Full text: Hessenland (38.1926)

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Militär als solches nicht kommandiert ist, nur preu 
ßische Truppen." Ein späterer dagegen berichtet 
über die vollzogene Handlung: „Sonderbarer Weise 
wurden unsere Offiziere von der Tribüne in das 
Schloß kommandiert und umgaben mit den preu 
ßischen Offizieren auf dem Balkon die Herren von 
Möller und von Werder.... Vom Publikum wurde 
aber das Siegeslied nicht mitgesungen, aber in das 
Hoch wurde ziemlich allgemein eingestimmt." — 
So standen Schonendes und „Sonderbares", Ab 
gelehntes und Aufgenommenes einander gegenüber. 
„Ob es eine schöne Feier gewesen?" fragte von 
Möller, der (ebenso wie seine Begleiter auf dem 
Schloßbalkon) sich rasch die Zuneigung der Bevöl 
kerung gewann. Eine unterhalb der Oberfläche von 
Schaulust und Neugier schöpfende Antwort dürfte in 
dem ruhigen Urteil einer treuen Kasselanerin liegen: 
„Was uns den Übergang leider erleichterte, war die 
Unbeliebtheit der oder des letzten Fürsten und die 
Gewißheit, daß der Thronfolger noch weniger als 
dieser die Liebe des Volkes würde erwerben können. 
Was es uns aber sehr erschwerte, war, daß 
vieles so rasch zu unsern Ungunsten verändert wurde, 
was durch ein langsames mehr nach und nach Vor 
gehen uns den Übergang in andere Verhältnisse hätte 
erleichtern können." In der Tat wird jenes äußerlich 
Letzte seine Beleuchtung auch von der nächsten oder 
weiteren Folgezeit her gewinnen müssen. Die be 
sagte Beschleunigung soll übrigens „ganz gegen den 
Willen des Königs" gewesen sein. Dasselbe werden 
wir von der eigenartigen Beleuchtung annehmen 
dürfen, die die kurhessische Vergangenheit zuweilen 
in Altpreußen erfahren zu haben scheint. Zwanzig 
Jahre nach jenen „letzten Tagen" wußte meine junge 
Base aus der Mark nichts weiter davon, als daß der 
auf dem Friedrichsplatz verewigte Landgraf seine 
Landeskinder nach Amerika verkauft und sich selbst 
ein Denkmal errichtet habe. Hätte sie gar nichts 
davon gelernt, wäre das nicht weiter aufgefallen. 
So aber meinte man „die Absicht" zu merken und 
war verstimmt. — Ein vor wenigen Wochen ge 
druckter Roman von C. R. Vietor „Groß Macht 
und viel List" weiß von demselben Friedrich II. 
desto mehr, aber durchweg Ungünstiges zu erzählen, 
nimmt ihn aber wenigstens im Betreff des viel er 
örterten „Soldatenhandels" einigermaßen in Schutz. 
Den aufregenden Tagen vor dem diesjährigen Volks 
entscheid war es vorbehalten, alte, manchem un 
angenehme Erinnerungen aufzuwärmen. 
Rhöngruß. 
Ein Duft von Heidekraut! — Welch' ein Geflimmer! 
Ein kleiner Strauß, der auf dem Schreibtisch steht, 
Und über den die Zugluft leise weht, 
Er brachte mir die ganze Rhön ins Zimmer. 
Als ob ein Vorhang plötzlich aufgegangen, 
So schaue ich in fernes Land hinein, 
Auf wette Matten zwischen Felsgestein, 
Die in der Sonne letzten Gluten prangen. 
Indessen kann und soll hier — unter Ausschluß 
der Frage nach dem Recht geschichtlicher Taten — 
nur von Eindrücken die Rede sein, die für das Ur 
teil des Laien in Betracht kommen, nicht aber das 
jenige des Forschers bestimmen. 
Das „teuer werte Land", das Altmüller, und ein 
„deutscher Strom", den Dingelstedt besungen, be 
rühren sich vielleicht in einer Art Aschenbrödelrolle, 
die ihnen von verschiedenen Seiten — sehr unver 
dienter Weise — zugewiesen wurde. Wo sich beide 
bei der „Hafen"- und Hugenottenstadt des Land 
grafen Karl äußerlich und örtlich berühren, wo die 
Weser, von der Schillers Epigramm „gar nichts zu 
sagen" wußte, und die ich auf zwei Berliner Bild 
hauerwerken unter Deutschlands Strömen übergan 
gen fand — Hessenflur und Hessenwald bespült, da 
ragen über die Diemelmündung ein paar schroffe 
Felsen aus Buchen und Fichten empor, die hessischen 
Klippen geheißen. Mahnen sie an Klippenhaftes 
auch in der deutschen Geschichte, das längst über 
wunden ward, wie in Urzeiten das Felsgestein durch 
unaufhaltsame Fluten, oder an anderes, das der 
Überwindung wartet? — Eine Inschrift, die am 
Fuße eines dieser Felsen auf bescheidener Tafel die 
Wanderer grüßt, deutet anders: 
„Hessische Klippen" siehe sich trotzig hinter dir türmen, 
Aber zu weiteren Gau'n gleiten den deutschesten Strom! 
Landsmann, halte sie hoch, des Reiches geeinete Größe! 
Doch in geweiteter Brust halte die hessische Treu! 
Bei meinem letzten Besuch fand ich die Holztasel 
-gespalten. Sie wird sich leichter zusammenfügen oder 
erneuern lassen als die geeinte „Größe" des Reichs. 
Verhängnisvoller Zwiespalt zerklüftet das „Reich", 
das die Kaiserkrone drangab wie Hessen den Kurhut, 
und dessen Größe schwerste Einbußen erlitten hat. 
Die sie in Hoffnung hochhalten, erhitzen sich nicht 
an uralten Kriegsschuldfragen, ziehen auch keine 
falschen Schlüsse aus dem Aufgehen eines deutschen 
Landes in einem großen Reich auf ein Verschwinden 
Deutschlands in der Völkerwelt. Sie wissen, daß die 
besten Kurhessen allewege gute Deutsche sein wollten, 
und schmollen nicht über längst Vergangenes und 
Überwundenes. Aber sie empfinden als „Volk der 
Denker" mit ihrem Wilhelm von Humboldt: „Ich 
habe eine große Liebe für die Vergangenheit. Nur 
was sie gewährt, ist ewig und unveränderlich — 
wie der Tod, und.zugleich — wie das Leben, warm 
und beglückend." 
Rhönsommer! Wie befreit von aller Schwere 
Auf weichem Teppich schwebte unser Fuß, 
Wie sangen wir der schönen Welt zum Gruß 
Und jauchzend ihrem Schöpfer Dank und Ehre! 
Und Heide blühte auf den weilen Flächen! 
Heut' hat sie mir den Gruß der Rhön gebracht, 
Und eine Sehnsucht ist in mir erwacht 
Nach bunten Matten und Forellenbächen. 
Franzi Fliedner-Braun.
	        

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