Full text: Hessenland (38.1926)

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rnersen her, trafen sich gleichzeitige alte Burschen, 
der eine im Süden, der andere im Norden philif- 
strirend, — umhalseten sich mit innigster Rührung 
ob des Wiedersehens, nach so langen Jahren, und 
zwar durch eine so merkwürdige Veranlassung, — 
redeten sich als noch wirkliche Burschen mit den 
alten Kraft-Namen: Tu aller Eommersbruder, Du 
alter krenzfideler Knochen, — wo kommst Du her? 
u. s. w., an. — 
Ich dachte: das wird gut werden, und diese 
erste Scene sprach meiner Lebhaftigkeit in meinem 
57ten Jahre so zu, und elektrisirte mich gleich so, 
daß ich aufsprang, und mich ihnen auf der Stelle 
auch als alten Burschen zu erkennen gab. 
Es traten mehrere hinzu, und gleich waren wir 
Eines Sinnes und des festen Vorsatzes, unserm 
Philisterstand die Tage hindurch zu ignoriren, den 
Philister ab, und den Burschen anzulegen, ganz 
Bursch zu seyn, und uns nur als solche unter- 
einander zu betrachten. 
Diese Idee hatte sich bald durch uns bei allen 
alten Kumpanen verbreitet, und fand allgemeinen 
Beifall. Ohne Schmoltes gemacht zu haben, war 
schon in der ersten Nacht alles Ein Tu! 
Da hörte man rufen: Du Bruder, lebst Du auch 
noch, — wie geht's, wo kommst Du her? u. s. w. 
Ich ging nun weiter. Vor dem Gasthause zum 
blauen Löwen unten am Steinwege standen eben 
so eine Menge Wagen, und aus allen Fenstern 
sahen die Fremden, eben so rechts und links die 
Straße hinauf aus den Philisterhäusern. 
Da ging ein alter Bruder Pastor, dort ein Amt 
mann, in der Ferne noch ein Alter, jeder mit seinem 
jetzt hier ochsenden Sohne am Arm, diesem zeigend 
und sagend: siehe da oben in der Stube unterm 
Dache habe ich vor 30—40 Jahren gekneipt l , — 
in dem Hause haben wir einmal, von einem Com- 
merse vom Eurich knüll zurückkommend, die Fenster 
eingeschmissen, hier auf dieser ^Stelle rannte ich 
einem, mir mit einem Zuber voll Wasser entgegen 
kommenden Besen * an die Seite, daß ihm der Zuber 
auf dem Kopfe umkippte und das Wasser von oben 
bis unten überlief. Es war nicht recht, — ich emp 
fing auch meinen Text, — aber tob wollten wir 
uns über diesen Witz lachen. 
In der noch immer so engen so genannten Neu 
stadt und Wettergasse, wie sie noch nicht breiter ge 
brannt ist, wie auf einigen anderen Stellen ge 
schehen, wo es jetzt sehr schön geworden, war schon 
ein Getriebe durch die hinaus und hinab wogenden 
Menschen, daß man alle Augenblicke, zumal wenn 
Wagen oder Reiter kamen, zur Seite springen 
mußte. 
Jetzt kam ich auf die Ecke, wo es gerade aus ab 
wärts nach des Eurich«, jetzt Jaecklins, Hause und 
rechts durch die ebenfalls noch enge Marktgasse nach 
dem Markte zu geht. Hier drängte es sich noch 
mehr. Wie ich aber aus der Straße aufs Markt 
selbst trat, — Himmel, was ein buntes Gewoge! 
1 — gewohnt. 2 Dienstmädchen. 
Der alte wieder hergestellte Ritter war von der 
Menge der vor demselben sitzenden Burschen Wie 
belagert — aus den Fenstern sahen Fremde, — 
und der König von Preußen in der Barfüßer- 
Straße war gedrängt voll. 
Ich eilte nach meinem Jungen, noch Studirr- 
machers-Lehrbursche, um mich bei ihm umzukleiden, 
und bei ihm zu kneipen? Bei dieser Gelegenheit 
muß ich Dir kurz erzählen, weil ich mich auch dieses 
Termini technici mehrmals bedienen werde, woher 
jene und die daraus folgende Benennung, „Stndir- 
machergesell" entstanden und in Bank gekommen^ ist. 
Ein alter von uns erfährt vor ohngefähr lVa 
Jahren durch die in seinem Orte leer angekommenen 
Kutschen, daß sich Studios auswärts pauken woll 
ten, — geht vor die Kneipe, vor welcher die leeren 
Wagen stehen, trifft einen darinn sitzenden Schnur 
ren an, der ihm den Zweck seines Daseyns erzählt,— 
worauf jener, der Alte, einen offenen Warnungs- 
zeddel schreibt, mit der Anrede: Ihr Studirmacher- 
gesellen, nehmt Euch in acht, u. s. w. — und weil 
er nicht weiß, wo der Kampfplatz ist, giebt er den 
Zeddel einem Rindvieh von Kerl, mit dem Auf 
träge, sich oben vor das Thor zu stellen und den 
Zeddel dem ersten ankommenden Studenten zu geben. 
Zum Unglück kommt ein anderer Schnurre des 
Weges, den jenes menschliche Rindvieh für einen 
Studirmacher-Gesellen hält, und ihm den Zeddel 
aushändigt, — Was weiter aus dieser schnurrigen 
Schnurre erfolgte, erspare ich mir bis auf ein ander 
mal, — nun wieder zur Hauptsache überzugehen. 
Aber durch diesen Witz ist jene Benennung aus 
gekommen und zufällig adaequat. 
Nachdem ich mich einquartirt und umgekleidet 
hatte, durchstrich ich alle Straßen und sprach in 
allen Wirthshäusern vor, — und überall traf ich's 
in Bewegung durch schon Angekommene und noch 
Ankommende. 
Gegen Abend ging's nach Pfeifers öffentlichem 
Garten am Kämpsrasen, der zu unserer Zeit in der 
Größe, wie überhaupt damals kein großer öffent 
licher Garten, noch nicht existirte. 
Hier war der Zentralpunkt von den meisten 
bereits angekommenen alten Burschen und anderen 
Fremden. — Alles herzte, küße und drückte sich. 
Das Bosquet war erleuchtet, und was nicht umher 
wogte, das gruppierte sich in den verschiedenen 
Abtheilungen der Accazien-Bvgen, — und da gieng's 
denn wie eine Ouvertüre Von einer großen Oper 
mit Sang, Klang und Trank flott darauf zu, so daß 
schon in dieser ersten Nacht mancher alte Bursche 
stark in die Kanone kam. Das war ganz natürliche 
Folge des allgemeinen Jubels und Frohseins über 
das beginnende Fest. 
Hättest mal die bunten Gruppen der Alten mit 
den Jungen, Pastöre, Candidaten, Advokaten, Justiz- 
und Verwaltungs-Beamten, Lehrer, Doktores und 
Prosessores u. d. gl. sehen sollen, — und wie einer 
dem andern aufs Collet soff! 
3 wohnen. 4 — üblich geworden.
	        

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