Full text: Hessenland (38.1926)

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Nötig hatten wir es nicht, so weit in die Ferne 
zu schweifen, denn da 
„Wu Vugelsbergs und Spessarts Höhn 
Verbroidert bei einander stehn" 
lagen unsere Menburger Berge mit ihren nur von 
wenig Wegen durchzogenen Wäldern, ihrem Wild 
reichtum und dichtem alten Baumbestand. Wald 
seen, auf denen gleich geheimnisvollen Märchen 
blüten träumerische Wasserrosen sich schaukelten, 
lagen in der Einsamkeit, und wem Diana hold war, 
der schaute im dunklen Tann den weißen Hirsch, 
deren es etwa ein Dutzend gab. Im Mai, wenn das 
Damwild seine Geweihe abwarf, zogen wer vor Tage 
hinaus und suchten Waldränder und Dickichte nach 
Schau,ein ab War es doch jedes Pennälers Stolz, 
mehrere Schaufeln zusammenzubringen, die vom 
Tischler auf künstliche Schädel zusammengeleimt wur 
den und einen geschätzten Budenschmuck abgaben. 
Im Vertrauen daraus, daß kein Büdinger Forstmann 
diese Zeilen liest, teile ich als Kuriosum eine im 
deutschen Waidwerk bisher unbekannte Knüppeljagd 
auf Hirschstangen mit, die wir in dem mit Wild 
stark besetzten Tiergarten abhielten. Das Damwild 
war dort so zahm, daß man mühelos bis auf geringe 
Entfernung herankam. Wenn wir auf einer Wiese 
einen Schaufler mit nur noch einer Schaufel ent 
deckten, so wurde er nach dem Waldesrand getrieben, 
wo hinter Bäumen versteckt die Keulenwerfer stan 
den. War der Verfolgte nahe, so stürmten diese her 
vor und schmetterten ihre Wurfgeschosse mit voller 
Männerkraft nach dem .Haupt des einseitig Geweihten, 
um durch diese zarte Nachhülfe der oft schon wackligen 
Schaufel ihren Ablösungsprozeß zu erleichtern. 
Aus der Höhe des Stulerts, des höchsten Berges 
in der Umgebung Büdingens, stand als Überhälter 
eine weitästige Eiche, die das halbwüchsige Buchen 
volk majestätisch überragte. In deren Krone hatten 
wir uns einen bequemen Mastkorb hineingebaut, von 
dem man über der Wälder weiten Rund hinaus»- 
schaute. Dieser einsamen Eiche überhundertjährig-es 
Herz wurde wieder jung und frisch ob all dem Selt 
samen, was sie zu sehe,: und hören bekam. Wald 
horn- und Geigenklänge zogen in stillen Mondnächten 
über die schweigenden Baumwipsel. Eine empfind 
same Seele weinte dort oben heiße Tränen über 
Werthers Leiden. Wenn aber Wind und Wetter 
um den Berg tobten, so erschallte Goethes trotziger 
„Prometheus" oder „Wanderers Sturmlied". Weh 
mütige Erinnerung steigt in mir auf, wenn ich mein 
Unterprinlaaufsatzheft zur Hand nehme und wieder 
mal den Aufsatz durchlese „Wem Gott will rechte 
Gunst erweiseü, Den schickt er in die weite Welt". 
„Die Arbeit ist schwungvoll geschrieben, ein böser 
orthographischer Fehler. Recht gut" steht darunter 
von der 5)and unseres verehrten „Alten". Kein 
Wunder, zu dem Schwung hatten alle guten Berg- 
und Waldgeister des Stulerts beigetragen, nur den 
bösen orthographischen Schnitzer mußte irgend ein 
griesgrämiger Kobold hineingehext haben. Welch 
revolutionäre Gedanken spukten in solch einem vonl 
Waldgott Pan erfüllten Primanergehirn herum! 
Mit einer Kaltblütigkeit, als hätten sämtliche ge 
lehrten Akademien Deutschlands dies Dogma auf 
gestellt, schrieb ich den Satz nieder: „Unsere Vorfahren, 
die in dem Rauschen der heiligen Eichen die Stimme 
ihrer Götter zu vernehmen glaubten, haben sicher 
dieser Offenbarung der Gottheit mit innigerer Andacht! 
gelauscht, als die Menschen heute in ihren steinernen 
Gotteshäusern die Worte des Pfarrers anhören." 
Auch weniger hochgemute Taten schaute der alte 
Eichenrecke. Mancher Dreimännerskat wurde ge 
droschen — war doch unser Büdingen eine hohe 
Schule dieses edlen Spiels, dessen Kniffe schon jeder 
honette Tertianer beherrschte —, manche Pulle 
Schnaps dazu geteert. Die Atzung eroberten wir 
uns des öfteren aus moralisch nicht ganz einwand- 
freie Weise. Aber sollten wir uns dessen schämen? 
Ein richtiger Büdinger Pennäler hat seine Odyssee 
nicht ohne inneren Nutzen gelesen und kann sich 
getrost mit dem vielverschlagenen edlen Dulder an 
Ersindungsgeist messen. 
Würger hieß er und war der Sprößling eines 
Wetterauer Dorfschulmeisters. Ein tückisches Geschick 
wollte es, daß seiner kümmerlichen, seitwärts ge 
legenen Dachkammer gegenüber sich der Räucher 
boden des benachbarten .Hosmetzgermeisters befand. 
Nur drei Meter Luftlinie trennten Würgers knur 
renden Magen von diesem Land seiner Sehnsucht, 
das ihm lieblicher dünkte als die Gürten der Hespe- 
riden. Tantalusqualen erlitt er, stundenlang stierte 
er trübsinnig durch seine Dachkammerluke und bohrte 
seine hohlen Augen in die fetten Würste und 
Schwartenmagen. In tiefempfundenen Sonetten 
strömte er seine Sehnsucht aus, Schopenhauer und 
Nietzsche las er, um seine fleischlichen Gelüste zu 
bändigen — alles umsonst. Angesichts der fett 
triefenden Herrlichkeiten von gegenüber schnurrte sein 
Kadaver zusammen wie ein zu scharf geräucherter 
dürrer Hund. Schon wollte er, um Körper und 
Seele zu retten, die Wohnung wechseln, da kam eines 
Tags über sein zergrübeltes Gehirn die Erleuchtung. 
Erst erprobten wir die Sache theoretisch, dann schrit 
ten wir zur Tat. Eiu an eine Schnur gebundener 
Pfeil mit Widerhaken wurde vermittels Flitzebogens 
in einen strammen Schwartenmagen geschossen. Der 
Angeschossene wurde mit einem an einer Stange 
festgeknoteten Rasiermesser abgeschnitten und plumpste 
in einen an einer zweiten Stange darunter gehal 
tenen Sack. Um den Verdacht von den Attentätern 
abzulenken, machten wir den Meister darauf auf 
merksam, daß wir öfters Katzen auf seinem Boden 
gesichtet hätten, worauf dieser eiuen schonungslosen 
Vernichtungskrieg gegen die ausnahmsweise mal un 
schuldigen Biester führte. 
Der „Bund waidmännischer Naturfreunde", dessen 
Jünger in Fährten und Nöten bisher immer als 
treue Kameraden zu einander gestanden hatten, füllte 
nach einjährigem Bestehen ein unverhofftes, unrühm 
liches Ende nehmen. Als Fundamentaldogma galt 
es, daß es für unsereiuen unwürdig sei, den Mädchen 
nachzulaufen. Mit strenger Rüge und hoher Geld 
strafe wurde jegliches Poussieren geahndet. Ander-
	        

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