Full text: Hessenland (38.1926)

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staubten „Preziosa" verschönte und mit einem Vor 
trage, in dem er Weber als den Schöpfer der deutschen 
Oper leugnete und zum Schöpfer des deutschen Opern- 
t h e a t e r s umwandelte! Die Zukunft muß lehren, ob 
das Kasseler Publikum diesen bedenklichen Zug der Zeit 
zum I'art pour I'art auch in der Oper mitmachen ivill 
oder ob es sich auf das besinnt, was uns auch in Kassel 
Vom Schauspiel 
Wenn dieser kurze Bericht dem Leser vor Augen kommt, 
hat das Staatstheater seine Pforten bereits 
wieder geöffnet, und ein neuer, vielversprechender Plan 
beginnt der Verwirklichung entgegenzugehen. Die Ver 
öffentlichung dieser Übersicht zum neuen Spielplan ge 
schah zwar auch in den früheren Jahren, aber am Ende 
der Spielzeit zeigte es sich regelmäßig, daß lange nicht 
alle Blütenträume reiften, daß oft ein sehr empfindlicher 
Rest zu tragen peinlich blieb. Wird der neue Herr des 
Staatstheatcrs, dessen reiner und starker Künstlerwille 
größere Widerstände überwunden hat, dieser jungen Welt 
von Dichterpersönlichkeiten eines Barlach, Kornfeld, Kai 
ser, Klabund, Werfel zu würdigem Leben verhelfen? 
Wir heißen euch hoffen. 
Der Spielplan der letzten Monate konnte begreiflicher 
weise nicht von der gleichen belebenden Unruhe erfüllt 
sein, wie der der andern Bühne Kassels, wo neben dem 
künstlerischen Leiter der Kassierer ein ernstes Wort mit 
spricht. Doch fehlte auch hier eine gewisse Unruhe 
nicht, die weniger erfreulich war. Der Oberspielleiter, 
Herr Dr. Prasch, verläßt nach nur einjähriger Tätig 
keit seinen Posten. Das ist vielleicht bedauerlich, denn 
Herr Dr. Prasch hat gute und kluge Arbeit bewiesen, er 
bliev vornehm und vermied streng, durch „genialistische 
Leuchten" zu blenden. Unter seiner Leitung standen zwei 
Erstausführungen; zunächst Wedekinds „Marquis 
von K e i t h ". Wir wissen heute, nachdem auch der 
Expressionismus im Drama an uns vorüber raste, daß 
dieser Dichter seine Linien lange vorher vorausgezeichnet 
hatte. Was im „Marquis" auf den ersten Blick als 
flüchtig hingeworfen, als die krause, verwirrende Laune 
eines genialen Groteskzeichners erscheint, der „mit geist 
reichem Grinsen das Lob des Zuchtlosen singt", sind doch 
im Grunde Bekenntnisse eines innerlich tief Erschütterten 
über menschliche Eigenschaften und Einrichtungen. Das 
Raum- und Zeitlose der abenteuerlichen Ereignisse, diese 
seltsame Mischung von Leidenschaft, kalter Berechnung, 
bissigem Humor und Automatenhaftem, war in der 
Führung Dr. Praschs überzeugend festgehalten. Dazu 
kam, daß die beiden tragenden Gestalten — der aus den 
Tiefen des Lebens empordringende Mensch in seiner von 
den rvildesten Gegensätzen zerrissenen Seele, und der 
andere langsam in Irrsinn versinkende hochgezüchtete 
Aristokrat — von der starken schauspielerischen Kunst 
Kurt Uhligs und Ernst Wehlaus geschaffen wurden. 
Die andere Arbeit des scheidenden Spielleiters war die 
reichsdeutsche Uraufführung von Robert Faesis „O p f e r- 
spiel". Es ist ein von edelsten Gesinnungen, von 
einer tiefernsten Gedankenwelt getragenes Weihespiel, 
dem nur eins für den Bühnenerfolg fehlt, die vorwärts 
drängende dramatische Handlung. Sie fließt schon nicht 
allzu schnell in Georg Kaisers Drama „Die Bürger von 
Calais", das den gleichen geschichtlichen Vorgang — hier 
aber mit Blut und Nerven eines echten Dramatikers 
erfüllt — behandelt. Auch Facsi will das Gleiche wie 
Kaiser, die Reinheit des wahren Opfers zeigen, das nicht 
aus eigennützigen oder unreinen Quellen fließt. Der 
König in seiner Dichtung glaubt schon in den Bürgern, die 
sich für die Rettung ihrer Stadt dem Opfertode weihen, das 
Herz der besseren Menschheit schlagen zu hören. Er muß 
heute mehr beim je nottut: eine deutsche Oper, 
die nicht weniger modern, Bewegung, Gestaltung, Inten 
sität, Ausdruck zu sein braucht, die aber deutsch sein 
muß, nicht nach Herkunft und Namen, 'aber in ihrem 
innersten Wesenskern, und deutsch sein, das heißt Charak 
ter und Gewissen haben und Symbol sein für Inner 
lichstes und Letztes! Dr. G u st a v S t r u ck. 
im Slaatstheater. 
sich aber von seinem obersten Feldherrn, einem Menschcn- 
verüchter mit der verneinenden Seele eines Mephisto, in 
einer schlimmen Nacht überzeugen lassen, daß diese Bür 
ger „unrein Opfervieh" sind. Ein Wunder, von seiner 
engelgleichen Gattin vom Himmel erfleht, rettet ihn und 
die Stadt. Der Zimmermann, vom Sturmwind Gottes 
erfaßt, vom reinsten Opferwillen beseelt, erfüllt die 
Bürger mit feuertrunkener Glut. Sie ziehen, das Kreuz 
des Erlösers tragend, zur gemeinsamen Richtstätte, wan 
deln das Herz des Königs, der num die' Milde seiner 
Gattin walten läßt. Prasch hatte die großen und schwie 
rigen Volksszenen mit stärkster, innerster Wirkung ge 
staltet. Ein mächtiges Massenaufgebot schob sich mittelst 
einer Überbrückung vom Zuschauerraum zur Bühne. In 
Licht und Farbe getaucht, war es zuweilen, als wenn 
Bilder nach Meistern mittelalterlicher Kunst lebendig 
würden. 
Um die Nachfolge Dr. Praschs bewarben sich zwei 
Herren, und man darf als ziemlich sicher annehmen, daß 
die Wahl des zweiten beschlossene Sache war, noch che 
der erste kam. Dieser, Horst H offm ann, leitete zu 
erst die historische Komödie Bernhard Shaws „Cäsar 
uitD Kleopatra". Der jüngst mit Recht gefeierte 
siebzigjährige Dichter mit dem unverkalkten Herzen steht 
mit seinem Voraussetzungslosen Mißtrauen gegenüber 
allem, was gefeiert und sich als Held aufspielt, Wedekind 
am nächsten. Während aber der Deutsche bei aller Ver 
neinung leidenschaftlich empfindet, siegt bei dem Iren der 
Gedanke, das fein bespöttelnde, nicht immer befreiende 
Lachen über das Allzumenschliche. In diesem Sinne 
sind die Helden bei Shaw, ist auch seine Komödie vom 
wenig heldischen römischen Sieger und Staatsmann und 
der sechzehnjährigen Kleopatra aufzufassen. Auch hier 
läßt er, genau wie in seiner Johannadichtung, keine 
Gelegenheit vorbeigehn, ohne seinen lieben Landsleuten 
von der andern britannischen Insel eines auszuwischen. 
Diesen Zwiespalt hatte der gastierende Spielleiter streng 
beobachtet, die historische und auch die verfratzte Seite 
— ohne die letzte zu unterstreichen — kamen zu ihrem 
Rechte. Ernst Wehlau war ein klug durchdachter Cäsar, 
und Berta Hermanns Kleopatra glaubte man alle künf 
tigen Eigenschaften einer gekrönten schönen Teufelin, nur 
nicht ihre Jugend. — Derselbe Spielleiter löste dann die 
andere größere Aufgabe, eine Neuaufsührung des 
,, Coriolan ". Frei von jedem Herkommen gestal 
tete er die Römertragödie. Eine Reihe stark beleuchteter 
Bilder, aus dem Dunkel aufleuchtend, zogen in rastlos 
vorwärts drängender Eile an dem Zuschauer vorüber. 
So wurde der Held, von Karl Ebhardt in über 
schäumender Kraft erfaßt, zum strahlenden Mittelpunkt 
des Dramas, zum starken, beherrschenden Herrenmenschen; 
die sozialen Wirren des alten Rom schienen ihrer zeit 
lichen Gebundenheit gelöst. Nur eines blieb an dieser 
Neuschöpfung ein fühlbares Zeichen von Schwäche: die 
Gestaltung der Volksszenen. Diesem winzigen Häuflein 
von Gevatter Schneider und Handschuhmacher gegenüber 
schien der Zorn und zähe Haß des Aristokraten Coriolan 
unverständlich. 
Entschieden leichter hatte es der andere Gastspielleiter 
Herr Johannes T r a l o w , der den nicht ganz ge
	        

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