Full text: Hessenland (38.1926)

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in vollem Umfang und sofort einzuführen, hatte 
man aber doch' nicht den Mut, und man suchte sich 
vor Mißbrauch dadurch zu sichern, daß vorher ein 
besonderes Gesetz gegen Preßvergehen erlassen wer 
den sollte — eine Einschränkung, durch die diese 
Bestimmung 3 Jahre lang um jede Bedeutung 
gebracht wurde. 
Es wäre nun außerordentlich verführerisch, den 
Inhalt der Verfassung einer kritischen Behandlung 
zu unterziehen, besonders in einer Zeit, in der Ver- 
sassungsfragen ohnehin im Mittelpunkt des Inter 
esses stehen. Es wäre das aber unhistorisch, da 
dann mindestens die Gefahr vorhanden ist, daß 
Maßstäbe angelegt werden, die nicht ihrer Zeit ent 
stammen und darum unberechtigt sind. Wir haben 
auch ausreichend Stimmen von Zeitgenossen, um 
festzustellen, daß der Jubel, mit dem die Ver 
fassung ^begrüßt wurde, allgemein und ehrlich war, 
daß man nicht nur die Tatsache freudig willkommen 
hieß, daß überhaupt eine Verfassung geschaffen war, 
sondern daß auch die Grundzüge und wesentlichen 
Bestimmungen vollen Beifall fanden. Namhafte 
Zeitgenossen wie Pölitz, der Herausgeber der Jahr 
bücher der Geschichte und Staatskunst, haben es aus 
gesprochen, daß die Verfassung in der Tat alles 
Wesentliche enthielt, was ein Grundgesetz enthalten 
muß, in den allgemeinsten Umrissen, weil die mit 
ihr zu verbindende organische Gesetzgebung das 
Einzelne im Geist und im politischen Charakter 
des Grundgesetzes ausführen soll. Dabei herrscht 
— so sagt Pölitz weiter — durchgehend ein libe 
raler, bisweilen selbst ein großartiger Sinn in 
dieser Verfassung. Sie huldigt mit gleichem Ernst 
und mit gleicher Würde dem monarchischen Prinzip 
wie dem Recht der einzelnen Staatsbürger und der 
Stände. 
Und ein anderer Mann, dem wir vorher schon 
unter denen begegnet sind, die sich um politische 
Aufklärung ihrer Zeitgenossen bemühten, der Nechts- 
anwalt Peter Siegmund Martin aus Homberg, sagt 
in einer Schrift, in der er die Verfassung für weitere 
Kreise behandelt: „Wir haben es nun wahrlich nicht 
mehr zu bereuen, daß wir in dem Versassungswerk 
um einige Zeit zurückgeblieben siyd; die anschei 
nende Zögerung hat das Ergebnis gereift, und 
unser Land hat ein öffentliches Recht, eine Ver 
fassung erlangt, die sich kühn den Verfassungen 
aller Staaten und Länder an die Seite stellen darf, 
ohne zu besorgen, von einer übertroffen zu werden. 
Gerade das aber ist ihr Köstliches, daß sie überall 
unseren örtlichen und Volkseigentümlichkeiten an 
gemessen ist." 
Daneben fehlte es auch nicht an'— wenn auch 
nur ganz vereinzelten — Stimmen, die radikalere 
Ansichten geltend machten und in ihren Gedanken 
gängen auf denen der französischen Revolution 
fußten. Mochten sich unter ihrem Einfluß auch hier 
und da Bewegungen zeigen, die in gänzlicher Ver 
kennung des geschichtlich Gewordenen kein Maß 
ihrer Forderungen kannten — sie waren tatsächlich 
vereinzelt und verstummten schon bald, sollen hier 
auch nur der Vollständigkeit wegen erwähnt werden. 
So schienen die Vorbedingungen für eine gedeih 
liche Weiterentwicklung des Landes gegeben; daß 
es anders kam und Zeiten unerquicklichster Art folg 
ten, liegt nicht etwa an der Unzulänglichkeit der 
Verfassung. Hier kamen Momente in Betracht, 
die die kaum behobene Mißstimmung von neuem 
auftauchen und bedenkliche Formen annehmen ließ, 
durch deren Auswirkung schließlich auch die wohl 
berechneten Bestimmungen der Verfassung nicht zur 
Auswirkung kommen konnten. 
Von der Dreihundertjahrfeier der Universität Marburg 
(27. - 31 Juli 1827). 
Vier Tage und vier Nächte auf dem Zten Secularfeste in Marburg. 
(Schreiben eines alten Burschen an seinen ehemaligen Universitäts-Freund.) 
Den 31ten July 1827. 
Tu bist wegen zu großer Entfernung meiner Ein 
ladung zu der, mit Ablauf der vorigen Nacht, be 
endigten 3ten Secular-Feier von Marburgs Phi- 
lippina nicht gefolgt. Deswegen muß ich Dir, wie 
ich Dir auf diesen Fall versprochen, so sehr mir 
auch der, in quali et quanto verschluckte Götter 
trank des Rhein's die Finger noch in zitternder 
Bewegung hält, (denn heute ist der erste Ruhetag, 
und ich bin schon wieder in meinem Philisterio) weil 
mir die Scenen noch alle frisch vor den Augen 
schweben, — eine umständliche Beschreibung von 
diesem merkwürdigen Feste schicken. 
Von den Einzelheiten mußt Du Dir dann das 
Ganze und Große in Deiner mir bekannten leb 
haften Einbildung selbst zusammenstellen, weil's 
durch Beschreibung unmöglich ist, — und um Dir 
das Bild als Wirklichkeit vor die Augen zu stellen, 
muß ich Dir Manches in der kräftigen Burschen- 
Sprache, die uns Alten, angesteckt durch die Jungen, 
die 4 Tage und 4 Nächte hindurch wieder recht 
geläufig wurde, ausdrücken. 
Das Zusammenströmen der Fremden hatte schon 
vom Anfange der vorigen Woche an begonnen, — 
aber am Freitage, dem Tage vor der Feier, war's 
über alle Vorstellung, und als ich um 7 Uhr Mor 
gens ins Elisabether Thor trat, und vor unsere alte 
Kneipe, die Krone (Ockershausen seel. Andenkens) — 
kam, war die mit Kutschen und anderm Menschen- 
fuhr-Geschirr wie eine Wagenburg umgeben, und im 
Innern kein Nest mehr leer. 
Beim Eintritt sah ich allen Gesichtern die er 
wartende Freude an. In der untern Stube rechter 
.Hand, Du kennst sie von imsern damaligen Com-
	        

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