Full text: Hessenland (38.1926)

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wiesenen Brief Landgraf Friedrichs II. neuerdings mit 
entsprechendem Kommentar abdruckte, in dem der Land 
graf angeblich sciü Mißfallen darüber ausdrückte, daß 
von einem nach Amerika transportierten hessischen 
Truppenteil so wenige seiner Landeskinder gefallen seien, 
weil infolgedessen weniger englische Werbungsgelder in 
seine Tasche flössen. Der Vorstand schickte der Redaktion 
unter Hinweis auf den Brunnerschen Aussatz eine Be 
richtigung zu, die denn auch von der „Welt am Montag" 
abgedruckt worden ist, aber an so versteckter Stelle, daß 
gewiß niemand sie gelesen hat. Daraus ergab sich, daß 
daß es gegenüber einer übelwollenden Presse ziemlich 
zwecklos sei, den Kampf gegen die Verleumdung hessischer 
Landgrafen, namentlich Friedrichs II. tvegen seines so 
genannten Soldatenhandels, aufzunehmen, und man hat 
daher von ähnlichen Schritten in der Folgezeit abgesehen. 
Einsichtige und wahrheitsliebende Geschichtsforscher glau 
ben ohnedies nicht mehr an jene Verleumdungen, und 
Leute, die sich ans parteipolitischen Gründen nicht be 
lehren lassen wollen, Ivird man ohnedies nicht zu einer- 
gerechten Beurteilung jener einzig aus den Anschauungen 
ihrer Zeit heraus zu würdigenden Vorgänge bekehren 
können. Endlich konnte auch mit der langersehnten Neu- 
aufstellung und Neukatalogisierung der Bibliothek be 
gonnen werden, nachdem es lange Jahre hindurch aus 
Platzmangel nicht möglich gewesen war, ihre gesamten 
Bestände für ihren wissenschaftlichen Zweck so.nutzbar zu 
machen, wie das wünschenswert gewesen iväre. Wenn 
auch die Neuordnung noch längst nicht beendet ist, so ist 
doch ein verheißungsvoller Anfang gemacht und der 
Zeitpunkt abzusehen, an dem die schönen Bestände der 
Vereinsbibliothek restlos erfaßt sein werden. Erfreulich 
ist auch, daß der Schriftenaustausch nicht unerheblich 
zugenommen hat. Es ist besonders zu begrüßen, daß 
hierbei namentlich Auslandsdeutschtum in den Balten 
landen, in Polen, in Ungarn, in Siebenbürgen und in 
Österreich stark beteiligt ist. Der Vorstand hält es für 
seine selbstverständliche Pflicht, gerade Anregungen ans 
diesen Kreisen entgegenzukommen, um unseren Stammes 
brüdern im Auslande die geistige Verbindung mit dem 
Heimatlande zu erleichtern und sie in ihrem oft schweren 
Kampfe um Erhaltung ihres Volkstums und ihrer deut 
schen Eigenart zu unterstützen. Die Mitgliederzahl, die 
infolge der Inflationszeit nicht unerheblich abgenommen 
hatte, ist im Berichtsjahre auf annähernd 1900 gestiegen. 
Der Verein darf also auch in dieser Hinsicht zuversichtlich 
in die Zukunft blicken, wenn nicht unvorhergesehene 
Katastrophen eintreten. Leider hatte der Verein auch 
eine Anzahl Todesfälle zu beklagen, von denen an dieser 
Stelle nur drei Namen besonders genannt seien: Kreis- 
pfarrer D. Wissemann in Hofgeismar, Prälat Monsi 
gnore Dr. Jestädt in Fritzlar und der greise, allseits 
beliebte Ehrenvorsitzende Generalmajor Dr. Eisentraut in 
Kassel. Der Vorsitzende machte Mitteilung, daß der Vor 
stand beschlossen habe, die nächste Jahresversammlung 
in Rinteln abzuhalten. Die Versammlung stimmte zu. 
Witzenhausen soll die Tagung 1928 erhalten. Der Ver 
einsbeitrag von 4 M bleibt bestehen. Die „Mitteilungen" 
sollen neu erstehen. Dem verdienstvollen Vorstands- 
mitglicde Dr. W e n ck, Marburg, soll zu seinem 
50. Doktorjubiläum ein Glückwunsch zugehen. Nachdem 
noch einige Anregungen gegeben und Anfragen erledigt 
worden waren, erfolgte Schluß der Hauptversammlung. 
Der Homberger Verein veranstaltete zwecks Neu 
belebung der dortigen Ortsgruppe am 16. August einen 
Vortragsabend, für den als Redner Liz. Metropolitan 
Dr. B ö t t e - Marburg gewonnen war, der über „die 
Arbeit als die Seele des Volkes" sprach. Mit größter 
Spannung verfolgten die zahlreichen Zuhörer die eine 
scharfe Beobachtungsgabe und genaue Kenntnis der 
Denkungsart der hessischen Landleute bekundenden Aus 
führungen. 
Die Petersberger Ortsgruppe des F u l d a e r Ge 
schichtsvereins unternahm am 18. Juli einen Ausflug 
nach der germanischen Fliehburg Milseburg mit ihrem 
mächtigen Steinwall, den geschickt angelegten Eingangs 
toren, der am Nordabhang liegenden Dorfanlage und 
den aus hohem Felsen verdeckten Winterwohnungen. 
Nach einem Gang durch den Urwald wurde der steile 
Liedenküppel erstiegen und die Reste der mittelalterlichen 
Veste der Ritter' von der Milseburg besichtigt und hier 
nicht nur die diese Stätte umwebenden Sagen, sondern 
auch die geschichtlichen Beziehungen erläutert, die zwischen 
diesen Rittern und den Ebersbergern, Ebersteinen sowie 
den Äbten Fuldas bestanden. (Bericht: Fuldaer Zeitung 
24. Juli.) 
Der Marburger Verein unternahm am 11. Juli 
einen Ausflug nach Schloß Braunfels und Weilburg. 
In dem zuerst im 13. Jahrhundert erwähnten und nach 
dem verheerenden Brand zu Ende des 17. Jahrhunderts 
erst in den achtziger Jahren in seiner mittelalterlichen 
Form wieder aufgebauten Schloß Braunfels übernahmen 
Baurat Seiler und Bausekretär Schellenberg 
die Führung. Sodann wurden die Sehenswürdigkeiten 
Weilburgs besichtigt, und besonders das schöne Schloß 
mit seinen auf engstem Raum äußerst geschickt an 
gelegten Gärten bewundert. (Bericht: Oberhess. Zeitg. 
24. Juli.) 
HennebergerVerein. Zu einer eindrucksvollen 
Veranstaltung gestaltete sich die vom Henneberger Verein 
als Erinnerungsfeier an zwei verdiente Männer und als 
Eröffnungsfeier der restaurierten Schloßtreppe gedachte 
Feier in den Räumen und im Garten des Schlosses zu 
Schmalkalden. Sind schon die historischen Räume des 
Schlosses dazu angetan, in dem Besucher eine nicht alltäg 
liche Feierstimmung zu erwecken und seine Gedanken rück 
wärts wandern zu lassen, so wurden die Teilnehmer durch 
den einleitenden Gesangsvortrag des Henneberger Damen 
chors „Ich kenn' ein hellen Edelstein" in die Stimmung 
geführt, um die bewegten Worte des Fachschuloberlehrers 
P i st o r, die von dem Gefühl der Dankbarkeit an Bau 
rat Kaufmann und Professor Fuckel getragen 
waren, mitzuempfinden. Herr Pistor würdigte Baurat 
Kaufmann als einen von warmer Heimatliebe erfüllten 
Menschen. In der Zeit seiner Amtstätigkeit im Kreise 
Schmalkalden habe er seine Kraft ganz in den Dienst der 
Heimatpflege gestellt. Wenn die Räume des Schlosses 
und die Gartenarchitekturen aus dem Zustand der Ver 
wahrlosung gerettet tvorden seien, so wäre das in erster 
Linie ihm zu danken, der in pietätvoller Weise die 
Wiederherstellungsarbeiten so geleitet hätte, daß die 
Räume nichts von der Schönheit vergangener Jahr 
hunderte verloren. Professor Arthur Fuckel, der vor 
drei Jahren verstorben ist, schilderte der Redner als 
einen Mann, der die Volksseele wie kein anderer ver-! 
standen habe, was seinen Niederslchag in den kultur 
geschichtlichen Abhandlungen und den mundartlichen Dich 
tungen gefunden habe. Von dem Idealismus ger 
manistischen Studiums erfüllt, tväre er immer darauf 
bedacht gewesen, das im Volke schlummernde Heimatgut 
zu retten. Zum Schluß forderte der Redner auf, die 
im Schloß aufgehängten Bilder der beiden verdienten 
Männer als eine Mahnung wirken zu lassen, auf ihrem 
Wege weiter zu arbeiten zum Segen der.Heimat und des 
Vaterlandes. Gegen 1 / 4 IO Uhr versammelten sich die 
Teilnehmer auf der Schloßtreppe. Viele Schmalkalder 
Einwohner hatten sich schon dort eingefunden, um die 
Wiedereröffnung eines der schönsten Baudenkmäler
	        

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