als Avantgarde, eine solche Staubwolke, auf 
die eine Tafet los, daß die daran Sitzenden, ganz in 
eine Staubwolke eingehüllt, und die auf der Tafel 
stehenden delicaten Braten und Kuchen mit Sand 
staub incrustirt wurden. Jetzt rückte Schalk Jupiter 
mit seinem schweren Geschütz näher, schleuderte einige 
Blitze mit Donnergetöse und ließ einige Regen 
tropfen fallen. Aber nun entwickelte sich das Ganze 
in einen wahren Ameisenhaufen, die Braten und 
Kuchen wurden zusammengerafft, alles lief durch 
einander und eilte nach der Stadt zu, wie der Troß 
von einer geschlagenen Armee. Die beiden Schalk- 
götter hatten es aber doch im Ernst nicht so gemeint, 
denn sie zogen sich nach vollendetem Schalkstreich 
wieder zurück, der Himmel wurde wieder heiter, aber 
das Oro8 der Gesellschaft, und mit ihm die Damen, 
wär doch auseinander gesprengt. Ein großer Theil 
alter und junger Burschen waren trotzend sitzen 
geblieben, und hatten sich durch jenen Überfall 
nicht verjagen lassen, zechten und jubelten fort, bis 
mitten in die Nacht hinein, — zogen dann in Einem 
Trupp nach der Stadt zurück, und brachten als 
Pinnitz ihrem Prorektor ein Vivat. 
Die Kaufleute und andere Bürger hatten auf dem' 
Rathhause einen solennen Ball unter sich veranstal 
tet, und dazu auch einige Burschen besonders ein 
geladen. 
Hiermit war nun das 4te Tagewerk und mit 
ihm das eigentliche Jubelfest beendigt. Traurend 
über die nun beginnende Trennung, drückte man sich 
noch einmal die Hände, — legte den Burschen ab, 
und zog den Philister mit seinem Joche wieder an,— 
gab sich den Abschiedskuß mit viel bedeutender 
Empfindung ob der Zukunft, und im Augenblick des 
Scheidens hieß es: 
Brüder, zum künftigen Jubiläum sehen wir von 
oben herab, wie die von dem vorigen zum heutigen! 
Dort kommen wir dann wieder zusammen! Lebt 
wohl!!! 
Noch einige Lpseialia, die sich im Context nicht 
so anbringen ließen, will ich Dir noch nachträglich, 
auftischen, weil sie als Bemerkungen mit zum 
Ganzen gehören. 
Daß während des ganzen Festes kein eigentlicher 
Hauptexceß, woraus böse Folgen hätten entstehen 
können, kein Unglück u. d. gl. gefährliches Ereigniß 
vorgefallen, — daß das Fest und die allgemeine 
Freude durch nichts gestört worden, ist der klugen 
Maßregel der Behörden, sich um das Treiben und 
Toben der alten und jungen Burschen gar nicht zu 
bekümmern, zu verdanken, — gereicht aber auch 
jenen selbst zur größten Ehre! Bor 100 Jahren soll 
es, wie die Nachrichten sagen, viel wüster her 
gegangen seyn. Das lag aber in dem Jahrhundert 
selbst. Schade, daß die Nachrichten von den da 
maligen Ereignissen so unvollständig sind. 
Möge doch jetzt einer sich das Verdienst machen, 
und sammle deren zum Archiv für unsere Nach 
kommen. 
Nach den 4 Verzeichnissen über die Fremden 
darfst Du deren Zahl nicht bestimmen. Es sind 
deren gewiß noch die Hälfte mehr da gewesen, die 
aber nicht gemeldet worden. Mich selbst z. B. wirst 
Du darin nicht finden, und doch war ich gewiß da. 
Ich schätze die Zahl der Fremden auf eiroa 2500, 
und die der Studios aus 500. Vor 100 Jahren 
waren der letzteren 800 zusammen, versteht sich mit 
den hiesigen. 
Die beiden ältesten Burschen waren aus den 
OO ziger Jahren, der Kurhessischen Justiz-Beamte, 
Rath Theiß aus Wetter, und der Landgräfliche 
Geheimer Rath Haupt von Homburg vor der Höhe, 
— ersterer 1766 immatriculirt, und jetzt 79 Jahre 
alt, ist der älteste Staatsdiener und erhielt auf dem 
Jubiläum die vtr Würde, — letzterer 1767 imma 
triculirt. 
Aus ben folgenden beiden Jahrzehnten waren 
nicht so viele da, wie man wohl hätte erwarten 
sollen. Nimm Dein Stammbuch und den jetzigen 
Adreß-Kalender, wie viel findest Tu noch aus 
unserer Zeit, den 80ziger Jahren? 
Aber weiter herab, aus den 90 ziger Jahren, und 
aus denen von 1800 bis 1812, und noch weiter 
herab, waren sehr viele da. Aus dem Lehrstande 
die meisten, natürlich weil deren die meisten sind. 
Unter den herausgekommenen Gedichten zeichnen 
sich, nach dem Urtheil competenter Richter, die 
Ode und der Rundgesang bei dem Fackelzuge von 
dem Studenten Wolf aus dem Fuldaischen, vor 
allen anderen aus. Ich schicke Dir alles. 
Schließlich muß ich auch noch rühmend des 
Toasts erwähnen, den am letzten Tage an einer 
tadle d’höte ein junger Studio Marburg's Bürgern 
ausbrachte, — und hiermit Punctum! 
Es grüßt Dich Dein alter treuer 
Peregrinus. 
Herr Oberbibliothekar Prof. vr. L o s ch - Berlin teilt 
uns zu obigem Bericht mit: Der „alte Bursche" in 
Nr. 9 p. 184 sf. hieß Carl Friedr. Herm. Frömbling und 
war Amtssekretär zu Wetter (* 15. 1. 1769, f 22. 10. 
1856 zu Kassel). Sein p. 185 erwähnter Sohn hieß 
Wilhelm und war später Aktuar zu Gudensberg. Der 
Studio Wolf p. 187 hieß Kilian Wolf, * 1. 1. 1802 zu 
Hattenhof, f 28. 11. 1836 als Or. phil. und Gymnasial 
lehrer zu Fulda. Er verfaßte auch eine Denkschrift 
„Marburgs 3. Säkularfeier. Mbg. 1827". Von seinen 
Gedichten wurde eins von Spohr komponiert.
	        

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